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Neue Galerie
  • © Berlinische Galerie / Wolfgang Wittrock
  • Repro: Berlinische Galerie
    • Werner J. Schweiger (1949 - 2011)

  • TitleNeue Galerie[Eintrag für geplante Publikation "Lexikon des Kunsthandels der Moderne im deutschsprachigen Raum 1905-1937"]
  • Date2005 - 2011
  • CategoryManuskripte
  • Materialdigital
  • FondsKunstarchiv Werner J. Schweiger
  • Inventory NumberBG-WJS-M-1,46
  • CreditlineZustiftung Christa M. Schweiger, Wien und Wolfgang Wittrock, Berlin, 2016
  • On DisplayNo
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NEUE GALERIE

Adresse: BERLIN, Preussen/Provinz Brandenburg (Berlin), Lennéstrasse 6a
Inhaber: Otto Feldmann
Bestand: 1913-1914
Charakteristik: Kunstsalon, Galerie, Verlag
„Der Rheinische Kunstsalon Köln a/Rh. beehrte sich, seinen Freunden anzuzeigen, daß er im Herbst d. J. einen neuen Kunstsalon in Berlin zu eröffnen gedenkt. Gemälde von Cézanne, Picasso, van Gogh, Derain, van Dongen, Braque, Vlaminck usw. sowie junger deutscher Künstler. Graphik von R. Großmann, Pascin, Picasso, Derain usw.“ (Anzeige in: Secession Berlin. 26. Ausstellung 1913, Anzeigenseite); „Neue Galerie. Berlin W Lennéstr. 6a […] Fernsprecher: Amt Nollendorf 3348“ (Geschäfsbriefpapier)

Verlag:
Jules Pascin: Balkanwirtshaus; Bar; Dancing girls; Im Freien; Spielende Kinder; Zwei Mädchen; Märchen; Ostende; Ringerparade; Am Strande; Straßenszene; Bei der Toilette; Trommler; Vorstadt I; Vorstadt II; Vorstadt III; Die Wilden (Radierungen, je 25 signierte und numerierte Drucke); Im Harem (Holzschnitt, 25 signierte und numerierte Drucke); Idyll (Lithographie, 50 signierte Drucke)

Ausstellungen:

1913: Eröffnungsausstellung (dabei u. a. Hans Arp, Walter Bondy, Georges Braque, Patrick Henry Bruce, Gustave Courbet, André Derain, Kees van Dongen, James Ensor, Robert Genin, Vincent van Gogh, Juan Gris, Rudolf Großmann, Hermann Huber, Moïse Kisling, Marie Laurencin, Rudolf Lévy, Manolo, Henri Matisse, Jules Pascin, Max Pechstein, Pablo Picasso, Camille Pissarro, Hans Purrmann, Odilon Redon, Auguste Renoir, Henri Rousseau, Henri de Toulouse-Lautrec, Maurice de Vlaminck, ostasiatische Kunst, Negerskulpturen); Pablo Picasso und Negerplastik
1914: André Derain, James Ensor; Jules Pascin; Hans Keller, Moïse Kisling, Edwin Scharff, Manolo, Georg Leschnitzer; Neue Secession (dabei u. a. Harold Bengen, Walther Bötticher, Raoul Dufy, Josef Eberz, Roger de la Fresnaye, Emile-Othon Friesz, Willy Jaeckel, Karl Junker, Georg Kars, Edmund Daniel Kinzinger, Moïse Kisling, Cesar Klein, Bohumil Kubista, Marie Laurencin, Moriz Melzer, Wilhelm Morgner, Hans Richter-Berlin, Karl Schmidt-Rottluff , Hermann Stenner, Georg Tappert, Paul Thesing, S. Wolff); ); Rheinische Expressionisten;
Zeichnungen und Studien von Georges Braque, Henri Matisse, Jules Pascin, Pablo Picasso

Bemerkung:
Der Maler Otto Feldmann (-> RHEINISCHER KUNSTSALON, Köln) etablierte seine erste Galerie 1912 in Köln und kündigte für 1913 an, „daß er im Herbst d. J. einen neuen Kunstsalon in Berlin zu eröffnen gedenkt.“ (Anzeige in: Secession Berlin. 26. Ausstellung 1913, Anzeigenseite) Im Oktober 1913 wurde die „Neue Galerie“ in Berlin, Lennéstrasse 6a eröffnet.
„Unter dem Namen ‚Neue Galerie’ ist in Berlin ein Kunstsalon entstanden (in der Lennéstr. 6a), der sich die Pflege der jüngsten Kunstströmungen ausdrücklich zur Aufgabe macht. Die Eröffnungsausstellung berücksichtigt neben Werken bekannter französischer Führer wie Picasso, Derain, Vlaminck und ältere Pariser Meister der Impressionistenzeit vor allem eine Reihe ihrer deutschen Gefolgsmannen. Besonders interessierte eine Kollektion von Rudolf Großmann […]“ (Kunstchronik. Nr. 12 v. 12. 12. 1913, Sp. 184). Hans Friedeberger berichtete für den „Cicerone“: Der andere neue Kunstsalon, in der Lennéstraße gelegen, führt den Titel einer ‚Neuen Galerie’ und scheint nach dem Vorwort des ersten Kataloges ausschließlich der neuen Kunst dienen zu wollen. Die Ausstellung selbst gibt sich versöhnlicher und eklektischer als das Proömion, und verweist nicht nur auf Courbet und den ‚großen’ Impressionisten wie Renoir, Picasso und Toulouse-Lautrec eine Reverenz sondern auch den mittleren vom Schlage Walter Bondys. Das weiteste Feld gehört indessen freilich den Neuesten, und neben den Resultaten stehen auch die Anregungen: Hellenistische Plastik, Ostasiatisches, Negerskulpturen. Von den Neueren treten drei Künstler [Jules Pascin, Rudolf Großmann, Pablo Picasso] kollektiv auf.“ (Der Cicerone. H. 22 v. November 1913, S. 804, gez.: H. Fr.)
Und Kurt Glaser schrieb für „Die Kunst“ über „Neue Kunstsalons in Berlin“: „Anspruchsvoller als diese Kunstläden [-> KUNSTHANDLUNG HUGO MOSES, -> GRAPHISCHES KABINETT I. B. NEUMANN mit neuen Ausstellungsräumen für Malerei] tritt Wilhelm [!] Feldmann auf, der von Köln hierher übersiedelt ist und in der Lennéstraße die ‚Neue Galerie’ eröffnete. Der Inhalt ist noch nicht ganz kongruent der Aufmachung. Auch für die Bilder der Deutsch-Pariser, die nach ihrem Stamm-Café [Café Dôme‎] sich die Leute vom Dome nannten, hätte ein einfacherer Laden genügt. Pascin und Großmann, Purrmann und Levy und Bondy sind mit Bildern und graphischen Arbeiten ihrer bekannten Art vertreten. Daneben stehen die jungen Pariser wie Derain und Braque, Van Dongen, Vlaminck und Marie Laurencin. Von Matisse ist ein Stilleben ausgestellt, ein geschmackvolles Bild, aber etwas dünn in der farbigen Wirkung. Picasso gehört eine ganze Wand und man hat den Eindruck, daß er hier zum Hausgötzen ernannt wurde. Vielleicht ist das etwas verspätet, denn man sollte hoffen, daß der Lärm. der um diesen feinen, aber doch schwächlichen Künstler erhoben wurde, sich nun bald wieder legen wird.“ (Die Kunst. H. 3 v. Dezember 1913, S. 128-130)
Wie schon bei Feldmanns Kölner Galerie -> RHEINISCHER KUNSTSALON trat auch hier der in Paris wirkende deutsche Kunsthändler Daniel Henry Kahnweiler als Leihgeber und Vermittler auf. Für die Eröffnungsausstellung, deren Katalogvorwort Carl Einstein schrieb, kamen Werke von Georges Braque, André Derain, Kees van Dongen, Juan Gris, Manolo, Pablo Picasso, Maurice de Vlaminck aus Kahnweilers Pariser Galerie (Daniel-Henry Kahnweiler 1986, S. 119). Auch die auf die Eröffnungsausstellung folgende Picasso-Ausstellung mit 66 Werken (Gemälde, Zeichnungen, Aquarelle, Radierungen) in Verbindung mit 19 Negerplastiken wurde von Kahnweiler organisiert und anschliessend 1914 in der Wiener Galerie -> MIETHKE gezeigt.
Die Picasso-Ausstellung wurde viel und äusserst verhalten besprochen: „Er scheint noch immer nicht sehr stark und nicht sehr selbständig“ (Hans Friedeberger in: Der Cicerone. H. 1 v. Januar 1914, S. 23); Karl Scheffler meinte, mit Picasso sei „wenig zu beginnen“ (Kunst und Künstler. H. 4 v. Januar 1914, S. 229) und F. Winkler asttestierte, daß „Picasso damit auf einen toten Punkt gekommen ist, dürfte kaum mehr zweifelhaft sein [… und es wird] diese Kunst kaum je nachhaltigen Einfluß ausüben“ (Die Kunst. H. 5 v. Februar 1914, Anzeigenseite IV)
Daran anschliessend folgte die Derain-Ausstellung mit 50 Leihgaben von Kahnweiler, und auch diese Ausstellung wurde von der etablierten Kunstkritik nicht gerade enthusiastisch aufgenommen. Anders der Künstlerblick: Hans Meid schrieb am 21. 1. 1914 aus Berlin an die Hamburger Künstlerin Anita Rée: „bestellen Sie sich sofort einen Extrazug u. fahren Sie hierher! Schrecklich der Gedanke, daß von den 65 Perlen Derainscher Malerei eine fehlen würde!! Sei es durch Verkauf oder durch Diebstahl!“ (Maike Bruhns 1986, S. 200) Neben der Derain-Ausstellung wurden Radierungen von James Ensor präsentiert.
Anschliessend wurde Jules Pascin gezeigt und Hans Friedeberger schrieb: „Man ist erstaunt, welchen unerschöpflichen Vorrat an Reiz und Feinheit diese mehr als einhundert Stücke bergen. […] Was den Wert dieses Werkes ausmacht, das ist die vollendete malerische Kultur, die Kraft der organischen Durchbildung und die freie künstlerische Unbefangenheit, die den Künstler nie verläßt.“ (Der Cicerone. H. 4 v. Februar 1914, S, 131, gez.: H. Fr.) Etwa gleichzeitig trat die Neue Galerie als Graphikverleger hervor: Im Frühjahr 1914 erschienen 17 Radierungen, ein Holzschnitt und eine Lithographie von Jules Pascin, „die in den letzten drei Jahren entstanden und bisher nicht im Handel gewesen sind, in einer Auflage von je 25 signierten und numerierten Exemplaren.“ (Der Cicerone. H. 10 v. Mai 1914, S. 386)
Die fünfte Ausstellung der Galerie vereinte Gemälde von Hans Keller, Moïse Kisling und Edwin Scharff sowie Plastik von Manolo und Georg Leschnitzer. Die sechste Ausstellung der Galerie, mit einem Plakat von Georg Tappert beworben (Gerhard Wietek 1996, S. 314), war die siebente Ausstellung der „Neuen Secession“, deren erste Präsentation 1910 in der Galerie -> MAXIMILIAN MACHT stattfand. Anlässlich dieser ersten Ausstellung schrieb Curt Glaser: „Man muß sie als einen Versuch nehmen. Den Beweis der Lebensfähigkeit kann die Vereinigung erst in einem Jahre uns bringen. Gelingt ihr das, so wollen wir sie begrüßen und wollen hoffen, daß sie berufen sein wird, eine Lücke in dem Berliner Kunstleben auszufüllen, die so mancher wohl schon seit ein paar Jahren empfunden hat.“ (Die Kunst. H. 10 v. Juli 1910, S. 452)
Einige Berliner Ausstellungen später und um wichtige Mitglieder dezimiert, wurde die siebente Ausstellung der „Neuen Secession“ die letzte der Vereinigung. Beinahe zeitgleich hatte eine weitere Abspaltung von der Berliner Secession, die „Freie Secession“ ihre erste Ausstellung am Kurfürstendamm.
Die siebente Ausstellung der Galerie zeigte „Rheinische Expressionisten“, die - in veränderter Zusammenstellung - im Sommer 1913 erstmals im Bonner -> KUNSTSALON FRIEDRICH COHEN präsentiert wurden und im Herbst 1913 in Otto Feldmanns Kölner Galerie -> RHEINISCHER KUNSTSALON, sowie im Mai 1914 in der Düsseldorfer Galerie von -> ALFFRED FLECHTHEIM gezeigt wurden. Neben die Künstler, die 1913 in der ersten Ausstellung in Bonn vertreten waren, gesellten sich beispielsweise Ernst Isselmann, Matthias Lau, Walter Ophey und Christian Rohlfs.
Gleichzeitig waren die „Galeriekünstler“ ausgestellt: „Einige prächtige Zeichnungen von H. Matisse, ein paar kubistische Schwarz-Weiß-Blätter von Picasso und Braque und schließlich eine Serie flotter, ausgezeichnet beobachteter und sehr reizvoll hingeworfener Studien von Pascin.“ (Die Kunst. H. 11 v. August 1914, Anzeigenseite IV)
Die letzte Ausstellung der „Rheinischen Expressionisten“ dürfte auch die letzte Ausstellung der Galerie gewesen sein. Eine für den Herbst 1914 vorbereitete Ausstellung von Ernst Ludwig Kirchner hat nicht mehr stattgefunden. Über den weiteren Lebensweg des Galeristen Otto Feldmann gibt es keinerlei Informationen.

Nachweise:
August Macke und die Rheinischen Expressionisten aus dem Städtischen Museum Bonn.- Hannover 1978
Die Rheinischen Expressionisten. August Macke und seine Malerfreunde.- Recklinghausen 1980
Daniel-Henry Kahnweiler. Kunsthändler, Verleger, Schriftsteller.- Stuttgart 1986
Maike Bruhns: Anita Rée. Leben und Werk einer Hamburger Malerin 1885-1933.- Hamburg 1986
Gerhard Wietek: Georg Tappert. Werkverzeichnis der Druckgraphik.- Köln 1996
Mario-Andreas von Lüttichau, Otto Feldmann - Künstler und Galerist, in: August Macke und die Rheinischen Expressionisten.- Berlin: Brücke-Museum 2002, S. 181-186