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Brief von Hannah Höch an Grete Höch (Fotokopie)
    • Hannah Höch (1889 - 1978)

  • TitelBrief von Hannah Höch an Grete Höch (Fotokopie)
  • Datierung[vermutlich 1919]
  • GattungBrief
  • SystematikKorrespondenz
  • MaterialPapier, handgeschrieben mit Tinte, fotokopiert
  • Masse29,5 x 23,5 cm (Blattmaß)
  • Umfang4 Blatt (4 Seiten)
  • KonvolutNachlass Hannah Höch
  • InventarnummerBG-Ar 14/98,23
  • CreditlineSchenkung aus Privatbesitz, 1998
  • AusgestelltNein
Transkription / Beschreibung

"Liebes Gretelein,
die Nachricht, dass Du so elend bist hat mich sehr erschrocken. Nun hoffe ich sehr, dass es
Dir nun wieder besser geht; ich nehme an dass Du nun schon wieder in München bist. Schreibe bald mal, ich sorge mich um Dich. Über die netten Kleinigkeiten im Paketel haben wir uns sehr gefreut und ich bedauere nur, dass der Brief für mich nicht mitkam. Ich dachte schon Du seist mir innerlich böse obgleich ich mir nicht recht denken kann warum. Damals, als ich Dir sagte: R. war beinahe etwas böse auf Dich, dachte ich wenn ich es ihr sage und auch dass ich ihm (R) gesagt hatte dass ich Sich 'so' zu schreiben zwang - müsste alles gut sein. Und doch kamen mir jetzt manchesmal Gedanken als ob Du dabei doch mit etwas nicht fertig geworden wärst. Beweist nicht, dass ich alles in Ordnung gebracht hatte, dass er Dir verschiedentlich Manuskripte schickte? -
Ich habe es mit Ihm sehr schwer, Gretelein - damals noch, im Januar vor einem Jahr, da war mir noch alles so vollkommen unklar, so, dass ich nur verzweifelt war und totunglücklich, so, dass ich D̲i̲c̲h̲ damals sogar quälen konnte, Gretelein, heute ist es anders. Ich sehe, sehe, und zwar Furchtbares, aber ich sehe doch wenigstens, ich tappe nicht so im Dunkeln. Ich trage mein Los mit Fassung und versuche mit aller Krtaft nicht daran zu Grunde zu gehen. Ich bin sehr zäh und will tapfer sein. Ich habe es sehr, sehr schwer und bin manchesmal sehr müde - aber ich darf nicht einschlafen - nicht um seinetwillen, er ist und das weiss ich heute besser und sicherer denn je, ein ganz bedeutender Mensch; und da muss mein kleines ich ganz duldsam sein und sehr demütig. Ich dachte: jeder Mensch hat das Recht seine Wünsche und Instinkte, sofern sie rein sind, zu erfüllen zu trachten. Heute weiss ich: für eine wertvolle Sache muss man opfern - oder auch geopfert werden. - Liebes Gretelein, von Dir weiss ich jetzt so wenig. Warum bist Du eigentlich vom Verlag Müller weggegangen. Und sag, hast Du auch wieder schweres durchgemacht dass Du jetzt so elend bist? Ich wünschte so sehr, Du fändest einen Platz wo Du, und wenn es nur für eine Zeit wäre, ausruhen könntest. Ich meine einen Menschen den Du lieb hättest und der Dich so liebte, dass er Dich behüten möchte. Für Frauen wie wir es sind gibt es aber heute noch keine Männer, sicher bringt die Zeit, die aus unserer Revolutionierung geboren wird, w̶i̶r̶k̶l̶i̶c̶h̶ einmal auch unseresgleichen den Ausgleich, wir aber sind Kämpfer. Auch wir Frauen. Wenn auch ein Mensch wie R. das sichtbar macht a̶u̶s̶p̶r̶o̶d̶u̶z̶i̶e̶r̶t̶ was aus unserem Verhältnis erkämpft wird, so leisten wir, wir Frauen auch u̶n̶s̶e̶r̶ ̶T̶e̶i̶l̶ ein nicht Unwesentliches, nur dem d̲e̲m̲ Bewusstsein davon ist man überhaupt imstande ein Lieben wie mir es zuteil wurde zu ertragen.
Gretelein, politisch sind wir natürlich ganz radikal. Wir wissen nur durch den Bolschewismus kommt diese verdreckte Karre Europa oder vielmehr Menschheit wieder einmal ins rollen. Aber politisch will ich mich jetzt hier nicht ausbreiten. Dann müsste ich Bände schreiben und vor Allem: er hat jetzt so vieles Wichtiges formuliert, dass ich wohl alles sehe und verstehe dass ich aber mit weniger Zeilen nicht abtun möchte.
Weihnachten wäre ich gern nach Gotha gefahren. Hatte alles vorbereitet, gespart, bei Ullstein vorgearbeitet etc. Aber der alte Herr machte einen Strich durch die Rechnung. Ich schrieb ich würde gern auf 4-5 Tage kommen aber nur wenn ihnen R.H. auch willkommen sei. Darauf schrieb er mir — - Quatsch und er solle nicht kommen. Quatsch ist ... Ausländer - ... kann nichts von deutschen Weihnachten wissen wollen ... etc. unerhörten Quatsch. Da habe ich ihm diverse gesalzene Episteln geschickt - die er sicher zum Teil niemals verstehen kann. Z.B. etwas über Loge, Freimaurerei - als international und so fort. Konnte natürlich auf nichts sachlich antworten und so besteht diese Spannung weiter.
Gretelein, es wird doch Frühlung und bald gibts wieder Blumen und Sonne, und wir wollen tapfer sein. Willst Du mir auch bald mal schreiben? Auf jeden Fall recht schnell eine Karte wie es Dir geht?
Deine Hanna.
Gruss R."