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[Der Konflikt des Eigenen und Fremden.]
  • © Berlinische Galerie, Berlin / VG Wort, München
  • Repro: Anja Elisabeth Witte
    • Raoul Hausmann (1886 - 1971)

  • Titel[Der Konflikt des Eigenen und Fremden.]Exzerpt eines Textes von Otto Gross
  • Datierung1916
  • GattungManuskripte
  • SystematikExzerpt
  • MaterialPapier, handgeschrieben mit Tinte
  • Masse21 x 16 cm (Blattmaß)
  • Umfang5 Blatt (9 Seiten)
  • KonvolutNachlass Hannah Höch
  • InventarnummerBG-Ar 14/98,27
  • CreditlineSchenkung aus Privatbesitz, 1998
  • AusgestelltNein
Transkription / Beschreibung
Weitere Abbildungen

"Der Konflikt des Eigenen und Fremden (Otto Gross)
In der Tiefe des menschlichen Innern lebt ein Konflikt, der die seelische Einheit zerreisst. Dieser Konflikt ist in jedem Menschen, diese seelische Zerrissenheit durchzieht die ganze Menschheit, und diese Erkenntnis führt in die Versuchung, das Leiden an sich selbst als unvermeidbar, den inneren Konflikt als etwas 'Normales' zu sehen.
Das Kind in der bestehenden Familie erlebt zugleich mit dem Beginnen des Erlebenkönnens, dass ... sein angeborenes Wollen ... nicht verstanden und von niemandem gewollt wird. Dass keine Antwort kommt auf die Erlösungsforderung: die eigene Persönlichkeit behalten, und nach den eigenen angeborenen Gesetzen lieben können ... auf die grenzenlose Angst des Kindes in der Einsamkeit hat die Familie ... die Antwort: sei einsam oder werde, wie wir wind. Kein mensch vermag bereits als Kind auf Liebe zu verzichten ... weil der Trieb zum Anschluss an die Anderen so arterhaltend wie das Streben zum Bewahren des angeborenen eignen Wesens ist ... Die Angst der Einsamkeit, der Trieb zum Anschluss zwingt das Kind, sich anzupassen: die Suggestion von fremdem Willen, welche man Erziehung nennt, wird in das eigene Wollen aufgenommen. So bestehen die Meisten geradezu allein aus fremdem Willen ... Allein wenn auch kein einziger ... es vermag, das aufgefrängte völlig von sich femzuhalten, es gibt auch solche, welche das Wesenseigene nie ganz verlieren können. Das Schicksal dieser Menschen ist der innere Konflikt des Eigenen und Fremden, die innere Zerrissenheit, das Leiden an sich selbst.
Die Angst der Einsamkeit des Kindes ist der erste, ursprüngliche und entscheidende Zwang zur Umwandlung des Willens zur Erhaltung der Individualität in den 'Willen zur Macht', von dessen unabsehbarer Bedeutung in den inneren Konflikten mich die Forschung Alfred Adlers überzeugt hat. Mit dieser Umwandlung ... ist eine vollkommen[e] Dissoziierung und Gegensatzstellung der beiden ursprünglich harmonisch einheitlichen Triebkomponenten gegeben, für welche ich früher die Formulierung gefunden habe: sich selbst nicht vegewaltigen lassen und andere nicht vergewaltigen wollen
Es ist die Konsequenz der Gegensatzstellung, dass ... sich ... das Kräftespiel des Nichtvergewaltigtwerdenwollens und Nichtvergewaltigenwollens in modificierter Form der beiden Impulse äussert als innerer Konflikt von Willen zur Macht und Selbstaufhebung ... Als das Moment, das Adlers Erklärungen am meisten problematisch gelassen haben, erscheint mir das Phänomen des Masochismus (sich und andre quälen) im weitesten Sinne des Wortes. der sadistich-masochistische Erscheinungskomplex ist nur ... Ausdrucksform der sexuellen Destrulctions- (Zerstörungs-)Symbolik ... die dasVerschmelzungsresultat der Sexualität mit den erworbenen Endeinstellungen Wille zurMacht und Selbstauffiebung ist. ... die ungelösten inneren Konflikte und die Konfliktsymbolik, die als ihr Ausdruck aus dem Unbewussten kommt, entstehen durch den Druck von übermächtigen und unerträglichen Tatsachen der umgebenden Gesellschafts- und Familienordnung. Es ist ... wohl nicht mehr zweifelhaft, dass die bestehende Familienordnung, die Vaterrechtsfamilie, die mit der Menschheitsentwicklung von Anbeginn her sich mitentwickelt hätte, d̶a̶s̶s̶ ... Als uranfängliche Institution erkennt man das freie Mutterrecht. ... Ober den Übergangsvorgang vom Mutterrecht zur jetzt bestehenden Familienordnung besteht ... die ... Vermutung, dass die bestehende Form der Ehe als sogenannte Raubehe ihren Ursprung genommen hat. ... Sei dem wie immer, aufjeden Fall müssen wir erkennen, dass die bestehend[e] Familienordnung auf den Verzicht auf Freiheit der Frau gestellt ist, und dass diese Tatsache im innern sexuellen Konflikt, .. in der sexuellen Vergewaltigungs- und Destruktionssymbolik ihren notwendigen psychologischen Ausdruck findet. ... In der bestehenden Gesellschaftsordnung, dem Vaterrecht, wird die Ermöglichung der Mutterschaft der einzelnen Frau vom einzelnen Manne geboten, und dies bedeutet die materielle und damit universelle Abhängigkeit der Frau vom Manne
um der Mutterschaft willen.
Der Trieb zum Muttersein in der Frau ist ... zweifellos ein angeborener und unveräusserlicher Grundinstinkt, und die ... Gesellschaftsordnung erzeugt mit der der Frau gestellten Alternative zwischen dem Verzicht auf das Muttersein und dem Verzicht auf freie Selbstbetätigung die Konfliktbildung zwischen den beiden essentiellen Grundinstinkten in der Frau: des spezifisch weiblichen Triebes ..‚ und des allgemeinmenschlichen zur Aufrechterhaltung der Individualität. Der Mutterinstinkt gehört so sehr zum Wesen der Weiblichkeit, dass sich die innere Gegensatzstellung zu diesem Instinkt nur als V̲e̲r̲n̲e̲i̲n̲u̲n̲g̲ der eignen Weiblichkeit selbst, als Wunsch nach Männlichkeit psychologisch manifestieren kann. Und das bedeutet, dass aller Wille zur eigenen individuellen Selbständigkeit ... sich ... mit einer Art von homosexueller (gleichgeschlechtlicher) Endeinstellung associieren muss. Und ebenso ergibt es sich aus der der Frau gestellten Notwendigkeit, auf ihre ... Selbständigkeit zu verzichten, wenn sie Mutter werden will, dass sich der Trieb ... und damit das Weibseinwollen überhaupt an sich mit einer menschlich und sexuell passiven Endeinstellung, mit einer masochistischen Triebkomponente verknüpfen muss. Es ist ... selbstverständlich, dass ... dieser tiefste innere Konflikt der Frau nur dort erhalten bleibt, wo sich ein unverlierbarer Wille zur Freiheit, ein Wille sich nicht vergewaltigen zu lassen, erhalten kann. Das heisst also in den Allerwenigsten.
Allein in allen Frauen erhält sich, sei es bewusst oder unbewusst, sei es mit innerlichem Ja oder Nein, das innere Gefühl, dass sie mit ihrer Sexualität und Mutterschaft sich vergewaltigen lassen: die Vergewaltigungs- und Destruktionssymbolik für Sexualität und Mutterschaft. Gleichwie in allen Männern, sei es bewusst oder unbewusst, mit innerlichem Ja oder Nein, sich unverlierbar ein Gefühl erhält, dass ihre sexuellen Beziehungen zur Frau im Grunde Vergewaltigung sind. (Otto Gross) Vergleiche dazu 'Der Mensch ergreift Besitz von sich' (R.H.) dann weiter: Kreuzweise
Wechselbeziehung besteht zwischen dem wahren Subjekt in uns (Gott) und der objectiven
Äusserung; also sexuelle Färbung nicht des Subjekts, aber dessen Differenzerscheinungen.
(Geist-Seele wird Adam, Eva.) -
Herausreissen
das falsche Geschlecht aus dem Gipfel Gottes, des unversehrtesten Seins in des Menschen Brust: vernichten die Vorherrschaft des Mannes als Der Gott, Der König, Der Vater. Mann als Abkömmling, Ausfluss, des gemeinsamen Seeleng̶r̶u̶n̶d̶e̶s̶ quells, des göttlichen Grundes; Ableitung, Einzelung, wie Weib - so Mann, keine Vorherrschaft, die Gewalt wäre, sondern Ausgleich. Entzweiung im Handeln, zurückflihrend auf gleichen Grund. Welt - Geist - Gewalt will endlich demütige Einsicht: Gewalt löst auf, es ersteht gegeneinander über die Welt Adams, die Welt Evas, gleichermassen teilhaftig des innersten Ursprungs, Formen der göttlichen Seele.
Das Grundböse in aller Unschuld ist gleich dem stärksten Guten - woher bei Nietzsche 'der bleiche Verbrecher'? Du U̲m̲w̲e̲r̲t̲e̲r̲! - Dazu das Weib “flach“! Nun ist aber Wissen zugleich Wissen um das Böse, das Weib als gewissenloses Wesen ist stark, also unfiach. Das Weib macht sich frei, sich Geist schaffend von der Peripherie zum Centrum hin, in aller Unschuld. - Der Mann ist viel mehr Wollender: Ethos als Gebrechen. (Dies haben Nietzsche und Strindberg übersehen!) Die Geburt des Grundhasses der Geschlechter aus der Gewalt und dem schlechten Gewissen! Der Wissende ist frei von schlechtem Gewissen!
R.H. 1916"