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Kunstsalon Dr. Otto Burchard
  • © Berlinische Galerie / Wolfgang Wittrock
  • Repro: Berlinische Galerie
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BURCHARD
OTTO BURCHARD
DR. OTTO BURCHARD
KUNSTSALON DR. OTTO BURCHARD

Adresse: BERLIN, Preussen/Provinz Brandenburg (Berlin), Lützowufer 13
Inhaber: Dr. Otto Burchard
Bestand: 1919-1921
Charakteristik: Kunsthandlung
„Otto Burchard. Alte und Neue Kunst. Berlin W 10, Lützowufer 13. [Telefon] Kurfürst 9441. Erstklassige Gemälde alter und neuer Meister, Hervorragende Gobelins, Möbel, Teppiche etc. Europäisches und Asiatisches Kunstgewerbe. Spezialität: Ankauf und Verkauf Altchinesischer Kunst. Neu eröffnet.“ (Anzeige in: Der Sammler. Nr. 43 v. 25. 10. 1919, S. 13); „Dr. Otto Burchard. Alte und neue Kunst. Berlin W 10, Lützowufer 13. Erstklassige Gemälde alter Meister. Besichtigung täglich - von 10-1, 3-1/2 7 -„ (Anzeige in: Der Sammler. Nr. 7 v. 12. 2. 1921, S. 14; Nr. 16 v. 16. 4. 1921, S. 15)

Ausstellungen:
1920: Rudolf Schlichter; „Grosse internationale Dada-Ausstellung“ (dabei u. a. Hans Arp, Andreas Baader, Johannes Theodor Baargeld, Otto Dix, Alois Erbach, Max Ernst, George Grosz, John Heartfield, Ben Hecht, Hanna Höch, Raoul Hausmann, Georg Kobbe, Francis Picabia, Rudolf Schlichter, Otto Schmalhausen)

Bemerkung:
Einige Kunsthandlungen haben sich in die Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts eingeschrieben, weil sie eine einzige, später als epochal qualifizierte Ausstellung veranstaltet haben.
Zu nennen wären beispielsweise die Leipziger Galerie -> P. H. BEYER & SOHN mit der ersten Gruppenausstellung der Künstlervereinigung „Brücke“(1905), die Münchener Galerien -> THANNHAUSER und -> GOLTZ mit den Ausstellungen „Der Blaue Reiter“ (1911 und 1912), der Bonner Kunstsalon von -> FRIEDRICH COHEN mit der Erstpräsentation „Rheinische Expressionisten“ (1913) und Herwarth Waldens Berliner Galerie -> DER STURM mit der Ausstellung „Erster Deutscher Herbstsalon“ (1913).
1920 schrieb sich ein weiterer Kunsthändler in diese Riege ein, als er in seinen Räumen 1920 eine Dada-Ausstellung veranstaltete.
Dr. Otto Burchard (1892-1965) inskribierte in Leipzig Sinologie, Völkerkunde und
Kunstgeschichte und betätigte sich bereits als Student als „marchand amateur“ und verkaufte dem „Museum für Völkerkunde“ in Leipzig eine umfangreiche Sammlung chinesischer Gegenstände. 1917 schloss Burchard sein Studium ab und übersiedelte nach Berlin. (Patrizia Jirka-Schmitz 1995).
Im Mai 1919 meldete „Der Cicerone“: Mitte Mai wird ein ‚Sammlerhaus’, Lützowufer 13 eröffnet. Dasselbe umfaßt drei Schwesterfirmen, die von dem Kunsthistoriker Dr. Otto Burchard und Josef Altmann, dem Inhaber der Firma Fraenkel & Co [-> FRAENKEL & CO. (JOSEF ALTMANN)], geleitet werden. Die erste Firma: Otto Burchard, Alte und neue Kunst, vertritt die bildende Kunst, J. Altmann eröffnet ein bibliophiles Antiquariat, beide gemeinsam veranstalten Buch- und Kunstversteigerungen unter dem Namen; Burchard/Altmann, Kunstauktionen.“ (Der Cicerone. H. 9 v. 8. 5. 1919, S. 271)
Die 1919 eröffnete Galerie befand sich im Parterre des Seitenflügels des ersten Hofes des Hauses Lützowufer 13 und war über eine kleine Aussentreppe zu erreichen. Angeboten wurden „Erstklassige Gemälde alter und neuer Meister, Hervorragende Gobelins, Möbel, Teppiche etc. Europäisches und Asiatisches Kunstgewerbe. Spezialität: Ankauf und Verkauf Altchinesischer Kunst“ (Anzeige in: Der Sammler. Nr. 43 v. 25. 10. 1919, S. 13).
Im Frühjahr 1920 lernte Otto Burchard die Berliner Dadaisten auf einem Künstlerfest kennen.
„Er besaß soviel Geld, Humor und Abneigung gegen den Kunsthandel, daß er die Räume seiner exquisiten Bildergalerie am Lützow-Ufer im Tiergarten […] uns zur Verfügung stellte.“ (John Heartfield 1986, S. 27) Seit diesem Zeitpunkt ist auch die Bekanntschaft Burchards mit den Dadaisten manifest: Bei der Ausstellung von George Grosz in der Münchner Galerie -> GOLTZ (April-Mai 1920) ist Burchard Leihgeber des Bildes „Deutschland, Ein Wintermärchen 1917/18“, im Heft 5 vom April 1920 der Programm-Zeitschrift „Schall und Rauch“ wurde das Bild „Cabaret“ von Rudolf Schlichter (unter dem Namen J. Rétyl) „Mit Genehmigung von Dr. O. Burchard, Berlin“ abgebildet. Im darauffolgenden „DADA-Heft“ (Nr. 6 v. Mai 1920) teilt „Directeur Hausmann“ mit: „Dr. Otto Burchard vom Lützow-Ufer ruft zum Besuch seiner DADA-Abende auf.“ Im selben Heft erschien die erste Anzeige der geplanten Ausstellung: „20. Juni: Beginn der grossen DADA-AUSSTELLUNG BERLIN Kunstsalon Dr. Otto Burchard Lützowufer“.
Das im „Dada-Heft“ der Zeitschrift „Schall und Rauch“ abgebildete Schlichter-Bild weist auf die erste Ausstellung Burchards ausserhalb seines Kunsthandelsangebotes, was Paul Westheim in der „Frankfurter Zeitung“ so kommentierte: „In Berlin hat Otto Burchard eine neue Kunsthandlung aufgetan, die mit Rudolf Schlichter mutvoll ihre Ausstellungsfolgen begonnen hat. Schlichter […] ein junger Mensch mit gelenker Hand und beweglicher Phantasie, dem noch allerlei Eierschalen anhaften, der sich gelegentlich auch noch von irgend einer angenommenen Theorie herumwirbeln läßt, von dessen Phantastik aber noch allerlei zu erwarten ist.“ (Frankfurter Zeitung. 17. 7. 1920) Der 1919 aus Karlsruhe (wo er in der Galerie -> MOOS seine erste Ausstellung hatte) nach Berlin übersiedelte Künstler hatte hier seine erste Berliner Galerieausstellung zwischen 20. Mai und 15. Juni 1920, begleitet von einem kleinen, von Wilhelm Fraenger eingeleiteten, Katalog. „Bilder von Schlichter gibt es“, schreibt Fraenger, „die stoßen vorüber in der stoßenden Hast sich abspulender Filme. Andere drehen in starren Hüpfen puppiger Marionetten. Und viele sind nichts anderes als jäh aufplatzende Explosionen […] in allen Bildern Schlichters, die bewegendes Leben schildern, rattert Radau“ (Katalog).
Zwei Rezensionsbeispiele belegen die positive Aufnahme. Carl Einstein schrieb: „Selten sah ich das Repertoire so weit zwischen Abstraktem und Gegenständlichen, Kalligraphie und Erzählung gespannt […] Schlichter bedient sich reiner Kalligraphie, auf der anderen Seite erinnern viele seiner Arbeiten an Kino, so gegenständlich sind sie. […] Gleichweit spannt er die Skala seiner Farbigkeit. Abstrakte Bilder vollziehen sich in kühlen zarteren Tönen. Erzähltes färbt erregt, brutal auf.“ (Das Kunstblatt. H. 4, 1920, S. 106) Paul Ferdinand Schmidt schrieb: „Das sind keine Gemälde im üblichen Sinne, auch keine Merzbilder, auf der anderen Seite: sie sind gemalt und geklebt, aber alles dient nur dem Zweck einer ins ungeheuerliche getriebener Drastik der Sachlichkeit, der haarscharfen Genauigkeit. […] Nun, man darf Schlichter für alle Fälle gratulieren, daß er ans Licht gekommen ist, zum mindesten und vor allem zu sich selbst, zu seinem Genie und seiner herrlichen Unbekümmertheit. Wir brauchen solche freien Geister, es ist gute Luft um sie.“ (Kunstchronik und Kunstmarkt. Nr. 37 v. 11. 6. 1920, S. 721-722)
An die Schlichter-Ausstellung schloss die „Grosse internationale Dada-Ausstellung“ (so der Plakat-Titel) an. Zum Datum der Eröffnung gibt es zahlreiche unterschiedliche Überlieferungen, tatsächlich eröffnete wurde die Ausstellung, die abschliessender Höhepunkt der Dada-Bewegung war, am 30. Juni 1920 (Kunstchronik und Kunstmarkt. Nr. 40 v. 2. 7. 1920, S. 784).
Die Dada-Ausstellung - erst der drei Wochen nach der Eröffnung erschienene „Katalog“ in Zeitungsformat nennt den Titel „Erste Internationale Dada-Messe“ - fand unter der Federführung des Berliner „Club Dada“ statt und versammelte die Repräsentanten der verschiedenen Dada-Zentren erst- und letztmalig zu einer Schau, bei der 28 Künstler mehr als 170 dadaistische Erzeugnisse präsentierten. Die Sprengung des herkömmlichen Kunstbegriffes stand im Mittelpunkt und wurde in einem raumsprengenden Montagekonzept durch eine Professionelles und Dilettantisches, Originale, Reproduktionen und Alltagsgegenstände durcheinanderwirbelnde Abfolge in verwirrender Vielfalt präsentiert.
Neben der satirischen Grosz-Mappe „Gott mit uns“ wurde eine „Kochkunst-Preisarbeit“ des Berliner Restaurateurs Max Schlichter gezeigt, „Fleischerladen“ von Otto Dix neben den „ersten dadaistischen Kissen in der Welt“ von Maud E. Grosz, neben dem Relief „schalttafel für Gummifrucht“ von Max Ernst war die „Nachtischzeichnung“ des Galeristen Otto Burchard oder Arbeiten des 14jährigen Hans Citroen von der „Jugendgruppe Dada“ zu sehen.
Die vom Publikum zu erwartende Ablehnung wurde durch das Plakat „Athlet mit Berufskleidung für einen Monat zur Bewachung der Da.Da.Ausstellung gesucht“ (Abb. in: Hanne Bergius 1989, S. 365) nicht nur konstatiert, sondern auch provoziert, die von der Kritik zu erwartende Ablehnung wurde von Raoul Hausmann vorsichtshalber gleich selbst im „Katalog“ formuliert und abgedruckt: „Was die Kunstkritik […] zur Dadaausstellung sagen wird“ und diese Erwartung wurde auch nicht enttäuscht. Die Schlagworte der erschienenen Besprechungen changierten zwischen „Ulk“ und „höherer Blödsinn“, „Grössenwahn“ und „Pathologisches“. Sogar Kurt Tucholsky schrieb unter seinem Pseudonym Peter Panter einen veritablen Verriss, nicht ohne einen Künstler davon auszunehmen: „Aber einer ist dabei, der wirft den ganzen Laden um. Dieser eine, um den sich der Besuch lohnt, ist George Grosz, ein ganzer Kerl und ein Bursche voll unendlicher Bissigkeit. Wenn Zeichnungen töten könnten: das preußische Militär wäre sicherlich tot. Seine Mappe ‚Gott mit uns’ […] seine Fratzen der Majore und Sergeanten sind infernalischer Wirklichkeitsspuk. Er allein ist Sturm und Drang, Randal, Hohn und wie selten -: Revolution. Die andern ritzen. Der tötet. […] Das Boxmatch zwischen Grosz und dem Jahrhundert des Soldaten aber sollten Sie nicht versäumen zu betrachten.“ (Berliner Tageblatt. 20. 7. 1920)
Die beschriebene Grosz-Mappe und die über allem schwebende schweinsgesichtige Soldaten-Puppe „Preußischer Erzengel“ von Rudolf Schlichter und John Heartfield zeitigten ein juristisches Nachspiel: Vor der Strafkammer des Landgerichts II waren Johannes Baader, Otto Burchard, George Grosz, Wieland Herzfelde und Rudolf Schlichter wegen „Beleidigung der Angehörigen der Reichswehr“ angeklagt. Herzfelde und Grosz wurden - trotz des engagierten Einsatzes der „Sachverständigen“ Edwin Redslob und Paul Ferdinand Schmidt vor Gericht - zu Geldstrafen verurteilt. (Dada vor Gericht.- in: Der Ararat. H. 5 v. Mai 1921, S. 180-181)
Mit der Dada-Ausstellung endete das Engagement von Otto Burchard auf dem Sektor der zeitgenössischen Kunst, obwohl noch eine Reihe von Verkäufen genannt werden muss. So erwarb beispielsweise das Museum in Leipzig 1920 eine Zeichnung von Ludwig Meidner und ein Aquarell von Max Pechstein (Museum der Bildenden Künste 1992, S. 58)
Die von John Heartfield überlieferte Abneigung Burchards gegen den Kunsthandel wurde auch auf dem Titelblatt des Kataloges der Dada-Ausstellung thematisiert: „Die Bewegung Dada führt zur Aufhebung des Kunsthandels“. Bereits 1921 gab Burchard seine Galerie auf, wenig später wurden die Räume von -> ALFRED FLECHTHEIM bezogen.
1922 und 1923 erschienen drei kleine Publikationen zum ursprünglichen Arbeitsgebiet von Otto Burchard (Chinesische Kleinplastik; Chinesische Grab-Keramik; Chinesische Bronzegefäße).
In den Zwanzigerjahren begann Burchard, seine regelmässige Einkaufsfahrten nach China zu unternehmen, wo er auch für andere Kunsthandlungen (beispielsweise die Firma „China-Bohlken“) Käufe tätigte.
Im Rahmen des Kunsthandel-Imperiums von Albert Loeske (1869-1929), er war Gründer und Inhaber zahlreicher Berliner Kunsthandlungen (Altkunst G. m. b. H., Van -> DIEMEN, Dr. Benedict), blieb jedoch selbst im Hintergrund, eröffnete am 22. Mai 1927 in der Bellevuestrasse 11a die Kunsthandlung „Dr. Otto Burchard & Co. G. m. b. H.“ mit der Ausstellung „Chinesische Kunst“. Niederlassungen werden in New York, Peking und Shanghai genannt ( Dresslers Kunsthandbuch 1930, S. 1348).
Otto Burchard, der auch als Sammler aufgetreten ist, war zwar der Namensgeber und hatte ein Büro in der Kunsthandlung, übersiedelte aber 1927 nach Peking, wo er, bis auf gelegentliche Berlin-Besuche zwecks Abwicklung von Verkäufen, bis 1949 lebte. Danach übersiedelte er in die USA und später nach London (Patrizia Jirka-Schmitz 1995).
Die Kunsthandlung in der Bellevuestrasse bestand bis 1930, anschliessend zog die Galerie in die Friedrich Ebert-Strasse 5 und 1933 unter dem Namen „Kunsthandlung Burchard, Alt China“ in die Viktoriastrasse 33, wo Burchards Neffe Wolfgang Burchard als Inhaber genannt wird.

Nachweise:
John Heartfield. Leben u. Werk. Dargestellt von seinem Bruder Wieland Herzfelde.- Berlin 1986
Helene Adkins: Erste Internationale Dada-Messe.- in: Stationen der Moderne. Die bedeutendsten Kunstausstellungen des 20. Jahrhunderts in Deutschland.- Berlin 1988. S. 157-169
Helene Adkins: Erste Internationale Dada-Messe Berlin 1920.- in: Stationen der Moderne. Kataloge epochaler Kunstausstellungen in Deutschland 1910-1962. Hrsg. v. Eberhard Roters. Kommentarband.- Köln 1988, S. 77-94
Hanne Bergius: Das Lachen Dadas. Die Berliner Dadaisten und ihre Aktionen.- Giessen 1989
Museum der Bildenden Künste Leipzig, Kulturstiftung der Länder. Karl Hofer: Tischgesellschaft.- Leipzig 1992
Patrizia Jirka-Schmitz: Otto Burchard (1892-1965). Vom Finanz-Dada zum Grandseigneur des Pekinger Kunsthandels.- in: Deutsche Gesellschaft für Ostasiatische Kunst. Mitteilungen Nr. 12, 1995, S. 23-35
Rudolf Schlichter. Gemälde, Aquarelle, Zeichnungen. Mit Beiträgen von Dirk Heißerer, Andreas Kühne, Günter Metken. Hrsg. v. Götz Adriani.- München 1997
Rudolf Schlichter Bibliographie. Literarische, zeit- und kunstkritische Publikationen, Illustrierte Bücher […] Bearbeitet und mit einem Nachwort hrsg. v. Dirk Heißerer.- Flein bei Heilbronn 1998