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Arbeiter-Kunst-Ausstellung
  • © Berlinische Galerie / Wolfgang Wittrock
  • Repro: Berlinische Galerie
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ARBEITER-KUNST-AUSSTELLUNG
ARBEITER-KUNST-AUSSTELLUNG

Adresse: BERLIN, Preussen/Provinz Brandenburg (Berlin), Petersburgerstrasse 39; Parochialstrasse 29
Inhaber: Ernst Friedrich
Bestand: 1919-1922
Charakteristik: Ausstellung
„Arbeiter-Kunst-Ausstellung. Leitung: Ernst Friedrich. 1. Ausstellung: Berlin O 34, Petersburger Strasse 39. 2. Ausstellung Berlin C 2, Parochialsstrasse 29. Die A. K. A. ist das ganze Jahr hindurch geöffnet täglich von 10 Uhr vormittags bis 7 Uhr abends. Die A. K. A. ist der Sammelpunkt aller revolutionären Arbeiter-Maler, Bildhauer, Dichter, Schriftsteller u. Sprecher. Die A. K. A. ist das Heim proletarischer Kunst und Kultur! (Anzeige abgebildet in:
Ernst Friedrich 1977, S. 78); „Besuchen Sie die Arbeiter-Kunst-Ausstellung Berlin O 34, Petersburger Strasse 39. Werke von: Otto Dix, George Grosz, Käte [!] Kollwitz, Otto Nagel, Paul Eikmeier [!] u. a. Arbeiterkünstlern. Geöffnet täglich von 10-8 Uhr. Eintritt: Eine Presskohle“ (Anzeige ohne Quellenangabe, abgebildet in: Von der Dada-Messe zum Bildersturm 1992, S. [15])

Ausstellungen:
1920: Arbeiter-Kunst-Ausstellung (Arbeiten von Arbeitern und Kindern, ergänzt durch Arbeiten von u. a. Max Burchartz, Marc Chagall, Lyonel Feininger, Bruno Taut, Max Taut, Arnold Topp)
1921: Otto Nagel, Max Schäfer; Anti-Kriegs-Ausstellung
1922: „Internationale Ausstellung revolutionärer Künstler“ (dabei u. a. Jankel Adler, Otto Freundlich, Felix Gasbarro, Lotte Haedicke, Raoul Hausmann, Doris Homann, Stanislaw Kubicki, Franz Wilhelm Seiwert, Aribert Wäscher, Hermann Westphal)

Verlag:
Proletarischer Kindergarten. Ein Märchen- und Lesebuch für Groß und Klein. Hrsg. v. Ernst Friedrich. 1921. (Umschlag von Käthe Kollwitz, Illustrationen u. a. von Karl Holtz und Otto Nagel)
Berta Lask: Rufe aus dem Dunkel. 1921. Umschlag von Otto Nagel. (Soziale anti-militaristische Dichtungen aus den Vortrags-Abenden von Ernst Friedrich. 1.)
Paul Eickmeier: Wir klagen an… 6 handkolorierte Originallithographien [1922]. (Arbeiterkunst. 1.)
Ernst Friedrich: Oskar Kanehl, der proletarische Dichter. Mit einem Bildnis Oskar Kanehls, zwei Illustrationen von George Grosz [1924]. (Einführung in Leben und Werke proletarischer Künstler. 1.)

Bemerkung:
In Berlin gab es mehrere Anläufe, die Kunst dem „einfachen“ Volk näherzubringen:
Der Maler Otto Feld organisierte bereits 1898 gemeinsam mit Raphael Loewenfeld und Max Osborn „Volkstümliche Kunstausstellungen“ im Berliner Rathaus (Deutsche Kunst. Nr. 6 v. 31. 12. 1898, S. 105-106), 1901 richteten Otto Feld und Walter Leistikow volkstümliche Kunstausstellungen im Berliner Gewerkschaftshaus ein (Doede 1961, S. 80) und 1909 wurde der Versuch unternommen, mit einer Arbeiter-Kunstausstellung in der Potsdamerstrasse 4 „das künstlerische Schaffen der Arbeiter zu fördern und dem breiten Publikum zugänglich zu machen“ (Der Cicerone. H. 22, 1909, S. 706).
1920 wagte der Schriftsteller und anarchistische Pazifist Ernst Friedrich (1894-1967) mit der 1919 eröffneten „Arbeiter-Kunst-Ausstellung“ einen neuerlichen Versuch in der Petersburgerstrasse 39.
Die erste „Kunstausstellung für Arbeiter“ fand im Januar 1920 in einem Saal und zwei Zimmern (Dressler 1923) statt und wurde von dem 1918 gegründeten „Arbeitsrat für Kunst“ organisiert. Dieser Zusammenschluss von Künstlern und Kunstschriftstellern hatte es sich zum Ziel gesetzt, Architektur und Kunst einer breiten Bevölkerung nahe zu bringen und hatte bereits 1919 eine Architekturausstellung (-> GRAPHISCHES KABINETT I. B. NEUMANN) veranstaltet. Adolf Behne, im Vorstand des „Arbeitsrat“ und einer der Mitorganisatoren der Ausstellung schrieb zur Ausstellung 1920: „Der Arbeitsrat wollte den Kunstsalons nicht ihre Ausstellungen nachmachen. Er wollte nicht eine Perlenkette expressionistischer Meisterwerke aneinanderreihen […] sondern er wollte den Besuchern eine Freude machen. Wir wollten das ursprünglich Schaffensfrohe, den quellenden künstlerischen Formungstrieb betonen […] Die Bilder nun, die der Arbeitsrat zusammenstellte, wollen Beispiele eines künstlerischen Schaffens sein, das sich als elementar trotz aller hemmenden Einflüsse behauptet hat.“ (Freiheit. 5. 1. 1920)
Die Ausstellung (eine Abbildung des Ausstellungsraumes in: Expressionisten 1986, S. 170) zeigte Werke von Arbeitern und Kindern und wurde positiv aufgenommen: „Die Ausstellung zeigt deutlich, wieviel elementares künstlerisches Leben im Volke schlummert. Es wäre ein Jammer, wenn der hier gemachte Anfang nicht weiter ausgebaut werden sollte. Deshalb ergeht an alle, die lebendig in unserer Zeit stehen, der Ruf: schafft Ausstellungen fürs Volk; gebt auch dem Proletarier die Möglichkeit, sich künstlerisch zu äußern und in die Öffentlichkeit zu treten.“ (Walter Passarge: Eine Ausstellung von Arbeiter-Kunst in Berlin.- in: Der Cicerone. H. 4 v. 26. 2. 1920, S. 166-167)
In einer undatierten Zeitungsanzeige wirbt die „Arbeiter-Kunst-Ausstellung“ mit den Künstlern
„Otto Dix, George Grosz, Käte [!] Kollwitz, Otto Nagel, Paul Eikmeier [!] u. a. Arbeiterkünstlern“ und teilt mit, dass man für den Eintritt „eine Presskohle“ mitzubringen hätte (abgebildet in: Von der Dada-Messe zum Bildersturm 1992, S. [15]).
1921 folgte die erste Präsentation des „Arbeitermaler vom Wedding“, des Metallarbeiters Otto Nagel, der gemeinsam mit Max Schäfer ausstellte. Max Osborn schrieb: „Den breitesten Raum nimmt Otto Nagel ein, der in den Bergmann-Werken beschäftigt ist. Ein starkes, ganz ursprüngliches Talent. Natürlich hat er manches gesehen, das nicht ohne Einfluß blieb. Aber die Bilder sind aus einem eigenen Gefühl verdaut. Oelbilder geben Ausschnitte aus dem Weltgetriebe, das dem Arbeiter-Künstler vertraut ist: Rummelplätze, Varieté-Wirtschaften, Spaziergänger der Vorstadt, ein Straßenaufzug mit roten Fahnen […] Man spürt deutlich, daß Anschauung und Wiedergabe nicht von außen, sondern von innen her erfolgte.“ (Vossische Zeitung. 23. 6. 1921) John Schikowski resümierte in seiner Besprechung: „Eine echte Künstlernatur offenbar sich, die aus sich selber hundertmal mehr und tausendmal Wertvolleres schöpft, als ihr die fertigen Meister bieten können, die sie in ihrer Naivität bewundert und zu ihrem Schaden nachahmt.“ (Vorwärts. 13. 7. 1921)
Während der Mitaussteller Max Schäfer unbekannt blieb, wurde Otto Nagel ein bekannter und anerkannter Künstler.
Ernst Friedrich hatte zahlreiche Schikanen der Behören zu erleiden. Einige Monate musste der Betrieb der „Arbeiter-Kunst-Ausstellung“ wegen „bolschewistischer Umtriebe“ geschlossen bleiben, von der 1921 veranstalteten Anti-Kriegs-Ausstellung wollte die Behörde „Lustbarkeitssteuer“, die Friedrich sich weigerte zu bezahlen, worauf er gepfändet wurde. Unter den beschlagnahmten Gegenständen befand sich auch der von Kurt Kroner geschaffene Bronzekopf des 1919 ermordeten Antimilitaristen Karl Liebknecht. (Junge Menschen. H. 16 v. August 1921)
1922 wurde die „Internationale Ausstellung revolutionärer Künstler“ veranstaltet, die von Otto Freundlich und Stanislaw Kubicki organisiert wurde.
Neben den Ausstellungen fanden auch regelmässig Vorträge statt. Zu den Vortragenden gehörten neben Ernst Friedrich beispielsweise Adolf Behne, der als Kunstkritiker zu den Wortführern der Avantgarde gehörte, Mitbegründer des „Arbeitsrat für Kunst“ und Vortragender an der „Volkshochschule Groß-Berlin“ war und John Schikowski, der für die sozialdemokratische Zeitung „Vorwärts“ schrieb und Entdecker und Förderer von B. Traven war.
Im angeschlossenen Verlag erschien 1921 das von Ernst Friedrich herausgegebene Buch „Proletarischer Kindergarten. Ein Märchen- und Lesebuch für Groß und Klein“ mit Umschlag von Käthe Kollwitz, das "Kindern und Erwachsenen das Abc des Sozialismus: die Solidarität" lehren und aufrufen "zum Kampfe gegen diese verlogene Welt, für Wahrheit, Freiheit, Menschlichkeit!" (Vorwort).
Friedrich plante zahlreiche Reihen, von denen allerdings jeweils nur der erste Band erschienen ist: In der Reihe „Einführung in Leben und Werke proletarischer Künstler“ ist nur Ernst Friedrich: Oskar Kanehl erschienen, die geplanten Bände über Erich Mühsam, George Grosz und Ernst Toller sind nicht erschienen. In der Reihe „Soziale anti-militaristische Dichtungen aus den Vortrags-Abenden von Ernst Friedrich“ ist ein Band von Berta Lask mit Umschlag von Otto Nagel erschienen. In der Reihe „Arbeiterkunst“ erschien eine Mappe mit Lithographien des Metallarbeiters Paul Eickmeier mit dem Titel „Wir klagen an…“
Nach der Umwandlung in eine „Arbeiter-Kunst-Buchhandlung“ und der Eröffnung des „Internationalen Hauses“ in der Parochialstrasse 29 richtete Friedrich sein „Anti-Kriegs-Museum“ ein, das im März 1933 von der SA (paramilitärische Kampforganisation der NSDAP) zerstört wurde und zu einem Lokal des „Sturmbann II/6“ ungewandelt wurde (Ernst Friedrich 1977, S. 67).
Einen weiteren Versuch nach Ernst Friedrich unternahm 1926 Otto Nagel, der in der „Arbeiter-Kunst-Ausstellung“ 1921 debütiert hatte: Im Februar 1926 organisierte der Maler im Berliner Arbeiterbezirk Wedding, im „Warenhaus Wilhelm Stein“ in der Chausseestrasse 70, die „Kunstausstellung Wedding“, eine „proletarische Kunstausstellung“ mit Werken von Hans Baluschek, Otto Dix, Paul Eickmeier, George Grosz, Käthe Kollwitz, Otto Nagel, Rudolf Schlichter, Gerd Wollheim und Heinrich Zille. (Adolf Behne: Tempelhofer Feld und Wedding.- in: Die Weltbühne. Nr. 9 v. 2. März 1926, S. 346-348)

Nachweise:
Dressler 1923

Werner Doede: Berlin. Kunst und Künstler seit 1870. Anfänge und Entwicklungen.- Recklinghausen 1961
Ernst Friedrich zum 10. Todestag. [Sonderheft der Zeitschrift] Europäische Ideen. Berlin. H. 29, 1977
Arbeitsrat für Kunst Berlin 1918-1921. Ausstellung mit Dokumentation.- Berlin 1980
Expressionisten. Die Avantgarde in Deutschland 1905-1920.- Berlin (Ost): Henschelverlag 1986
Otto Nagel. Leben und Werk 1894-1967.- Städtische Galerie Schloß Oberhausen 1987
Eberhard Steneberg: Arbeitsrat für Kunst Berlin 1918-1921.- Düsseldorf 1987
Von der Dada-Messe zum Bildersturm. Dix + Berlin.- Berlin 1992