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Abschrift des Heftes von Raoul Hausmann durch Hannah Höch
  • © Berlinische Galerie, Berlin / VG Wort, München
  • Repro: Anja Elisabeth Witte
    • Raoul Hausmann (1886 - 1971)

  • TitleAbschrift des Heftes von Raoul Hausmann durch Hannah Höch[Rückseite des Briefes von Raoul Hausmann an Hannah Höch vom 03.02.1918]
  • DateJanuar 1918
  • CategoryManuskripte
  • ClassificationAbschrift
  • MaterialPapier, handgeschrieben mit Bleistift
  • Dimensions16,5 x 21 cm (Blattmaß)
  • Amount4 Blatt (4 Seiten)
  • FondsNachlass Hannah Höch
  • Inventory NumberBG-Ar 14/98,29
  • CreditlineSchenkung aus Privatbesitz, 1998
  • On DisplayNo
Transcription / Description
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Additional Reproductions

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Abschrift des Heftes.
Januar 1918.
(Ich schrieb 1916 gegen Strindberg (Damaskus) “Nicht jeder Mann ist Adam;“ (Adam im Sinne der letzten verantwortlichen Mannheit;) wenn ich ihn hier zitiere, so zitiere ich ihn nur vom Augenpunkt der Analyse, negativ, i̲c̲h̲ stimme dem nicht mehr zu: wenn es das eben noch gibt, auch noch gibt: dieses analytisch-negative Weib-Sein,
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das er darstellt.)
Es liegt im Weib ein instinktives Verlangen, schuldlos zu sein, in ihrem Verhältnis zum Mami nämlich. Wer dieses Verhältnis mit dem ersten skeptischen Wort entheiligt, der hat ja Schuld auf sich geladen (oder die Austreibung aus dem Paradies verschuldet. Nun, sprach das verhängnisvolle Wort
Dann wächst die Schuld an, wenn das Wort gesagt ist, und wenn die Zeit erfüllt ist, beim Bruch, wirft sie die ganze Last auf ihn: Du hast das und das gesagt!... Später dachte er einmal:
Soll es so sein? Soll der Mann für
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sie tragen? Vielleicht vermag sie es nicht selber; vielleicht ist sie so... dass es ihr unmöglich ist, ein Gefühl wie Schuld hervorzubringen; vielleicht hält sie sich für unzulänglich, auf die Art, dass sie nur ein Medium ist, eine Zwischenhand für einen höheren Willen; oder fasst sich als eine Aufgabe, eine Idee. (Hier sagte ich vor 3Tagen, dass ich Deine Aufgabe:
Wiederstand, wohl keimte - aber es gäbe eine Grenze. Siehe: der Mensch ergreift Besitz.)
Indessen: wer einen Streit anfängt, pflegt ja zur Verantwortung gezogen zu werden; wer die Herausforderung annehmen und sich verteidigen muss,
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geht frei aus; das ist ein wichtiger Unterschied. (Ich sehe hier noch etwas anderes:
gemeinsame Verantwortung für den “Andern.“)
Wenn sich das Mädchen verheiratet (also, meint Strindberg, nach der Aufgabe der Jungfernschaft) und besonders nach dem Kind, pflegt sie ihren Charakter zu ändern. Auch während der Schwangerschaft macht sie solche Verwandlungen durch, dass man sie nicht wiedererkennt... Und während der Periode des Weibes, die sehr geheimnisvoll ist, scheint sie in Verbindung mit dem
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Unterirdischen zu stehen. Eine höllische Bosheit ist verbunden mit einer Ummaskierung. sie bekommt ein neues Gesicht, neue Begierden und Neigungen, aber meist Verlangen nach dem unsinnigen. Sie sondert während dieser Tage ein Gift ab, das ist Tod; und ihr ganzes Wesen ist dann giftig. (Bei Verzögerung der Periode können die Tage vorher schon so eine AutoToxikation vorstellen; siehe übrigens die Tatsache, dass manche Blumen welken, wenn eine Frau während der Periode sie berührt.)
Der Staub des Weibes scheint aus einer feineren Materie zu sein, als der des Mannes, und eine ihrer Seelenhüllen auch.
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Wenn der Mann sie daher in seine Seelenhülle einführen, und sie wirklich unter der Haut besitzen will, muss er sein grobes Fleisch durch Entsagungen und Pflege reinigen; er muss sein selbstsüchtiges Böse ausroden, seinen Geist mit all den schönen Eigenschaften schmücken, die er besitzen möchte, aber vielleicht nicht hat. Dann erst kann seine Braut Einzug in sein Herz halten, und ist sie dort, so braucht er die Klappen nicht zu schliessen, solange er nämlich rein und “fein“ hält in den beiden Flammen und in der Vorkammer.
Siehe übrigens wieder: Der Mensch ergreift Besitz; ausserdem gibt gilt
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hier: Paulus, “Doch ist im Herrn weder Mann ohne Weib, noch Weib ohne Mann; denn wie das Weib vom Manne ist, so ist aus [!] der Mann durch das Weib, aber alles ist von Gott.“)
Was ich unter dem Andern, Fremden, in sich selbst und unter “Wir“ und unter “Vertrauen“ verstehe - das schliesst meine Verantwortung zu mir und von mir in der Erkenntnis des eignen und des fremden Fehlers ein. Die Selbsterkennung erschliesst mir den Andern. -
Glauben: an das Wir, wie an das
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Ich muss man bei sich herstellen, von sich aus besitzen. Vertrauen, innerst, stellt jeden Augenblick den nur persönlichen Schmerzantrieb nicht etwa zurück: sondern erkennt ihn als Zerreissung dieses Wir und schaltet ihn aus. Wer nur seinem Conflikt nachgibt, entzieht sich, oder will sich entziehen: der gemeinsamen Verantwortung, der Gewissheit über das Einzel-Ich hinaus."