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[Die Freimachmachung des Erlebens.]
  • © Berlinische Galerie, Berlin / VG Wort, München
  • Repro: Anja Elisabeth Witte
    • Raoul Hausmann (1886 - 1971)

  • Titel[Die Freimachmachung des Erlebens.]
  • Datierung17.6.1918
  • GattungManuskripte
  • SystematikTyposcript
  • MaterialPapier, maschinengeschrieben mit handschriftlichen Ergänzung und Streichungen in Rotstift und Bleistift
  • Masse28,5 x 22 cm (Blattmaß)
  • Umfang2 Blatt (2 Seiten)
  • KonvolutNachlass Hannah Höch
  • InventarnummerBG-Ar 14/98,31
  • CreditlineSchenkung aus Privatbesitz, 1998
  • AusgestelltNein
Transkription / Beschreibung
Weitere Abbildungen

"b̲i̲t̲t̲e̲ ̲z̲u̲r̲ü̲c̲k̲s̲e̲n̲d̲e̲n̲!
Die Freimachung des Erlebens.
In der bestehenden Familie ist durch die Herrschaft der Vaterrechtsidee, Ueberschätzung des Mannes, das Kind gezwungen, die Konfliktstellung des Eigenen und Fremden in der Form einer Ueberkompensation (der Leitlinie Alfred Adlers) für sich zu lösen; um erlebensfähig überhaupt sein zu können zwingt es sich von vornherein zu einer unbewusst falschen Wertung aus einer unerkannten Proteststellung. Die unfreiwillige Einstellung auf Vergewaltigung oder Anpassung löst die weiteren Differenzierungen wie Trotz, Scham, etc. überhaupt protesthafte Umgruppierung seiner ganzen Erlebenskomplexe aus. Die umgebende Familienatmosphäre, Beziehungen zu den Eltern oder Geschwistern, wird je nachdem Inzestkomplexe, Sadismus, Masochismus, als Selbstrettungstendenz aus der primärsten Konfliktstellung des Eigenen und Fremden herausgestalten. Die Familie wirkt lähmend auf das Wissen um die eigene Sicherheit, es ergibt sich eine Herabminderung der Equilibrierungsfähigkeit des Einzelnen, seiner Komplexhaftigkeit, aus einer Tradition der Selbstrettung, Machtwillens, statt der unbekümmerten Auflösungsfähigkeit. Aus dieser Tradition entsteht eine Kräftestapelung als eigentlicher Konservativismus, Bewegungslosigkeit eines nicht den gesamten Diameter des Erlebens umfassenden Zustandes, der der Realität deshalb nicht fähig ist oder wird, weil er an ihr nur die traditionell, technisch einseitigen Aeusserungen wahrnehmend zu werten imstande ist. Dieser, in allen, auch verändertsten Zuständen ewig mit dem gleichen Automatismus unbewusst Minderwertende, eigentlich Gehemmte, Verdränger statt Bei aber jedes nur irgend erlebbaren Seins, leidet an ewiger Falschnehmung und ist aus der Familienatmosphäre heraus zu einem pessimistischen Egoismus gegen seine innerste Tendenz gezwungen. Die Ablösung von einer Autorität des Fremden gelingt ihm deshalb nicht, weil er gewohnheitsmässig um die Erhaltung seines eigenen Machtwillens, seine Persönlichkeit, kämpfen muss, aber damit sein eigenes und jedes andere Erleben fälscht und verrät. Er bewegt sich in ihm aufgezwungenen Gegensätzen, ohne das eigentlich Widersprüchige im Erleben des Eigenen und Fremden jemals von dem Hebelpunkt aus balancieren zu können, von dem aus dieses zur gegenseitig bedingenden Durchdringung sich erhebt. Nicht er, als Erlebender, balanciert diesen Konflikt, sondern ängstlich und schamhaft, hilflos selbstrettend, verteidigt er den für ihn wichtigeren inneren Antrieb des eigenen Seins - auf dessen Beweglichkeit er nur mit Misstrauen antworten kann. Diesen Menschen zur Bindung in Beziehungen rein von seinem zunächst körperlichen Sein aus zu führen, scheitert immer wieder an der Umbiegung seines lnstinkts durch individuelle Hemmungen aus den Kindheitskomplexen, die den Einzelnen statt zum ungehinderten Erleben, von vornherein zu einer aus der Familienatmosphäre bestimmten Umwertung alles Erlebens dringen - durch Festhalten an der unbewussten Leitlinie. Seine Sicherheit im Vertrauen auf den Besitz auch des Fremden, des Anderen, ist unerreichbar aus dieser Gebundenheit heraus, die ihn dem Andern gegenüber zu Ressentiment und Agressionsumkehrung als einziger Rettung seines eigenen Machtwillens automatisch, gegen sein Wollen und Erkennen sogar, führt. Dieses Ressentiment lässt ihn nicht den Andern in sich erleben - die aufgezwungene Minderwertigkeitstradition stellt den Auflöser, den Anderen, als gegen ihn selbst gerichtet vor - in dem verzweifelten Kampf um sich selbst, als dem Anderen, unterliegt er stets wieder der Gewalt der unbewussten Leitlinie, weil er aus ihr bei sich selbst den Kampf und den Willen zur Selbstauflösung wahrnimmt, ohne ein sicheres Wissen um seine (noch traditionell) egoistisch technische Protesteinstellung. Nur die klare Erkenntnis seines Kampfes gegen die in der Familie notwendig gebundenen Kindheitskomplexe, daraus gebildeten Leitlinien als Vergewaltigungstendenz, als Hemmung seiner Erlebensfähigkeit wird ihn nicht dem Fremden, Anderen, ausliefern (blind zustimmend) sondern die Sicherheit im Vertrauen auf das Erleben der Beziehungen in der Gemeinschaft finden lassen. Der ganze Kampf um oder gegen den Anderen löst sich auf in Gemeinschaftsbeziehungen, wenn die Erkenntnis der Falschwertung aus der unbewussten Leitlinie als fortwährende Balance der ̶i̶n̶ j̶e̶d̶e̶m̶ A̶u̶g̶e̶n̶b̶l̶i̶c̶k̶ a̶l̶s̶ S̶e̶l̶b̶s̶t̶s̶i̶c̶h̶e̶r̶u̶n̶g̶ o̶d̶e̶r̶ a̶l̶s̶ u̶n̶b̶e̶k̶ü̶m̶m̶e̶r̶t̶e̶ S̶e̶l̶b̶s̶t̶a̶u̶f̶l̶ö̶s̶u̶n̶g̶ o̶h̶n̶e̶ H̶i̶n̶e̶i̶n̶s̶p̶i̶e̶l̶e̶n̶ d̶e̶r̶ V̶e̶r̶g̶e̶w̶a̶l̶t̶i̶g̶u̶n̶g̶s̶t̶e̶n̶d̶e̶n̶z̶ i̶n̶ d̶i̶e̶ Konstrastverschlungenheit des f̶o̶r̶t̶w̶ä̶h̶r̶e̶n̶d̶ unaufhörlich beweglich gestalteten Gesamterlebens gelingt, ohne Unterschiebung der eigenen Sicherungstendenzen in das Erleben des Anderen.
17. Juni 1918 Raoul Hausmann"