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Brief von Hannah Höch an Elfriede Schaeffner
  • Repro: Anja Elisabeth Witte
    • Hannah Höch (1889 - 1978)

  • TitleBrief von Hannah Höch an Elfriede Schaeffner[vermutlich Abschrift durch Raoul Hausmann, von Hausmann an Grete Höch]
  • Date22.8.1918
  • CategoryBrief
  • ClassificationAbschrift
  • MaterialPapier, maschinengeschrieben mit handschriftlichem Zusatz in Tinte
  • Dimensions33 x 21 cm (Blattmaß)
  • Amount1 Blatt (2 Seiten)
  • FondsNachlass Hannah Höch
  • Inventory NumberBG-Ar 14/98,13b
  • CreditlineSchenkung aus Privatbesitz, 1998
  • On DisplayNo
Transcription / Description
Additional Reproductions

[Handschriftlicher Zusatz: "an Grete Höch"]

"(Eingetroffen Montag früh, 22. VIII. 18, in Steglitz)"

[Handschriftlicher Zusatz: "(an Elfriede Schaeffer gerichtet
von Hannah) "]

"Da Du dir auf anständige Weise nicht begreiflich machen lässt, dass ich Dich vollkommen durschaue, und sogar noch jetzt wagst Du an mich solche Zettel zu richten, Wo Du mir so etwas anzubieten wagst wie: "Die wirkliche gegenseitige Auflösung von Mann und Frau ist wohl das Schwerste was überhaupt geleistet werden kann und für den Mann etc. u.s.w." so sehe ich mich gezwungen, diese letzte Mal sehr deutlich mit Dir zu verfahren, so dass Dir solche Einfälle nicht mehr kommen können und Dir undeutelbar klar wird, dass Du nach mir als einer Handhabe nicht mehr zu greifen hast, dass ich für Dich überhaupt nicht mehr existiere. Ich verbiete mir energisch alle weiteren Zuschriften; sie wandern von nun ab ungelesen in den Ofen.
Ich lag im Bett im Januar dieses Jahres und schrieb jene Zeilen von der Blumenwiese und dem D-Zug, die ich Dir dann, nicht ohne zitternd an Dir rütteln zu wollen, gab. Diese Zeilen sprachen von meinem ersten Kind.
Sie entrangen sich mir, als ich mein
Zweites
als sich unsere Seelen und Leiber,
meines Mannes und meine,
sich das zweite Kind errungen hatten,
als wir
unser
zweites Kind
Dir
opferten.
Verstehst Du mich? Verstehst du uns?

Ich ging mit meinem Mann durch alle Höllen die Du ihn und uns bereitest, 3 Jahre, erst erschrocken, hilflos, ratlos mit geschlossenen Augen, darin wissend und schleppend an der Last weil ich ihn liebte
und weil er mich liebte.
Ich wuchs, ertrug sogar dich. Ertrug mein ganzes zerbrochenes Leben an seiner Seite, weil Gott uns für einander geschaffen hatte und so ertrug ich 3 Jahre lang Deine ganze Unmenschlichkeit, aus Liebe zu meinem Mann.

Raoul Hausmann war mein Mann.
Er hat sich seit mehr als 3 Jahren nichts weiter ersehnt als mich zu besitzen und sein heiligster Lebenswunsch war
von mir seinen Sohn zu erhalten -
und in und mit mir und unserem Sohn leben zu können.
Dies ist eine Ehe. Die einzige, die ich anerkenne,
und Dich verachte ich.
Mich sollst Du nämlich durch diesen Brief nicht sehen, ich meine meine Leiben, meinen Standpunkt Dir gegenüber aber sehr, darum bin ich so deutlich; Aber jenen sieh Dir nur genau an, jenen, dem Du Dank zu schulden hättest, wenn es überhaupt möglich wäre von Dank zu reden von irgendwelchen gewesenen Beziehungen zwischen Menschen überhaupt. Du meinst, Du hättest nicht m̲e̲h̲r̲ von ihm genommen wie ihm gegeben? Ich glaube dies nicht. Und hast Du kein Kind von ihm bekommen? Wie? Und da verlangst Du Dankbarkeit? Wie?
Und d̲a̲f̲ü̲r̲ hast Du ihn 3 Jahre lang von einer Hölle in die andere gehetzt; nur dadurch nämlich, das wollen wir uns doch heute klar aussprechen nachdem Du damals die Antwort auf diese Frage nicht denken solltest, ist er bösartig geworden.
Durch Dich.
Und hier allein ist des Rätsels Lösung, dass er mich, sein Weib, das er über alles liebte, fast totschulg und meine Seele mit Dreck bewarf. Und, abgesehen davon was er mir tat. Ein böser Mensch ist keine Leuchte mehr, auch wenn er alle Anlagen dazu hat es sein zu müssen. Ein böser Mensch vergiftet die Menschheit statt zu leuchten. Und -- darum hat dieser Mensch am meisten gelitten, nicht mir an der Aeusserlichkeit, dass er mich unverdient schlug. Du sahst Dir mit an, wie er sich zermarterte, und - klebtest wie Gift an ihm und zuletzt an uns beiden und Du wagst noch heute den Deckmantel von 'Menschlichkeit und Gemeinsamkeit', die Du durch ihn kennen gelernt hast' über Dein Tun zu bereiten.
Gott selber wird Dir noch das Maul verbieten.

Ich habe keinen Mann mehr und mein Mann hat sein
Weib verloren.
Ich werde ihn freiwillig nicht wiedersehen.
nd wenn er es erzwingen sollte, mich also zu sich zwänge,
So bin ich zum Aeussersten entschlossen.
Ich würde uns gewaltsam befreien.
Dies ist keine Drohung sondern eine Warnung für Dich, denn diese Schuld dürfte vielleicht selbst für Dich etwas unerträglich werden.
Also nimm Dich seine an
mit allen Kräften,
damit Du es wenigstens nun dahin bringst, dass
er erträgt was Du angerichtet hast.
Du bist - es ist nämlich furchtbar lächerlich -
Eine Ehebrecherin.
H.H.
im Juli 1918"

[Handschriftlicher Zusatz: "So meine Liebe - Wenn Du daraus nicht siehst, wie Hannah mich sieht und wenn Du dann nicht tust, was ich Bitte in drei Briefen bat - dann hast Du nicht das Recht, Dich einen Menschen zu nennen. R"]