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Bücherstube Walter Severin
  • © Berlinische Galerie / Wolfgang Wittrock
  • Repro: Berlinische Galerie
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SEVERIN
BÜCHERSTUBE SEVERIN
BÜCHERSTUBE WALTER SEVERIN
BÜCHERSTUBE WALTER SEVERIN G. M. B. H.

Adresse: HAGEN, Preussen/Provinz Westfalen (Nordrhein-Westfalen), Elberfelderstrasse 8
Inhaber: Walter Severin (Geschäftsführer)
Filialen: ESSEN, Huyssenallee 58/60, (später Kettwiger Strasse 32);1922-1927); BOCHUM, Bongardstrasse 27 (1923-1927)
Bestand: 1919-1927 (Hagen); 1922-1927 (Essen); 1923-1927 (Bochum)
Charakteristik: Buchhandlung, Kunsthandlung, Graphikverlag
„Gute Romane u. Erzählungen. Luxusausgaben. Memoiren. Biographien. Kunst. Philosophie. Jugendschriften […] Bücherstube W. Severin G. m. b. H. Elberfelderstr. 8, Rathauspassage, Fernruf 3870 (Einwohnerbuch für Hagen 1920); Bücherstube Severin. Essen (Ruhr), Huyssenallee 58/60; Hagen i. W., Elberfelder Str. 8. Auslieferung der Einbände von Thilo Schoder-Weimar. Abbildungen und Verzeichnis der vorhandenen Bände auf Wunsch. Luxusdrucke. Kaufen: Bibliophile Werke, einzelne Stücke u. Bibliotheken. Suchen: Graphische Werke von Slevogt (Zauberflöte u. a.), Radierungen und Holzschnitte alter Meister (Das Sammlerkabinett. H. 1, 1922, Anzeigenseite); Bücherstube Walter Severin. Hagen (Westfalen), Bibliophile Ausgaben. Moderne Literatur. Mappen-Werke, Kunst, Antiquaria (Die Bücherstube. H. 1, 1922, Anzeigenseite); Bücherstube Severin. Hagen i. W., Elberfelder Str. 8.
Essen, Huyssenallee 58. Bibliophiles, Mappenwerke, Alle Bücher der Welt. Wir kaufen ständig Werke und Einzelblätter von Slevogt, Graphik alter Meister, Romantiker (Das Sammlerkabinett. H. 2, 1923/24, Anzeigenseite)

Ausstellungen:
1922: Eberhard Viegener

Verlag:
Hermann Kaetelhön: Die Arbeit. Scenen aus dem Bergarbeiterleben in der Grube und vor Ort […]. 3 Folgen mit je 12 bis 14 Radierungen, Holzschnitten und Lithographien. „Sämtliche Drucke in der Werkstatt des Künstlers von ihm eigenhändig abgezogen“ […] Ausgabe auf Japan und China, Halbleder-Mappe; Ausgabe auf van Geldern u. Zanders-Bütten, Hlbn-Mappe […] Prospekte auf Verlangen. (Das Sammlerkabinett. H. 3, 1922/23, Anzeigenseite), Die erste Mappe erschien 1919 mit einem Titelholzschnitt, zwei Holzschnitten im Text und 34 Radierungen und Lithographien. [Eine zweite Folge erschien erst 1939]
Otto Rodewald: Wolken und Berge. 7 Radierungen auf China, Ausgabe A: Nr. 2-11 in Rohseidenmappe; Ausgabe B: Nr. 12-30 auf Bütten in Ganzpergamentmappe; Ausgabe C: Nr. 31-200, 1924
In Vorbereitung: Mondnächte. 7 Holzschnitte; Träume. 6 Radierungen. (In unserem Verlage erscheinen die graphischen Werke von Otto Rodewald […] Verlag Bücherstube Severin. (Anzeige in: Das Sammlerkabinett. H. 7, 1923/24, Anzeigenseite); [Die Mappen „Mondnächte“ und „Träume“ können derzeit nicht nachgewiesen werden].
Eberhard Viegener: Passion. (Seht welch ein Mensch.) 7 Holzschnitte, ein achter Holzschnitt am Deckblatt. (Gesamtauflage 30 Exemplare, davon 10 handkoloriert) 1921

Bemerkung:
Die „Bücherstube Walter Severin G. m. b. H.“ wurde am 15. August 1919 ins Handelsregister eingetragen und am 1. Oktober 1919 in der Elberfelder Strasse 8 (Rathauspassage) eröffnet.
Walter Severin (1891-1960) war gelernter Buchhändler mit Berufserfahrung in Hamburg und München, ehe er sich in Hagen selbstständig machte. Die Bezeichnung „Bücherstube“ wurde erstmals 1913 von Horst  STOBBE in München für ein neues Konzept der Büchervermittlung angewandt und umgesetzt. Die Bedienung durch den Buchhändler wurde durch die freie Zugänglichkeit der Werke in offenen Regalen abgelöst und die Kunden hatten die Möglichkeit in einer bequem eingerichteten Leseecke oder einem Leseraum mit den Büchern vertraut zu machen. Dieses Konzept wurde nun nach Stobbe erstmals 1919 in Hagen von Walter Severin umgesetzt und später von zahlreichen anderen übernommen. (Beispielsweise: -> KUNST-UND BÜCHERSTUBE BLAU in Gera, -> KUNST UND BÜCHERSTUBE MAX FRIEDLAND in Erfurt, -> FREIBURGER BÜCHERSTUBE, Bücherstube Hans -> GÖTZ, Hamburg, -> BÜCHERSTUBE AM MUSEUM in Wiesbaden und -> NEUE BÜCHERSTUBE AM RING in Köln.)
Die programmatische Modernität der Buchhandlung wurde durch die avantgardistische Ausmalung von Wänden und Decke durch den 1893 in Hagen geborenen Maler und Werkkünstler Albert Kranz (der auch die Anzeigen gestaltete) noch unterstrichen (Abb. in: Der Querschnitt. H. 4/5 v. September 1921, S. 181). „Trotz der expressiv-dynamischen Ausmalung wies der Raum der Buchhandlung eine überzeugende Ruhe und Klarheit in der Gestaltung auf; die Wandregale, Bücherschränke und Tische sind von bestechender Einfachheit, ohne jeglichen überflüssigen Zierrat, schon ganz im Stil der neuen Zeit gehalten. Die Deckenlampen greifen die geometrischen Gestaltungselemente auf, der ganze Raum zeugt von einer durchgreifenden künstlerischen Gesamtkonzeption.“ (Stamm 1994, S. B 114)
Walter Severin expandierte 1922 mit einer Filiale in Essen (Huyssenalle 58/60, später Kettwiger Strasse 32) und 1923 einer weiteren in Bochum (Bongardstrasse 27).
1920 begann Severin sich als Verleger zu etablieren. Neben populären Liederbüchern (Fahrtenlieder, 1920; Das Rüpelliederbuch, 1922) und einem Buch über Hagen (Ernst Lorenzen: Hagen. Ein Haus- und Heimatbuch, 1922) verlegte Severin eine Reihe von Mappenwerken mit Originalgraphik der Künstler Hermann Kätelhön, Otto Rodewald und Eberhard Viegener.
Das Projekt stockte aber bald, da von den drei angekündigten Mappen „Die Arbeit“ von Hermann Kaetelhön lediglich die erste Mappe erschien. Auch von den drei angekündigten Mappen des Hamburger Künstlers Otto Rodewald kann derzeit nur die Mappe „Wolken und Berge“ nachgewiesen werden, diese fanden ein begeistertes Echo: [Die Radierungen] „sind nicht nur technische Meisterstücke, ihre sublime Technik ist nur Mittel zum Aufbau eines grandiosen Gebäudes […] Wenn nicht das Wort ‚visionär’ durch unsere Literaten so ekelhaft abgebraucht wäre, für die Wirkung dieser Radierungen möchte man das Wort gebrauchen. Es sind gigantische Visionen von Bergen und Wolken, Bergen die zu Wolken wurden, Wolken die zu Bergen wuchsen.“ (Fritz Herbert Lehr: Wolken und Berge.- in: Die Kunst. H. 8 v. Mai 1925, S. 251-252; Zit. S. 252)
Ein weiteres Angebot von Severin war eine Besonderheit für bibliophil Interessierte, die „Auslieferung der Einbände von Thilo Schoder-Weimar.“ (Anzeige in: Das Sammlerkabinett. H. 1, 1922, Anzeigenseite). Dabei handelte es sich um die von dem Architekt Thilo Schoder (1888-1979) entworfenen Bucheinbände (Julius Zeitler 1923; Paul Kersten 1928), die von dem Buchbinder Otto Dorfner (1885-1955), Werkmeister der Werkstatt für Buchbinderei am Weimarer Bauhaus, ausgeführt wurden.
Regelmässige Ausstellungen dürfte es nicht gegeben haben. 1922 wurde eine Ausstellung mit Werken von Eberhard Viegener gezeigt. Eine in der Hermann Glöckner-Literatur tradierte Ausstellung 1929 bei Severin (Hermann Glöckner 1992) dürfte falsch datiert sein oder 1927 oder früher stattgefunden haben, ähnlich auch eine für 1930 genannte Ausstellung von Eberhard Viegener, mit dem Severin engeren Kontakt hatte. Bereits 1919 portraitierte Viegener Severins spätere Ehefrau, die Fotografin am Folkwang-Museum, Käthe Bernstein (Hans Franck 1925, Tafel IX: Bildnis Frl. B., Besitzer Severin-Hagen), 1921 verlegte er seine Mappe „Passion“. Daraus darf geschlossen werden, dass Walter Severin wohl auch Werke von Viegener in seiner Bücherstube anbot. Auch mit dem in Hagen lebenden Christian Rohlfs hat kunsthändlerischer Kontakt bestanden. Das Temperabild „Hyazinthe“, 1919 wurde 1982 mit der Provenienz „Bücherstube W. Severin, Hagen“ versteigert. (Hauswedell & Nolte, Auktion 243, 1982, Nr. 1233).
Nach dem Ende des Jahres 1927 erfolgten Umzuges in grössere Räume in der Innenstadt meldete Severin: „Meiner Buchhandlung habe ich eine ständige Kunstschau angegliedert.“ (Westfälisches Tageblatt. 26. 11. 1927; Zit. nach: Rainer Stamm 1994, S. B 116)
Über das Ende der Bücherstube Walter Severin liegen widersprüchliche Angaben vor. Severins Sohn Pitt Severin spricht von einem Umzug der Buchhandlung innerhalb Hagens im Jahre 1927 (Stamm 1994, S. B 116), in der Literatur wird 1929 eine Ausstellung von Hermann Glöckner (Glöckner 1992) und 1930 eine Ausstellung von Eberhard Viegener (Viegener 1990) genannt. Nach dem „Adressbuch des Deutschen Buchhandels“ (1928, Abteilung II, S. 4) ist die Firma 1927 „erloschen“ und scheint in den Folgebänden nicht mehr auf .
Auch die Filialen wurden geschlossen oder von einem anderen Buchhändler übernommen, wie beispielsweise die Essener Buchhandlung, die aber vorerst unter dem alten Firmennamen weiterbetrieben wurde.
Severin wurde in der Folge Verlagsvertreter für die Verlage Fischer, Herbig und Rowohlt (Heinz Sarkowski 1993, S. B 98). Seine für diese Tätigkeit notwendige Aufnahme in die Reichsschrifttumskammer wurde ihm später allerdings verwehrt, da er in der damals herrschenden Terminologie „jüdisch versippt“ war und sich von seiner jüdischen Ehefrau nicht trennen wollte. Das Ehepaar überlebte die Nazizeit in Deutschland.

Nachweise:
Müller, Adressbuch des Deutschen Buchhandels und verwandter Berufszweige; Adressbuch des Deutschen Buchhandels

Julius Zeitler: Bucheinbände von Thilo Schoder.- in: Zeitschrift für Bücherfreunde. N. F. 15, 1923, S. 29-31
Hans Franck: Eberhard Viegener.- Essen 1925
Paul Kersten: Thilo Schoder.- in: Archiv für Buchbinderei. Jg. 28, 1928, S. 16-19, Abb. 31-42 auf Tafeln
Auf Verlegers Rappen. Von Büchermachern und Buchverkäufern. Hrsg. v. Hans Jordan.- München 1986
Eberhard Viegener 1890-1967.- Münster 1990
Hermann Glöckner 1889-1987.- Wien 1992
Heinz Sarkowski: Der Verlagsvertreter. Ein historischer Rückblick.- in: Buchhandelsgeschichte. Nr. 3, 1993, S. B 94-B 100
Rainer Stamm: Die Bücherstube Severin. Anläßlich ihrer Eröffnung vor 75 Jahren.- in: Buchhandelsgeschichte. Nr. 3, 1994, S. B 112-B 116
Werner J. Schweiger: Rudolf Ibach. Mäzen, Förderer und Sammler der Moderne 1873-1940.- Wien, Wuppertal 1994