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Die Bücherkiste Bachmair & Co.
  • © Berlinische Galerie / Wolfgang Wittrock
  • Repro: Berlinische Galerie
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BÜCHERKISTE
DIE BÜCHERKISTE BACHMAIR & CO.

Adresse: MÜNCHEN, Bayern, Kurfürstenstrasse 8
Inhaber: Heinrich Franz Seraphikus Bachmair, Leo Scherpenbach
Mitarbeiter: Wilhelm Andreas von Schramm (Prokurist 1919-1921)
Bestand: 1919-1922
Charakteristik: Buch- und Kunsthandlung
„’Die Bücherkiste’ Bachmair & Co. München/Kurfürstenstrasse Nr. 8. Buch- und Kunsthandlung. Eröffnung 23. März. Neue Kunst/Literatur/Politik“ (Anzeige in: Der Weg. H. 3 v. März 1919, S. 11)

Ausstellungen:
1919-1921:
Beteiligt u. a. Richard Bampi, Heinrich Campendonk, Heinrich Maria Davringhausen, Curt Lahs, Karl Laubscher, Hans Parzinger, Theodor Pilartz, Fritz Schaefler, Richard Seewald, Franz Wilhelm Seiwert, Maria Uhden, Max Unold

Verlag:
Da der an derselben Stelle befindliche Verlag „Bachmair & Co.“ eine eigene Rechtsform hatte, findet er hier keine Darstellung. Lediglich die mit der Buch- und Kunsthandlung namensgleiche Zeitschrift „Die Bücherkiste. Monatsschrift für Literatur, Graphik und Buchbesprechung“ soll als quasi „Hauszeitschrift“ erwähnt werden (Süddeutsche Freiheit 1993, S. 77-78). Zwischen 1919 und 1921 erschienen 16 Nummern in 10 Heften und spiegelten das Buch- und Kunstangebot der gleichnamigen Buchhandlung. Der Herausgeber Leo Scherpenbach charakterisiert das Programm: „Unsere Monatsschrift macht es sich zur Aufgabe, künstlerische Leistungen ehrlich anzuerkennen und vor allem fast unbekannte Werke mit aller Kraft ans Licht zu bringen. Die Bücherkiste unterrichtet ihre Leser über Neuschöpfungen jeder Kunst, sie gibt Proben von Dichtung und bildender Kunst, sie will hinweisen und anregen.“ (Die Bücherkiste. Nummer 1 v. März 1919, S. 3) Die Künstler, die mit Abbildungen (und teilweise Originalgraphik) vertreten waren spiegeln wohl auch das Angebot der Kunsthandlung: Josef Achmann, Oskar Bir(c)kenbach, Heinrich Campendonk, Josef Eberz, Ernst Moritz Engert, Hanns Freese, George Grosz, Paul Klee, Heinrich Mauermayer, Karl Puxkandl, Fritz Schaefler, Georg Schrimpf, Franz Wilhelm Seiwert, Maria Uhden, O. Urbas, Aloys Wach.

Bemerkung:
Am 23. März 1919 eröffnete die auf „Neue Kunst/Literatur/Politik“ spezialisierte Buch- und Kunsthandlung unter dem Namen „Die Bücherkiste“ (Anzeige in: Der Weg. H. 3 v. März 1919, S. 11) und wurde innerhalb kürzester Zeit zur Münchener „Zentrale des Expressionismus nach 1918“ (Schramm 1979, S. 15). Sie befand sich in der Kurfürstenstrasse 8 nächst der Kunstakademie und dem Mitarbeiter Wilhelm Andreas Schramm verdanken wir eine kurze Schilderung: „Es war ein großer Laden mit zwei tiefen Schaufenstern, vor denen nach Geschäftsschluß die blechernen Rolläden rasselnd heruntergelassen wurden. Bachmair hatte einen guten Grundstock gängiger Bücher geschaffen, die meisten expressionistischer Richtung, versteht sich, Scherpenbach seine rheinischen Freunde eingeladen, hier auszustellen. So hatten wir Bilder und Graphiken etwa von Heinrich Campendonk, aber auch von dem Münchner Richard Seewald oder Max Unold. Der große Blickfang im Hintergrund aber, der die ganze Rückwand des Ladens bedeckte, war das Ölgemälde von Heinrich Maria Davringhausen ‚Christus am Ölberg’, eine Mischung aus Greco und Grünewald in den Figuren, aber so glatt gemalt wie von den Nazarenern vor hundert Jahren, Es war so auffallend, daß viele Passanten stehenblieben, durch die Glastür starrten und kopfschüttelnd weitergingen. Einige Skulpturen erregten gleichfalls ihre Aufmerksamkeit oder ärgerten sie ganz einfach.“ (Schramm 1979, S. 27)
Wilhelm Andreas Schramm (1898-1983), seit 1919 von Schramm, Autor, später Feuilletonredakteur der „Münchner Neuesten Nachrichten“ war von Herbst 1919 bis Ostern 1921 Mitarbeiter und Prokurist oder, wie er selbst schrieb „nun war ich alles in einem: Einkäufer und Verkäufer, Ladendiener, Berater des Publikums, Buchhalter und Prokurist“ (Schramm 1979, S. 26). „Die vielen Sturm- und Drang-Literaten, revolutionäre Graphiker und expressionistische Maler […] fanden auch den Weg in die expresionistische Zentrale, und der Laden ging“ (Schramm 1979, S. 16)
Gründer und Besitzer der „Bücherkiste“ waren Heinrich F. S. Bachmair und Leo Scherpenbach.
Bachmair (1889-1960) war Autor und Verleger und gründete seinen ersten Verlag 1911 in Berlin, übersiedelte 1912 nach München und war der Verleger von beispielsweise Else Lasker-Schüler, Johannes R. Becher und Viktor Hadwiger, edierte Mappenwerke von Richard Seewald und Ernst Moritz Engert und war Herausgeber expressionistischer Zeitschriften („Die Neue Kunst“, „Revolution“). 1914 verkaufte er seinen Verlag an Berthold Sutter (Der Münchner Verlagsbuchhandel 1914). Im Februar 1919 gründete er den Verlag „Bachmair & Co.“ neu und wenig später die Buch- und Kunsthandlung „Die Bücherkiste“. Mitinhaber und Partner in Verlag und Buchhandlung war Leo Scherpenbach, der ebenfalls bereits als Graphikverleger hervorgetreten war. („L. S. Verlag München Inh: Leo Scherpenbach“), wo er Holzschnitte von Hans Wolf und Fritz Schaefler im Programm hatte.
Der politisch engagierte Bachmair war Mitglied des „Auktionsauschuß revolutionärer Künstler“ in München und hatte während des Umsturzes die Leitung der Artillerie der Roten Armee in Dachau, wofür er am 4. Juni 1919 verhaftet und zu Festungshaft verurteilt wurde, aus der er am 22. Juli 1920 entlassen wurde. Während dieser Zeit führte der Mitbesitzer Leo Scherpenbach Verlag und Buchhandlung, seit Herbst 1919 unterstützt von Wilhelm von Schramm als
Prokurist.
Bachmair zog sich 1922 zurück und übergab das Geschäft am 18. 5. 1922 dem aus Düsseldorf stammenden Adolf Eichholz, der es mit seiner Braut Lisl Schönfeld unter dem Namen „Eichholz & Schönfeld Die Bücherkiste“ als Buchhandlung weiterführte und später in die Schellingstrasse 48 übersiedelte. Leo Scherpenbach, der 1925 eine eigene Buchhandlung mit Verlag in Düsseldorf gründete, blieb anfangs „aus technischen Gründen als Geschäftsführer engagiert“ (Ludwig von Ficker 1988, S. 548). Unter der Leitung von Eichholz dürften kaum mehr Ausstellungen veranstaltet worden sein, lediglich 1923 ist eine Präsentation von Maria Uhden (Der Cicerone. H. 14 v. 26. 7.1923, S. 667) bekannt.

Nachweise:
Adressbuch des Deutschen Buchhandels; Müller, Adressbuch des Deutschen Buchhandels und verwandter Berufszweige

Der Münchener Verlagsbuchhandel auf der Internationalen Ausstellung für Buchgewerbe und Graphik Leipzig 1914. Hrsg. v. Berthold Sutter.- München 1914
Wilhelm von Schramm: Die Bücherkiste. Das literarische München 1919-1924.- München 1979
Ludwig von Ficker. Briefwechsel 1914-1925. Hrsg. v. Ignaz Zangerle [u. a.].- Innsbruck 1988
Der Verleger Heinrich F. S. Bachmair 1889-1960. Expressionismus, Revolution und Literaturbetrieb.(Ausstellung und Katalog Hansjörg Viesel.)- Berlin 1989
Süddeutsche Freiheit. Kunst der Revolution in München 1919.- München 1993