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Brief von Raoul Hausmann an Grete Höch
  • Repro: Anja Elisabeth Witte
    • Raoul Hausmann (1886 - 1971)

  • TitelBrief von Raoul Hausmann an Grete HöchBriefkopf: "VERLAG DER TAGEBÜCHER / ARCHITEKT JOHANNES BAADER [...]".
  • Datierung31.7.1918
  • GattungBrief
  • SystematikKorrespondenz
  • MaterialPapier, gedruckt, handgeschrieben mit Tinte
  • Masse29 x 22,5 cm (Blattmaß)
  • Umfang4 Blatt (8 Seiten)
  • KonvolutNachlass Hannah Höch
  • InventarnummerBG-Ar 14/98,15
  • CreditlineSchenkung aus Privatbesitz, 1998
  • AusgestelltNein
Transkription / Beschreibung
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"31. A̶u̶̶g̶̶u̶̶s̶̶t̶ Juli 1918.
Liebe Grete, das wird ein merkwürdiger Brief werden. Ich will versuchen, Dir begreiflich zu machen, w̲a̲s̲ Hannah und ich zu klären und zu erfüllen haben innerhalb der allgemeinmenschlichen Beziehungen. Und da möchte ich Dich vorerst auf einige wichtige Bücher aufmerksam machen, die unbedingt gelesen haben muss, wer heute nur etwas vom Lebendigen erkennen will. Wir bedürfen vorläufig keiner Dichtung, kaum einer Philosophie.
Es ist alles im Gestaltetwerden begriffen. - Alfred Adler, der nervöse Charakter. Freud, Totem und Tabu. Fliess, vom Leben und Tod, und das Jahr im Lebendigen. Nietzsche, Genealogie der Moral. - Von Fliess lege ich Dir einen Zeitungsausschnitt bei. Nun mein Motto, von
Mereschkowski:
'Dies ist eine Krankheit, die nicht zum Tode, sondern zum Leben flihrt, eine Krankheit aus Gesundheit, eine notwendige Krankheit.'
Und Nietzsche:
'Was mein langes Siechtum angeht, verdanke ich ihm nicht unsäglich viel mehr als meiner Gesundheit? Ich verdanke ihm eine höhere Gesundheit, eine solche, welche stärker wird von allem, was sie nicht umbringt.'
Es handelt sich heute “im Weltkriege“ um die Freimachung des Erlebcns.
Die von Fliess entdeckte Periodicität von 23 und 28 Tagen im Ablauf des Lebens, proportioniert durch die Jahresverhältnisse der Vorfahren, ermöglicht ̶u̶̶n̶̶d̶̶ ̶̶m̶̶o̶̶d̶̶i̶̶f̶̶i̶̶c̶̶i̶̶e̶̶r̶̶t̶ in der Konfliktstellung des Eignen und Fremden eine bestimmte Leitlinie, dem Erlebenden unbewusst als Zwang zur Anpassung. Der Drang zur eignen Persönlichkeit, Proteststellung, Explosionspunkt der Neurose, modificiert von einer Verdrängungsmoral als ererbte Belastung
- vielleicht nur vom Epileptiker, bei dem moralische Hemmungen ausfallen, durehbrechbar (Napoleon, Dostoiewski, Nietzsche) als stärkeres Erleben, Balance; durch Auslösung aus der Familienatmosphäre, den Kindheitscomplexen als eigenes Erleben, das den Anderen herausreisst aus dem Zwang der Konvention. Diese Sätze sind ein ersterVersuch zu einer sehr tiefgreifenden Erkenntnis biologisch-psychoanalytischer Art. E̲i̲n̲ ̲V̲e̲r̲s̲u̲c̲h̲. Die Parallelerkenntnis lege ich in Schreibmaschinenabschrift für Dich bei. Ich betone, dass Epilepsie durchaus nicht somatisch-klinisch allein existiert: heute gibt es intellektuale Epilepsie. Dieser Fall, und sein Antagonismus, die grosse Hysterie, das sind Hannah und ich, aber, wohlgemerkt: wir haben eine Krankheit zum Leben, nicht zum Tode. Unser Schiksal [!] ist, in 'Reincultur' die Krankheitssymptome aufzuweisen und erlebend zu erledigen, an denen graduell verschieden alle Menschen leiden - aus einer Herkunfishemmung ihrem eignen, mehr oder minder bewussten Ideal gegenüber: Idealist zu erreichende, erkämpfende Aufgabe in der Realität. - Hannah und mein Ideal lautet noch anders, als dies in Hannahs Brief formuliert ist:
es ist die restlose Selbstauflösung in den innigsten, verantwortungsvollsten Beziehungen (nicht nur 'Ehe') die grenzenloseste Treue durch alle Kämpfe, Leid und Dreck zum 'Himmel'
- aber den hat Hannah in sich, zur Reinheit, die fehlt mir nicht - nur ist beides nicht so naiv plötzlich, ohne weiteres da, wie Hannah glaubt - unddarum wird sie untreu. Und da sie alles in sich fühlt und weiss, aber ihre und meine Herkunft, Abstammung, übersieht, so schiebt sie die Schuld auf die andre Frau. Das ist Schwäche. Ich habe auch die elendesten Augenblicke unserer Zusammenbrüche nie als Negativum gesehen - es war immer ein Versuch zum wirklichen Erleben - nur muss bei uns beiden auch die geringste Differenz, Abweichung von der grössten Reinheit und Intensität notwendig zur Katastrophe führen - und an der sind wir beide gleich schuldig, und darum sollten wir uns gegenseitig trösten, helfen und nicht - weglaufen. Nur was man aufgibt, ist (scheinbar) sinnlos. - Unser Erlebenswille ist so rein und so stark, dass unser Himmel (den wir beide in uns tragen, und den wir durch alle Höllen durch zu verwirklichen haben) erst s̲e̲i̲n̲ wird, wenn auch die letzten Reste von Familienatmosphäre, Kindheitscomplexen, Leitlinien, Proteststellungen aufgelöst sind: wir werden dann die ersten reinen Menschen ohne Hemmungen sein. Wir werfen alle Vergangenheit ab. Und das Bedenkliche ist hier: dass aus Hannah‘s Brief hervorgeht, dass sie das sieht, weiss, und verzweifelt und verlässt - weil sie auf eine andre Frau ablädt, was sie zu wenig stark selbst i̲s̲t̲. Sie sieht nicht, dass auch sie erst an ihr Ideal heranreifen muss - sie glaubt es schon zu sein; und wenn sie nicht mehr mit mir leben, d.h. zur Verwirklichung dessen gelangen zu können glaubt, was
nur ich und sie
verwirklichen können - dann müsste ihre Treue sich selbst gegenüber so weit gehen, dass sie von mir f̲o̲r̲d̲e̲r̲t̲, mit ihr zu sterben. Das schreibe ihr. Ich habe keine Furcht vor dem Tode, obzwar ich niemals so nahe dem: unacum uno war, als jetzt. Und Hannah müsste nur jetzt ganz energisch zu mir halten und sagen: stirb oder lebe mit mir, damit unser Erleben heilig bleibt!
Verstehst Du mich - es ist so schwer zu sagen. Ich bin ihr ganz und bis zu Ende treu. Und E. S. gegenüber war ich verpflichtet, bis sie frei werden konnte (aus Menschlichkeit verpflichtet, nicht aus Dankbarkeit) - sie ist jetzt frei. Und Hannah irrt mit ihrem Hass. Durch diese Frau gelangte ich zu Harmah - wäre vor 13 Jahren diese Frau n̲i̲c̲h̲t̲ gewesen - wer weiss, was mit mir geschehen wäre. E. S. hat mich vor dem Sexualelend des Mannes bewahrt: das dankte ich ihr und das sollte auch Hannah ihr gedankt haben. Aber meine Beziehungen zu dieser Frau sah sie immer falsch - und damit hat sie viel verdorben. Und so wie sie auf E.S., so war ich auf Euren Vater eifersüchtig, und habe damit noch mehr verdorben - ich hasse Väter. - Schreibe mir eine Zeile, dass Du begreifst, hier ist von “längere Zeit trennen“ nichts zu erwarten, davon darf nicht geredet werden. Dass Hannah unter der Trennung von mir leidet, siehst Du ja aus ihrem Brief. Aber sie glaubt h zu gut, und findet mich zu böse. Und ich - was soll ich von mir sagen? Ich will mein Leben flur Hannah geben - und ich bedarf so viel Mutes, jetzt nicht zu verzweifeln - ich könnte manchmal auslöschen und verloren gehen. - Liebe Grete. Tue das Äusserste. Du musst es tun. Bringe Hannah dazu, Dir zu antworten. Würdest Du es für gut halten, und es ermöglichen können, auf paar Tage hier her zu kommen, wenn ich Dir 100 Mark sende? -
Ich möchte gerne glauben können, Du erkennst, was hier vorgeht - und lässt alle Hemmungen, die nicht aus dem Menschlichen kommen, fallen. Ich muss so handeln, ich 'beschwatze' n̲i̲e̲m̲a̲n̲d̲ und Du fürchte nicht, meine “Agentin“ zu heissen - sieh doch unsere, Hannah‘s Hilflosigkeit!
Gruss R.
Bring sie zum Aufgeben der Angst, der Selbstsicherungen - wenn sie einmal im Tiefsten erkennt, durchschaut, mich und sich, ist alles gerettet"