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Das Reich
  • © Berlinische Galerie / Wolfgang Wittrock
  • Repro: Berlinische Galerie
Transkription / Beschreibung
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REICH, DAS
DAS REICH
KUNSTHAUS DAS REICH

Adresse: MÜNCHEN, Bayern, Königinstrasse 23
Inhaber: Alexander von Bernus
Bestand: 1917-1918
Charakteristik: Kunsthaus und Galerie mit Ausstellungen, Lesungen, Vorträgen, Musik

Ausstellungen:
1917: Eröffnungsausstellung (u. a. mit Werken von Karl Thylmann, Aloys Wach und Hans Wildermann); Hinterglasbilder (u. a. von Heinrich Campendonk, Walter Dexel, Wassily Kandinsky)
1918: Aenigma- Gruppe Bildender Künstler; Albert Bloch; Paul Klee; Wladimir Zabotin

Bemerkung:
Das von Alexander von Bernus initiierte Unternehmen „Das Reich“ war eine „universal gedachte Gründung […], in der Kunst, Musik, Dichtung und Wissenschaft gleichermaßen gepflegt werden sollen“ (Die Kunst. H. 4 v. Januar 1918, Anzeigenseite S. I).
Alexander von Bernus (1880-1965) war ein vielseitiger Schriftsteller mit romantisch-mystischen Neigungen, der Dramen, Novellen, Schattenspiele, Mysterienspiele und Gedichtbände veröffentlichte und sich auch mit Alchymie beschäftigte. Er stand sowohl der „Theosophischen Gesellschaft“ als auch später der „Anthroposophischen Gesellschaft“ und damit auch Rudolf Steiner sehr nahe.
Als Redakteur (1902-1904) und Herausgeber (1904) der Zeitschrift „Die Freistatt“ (1902-1907) und als Gründer und Betreiber der „Schwabinger Schattenspiele“ (künstlerische Mitarbeiter waren Greta von Hoerner, Rolf von Hoerschelmann, Dora Polster, Emil Preetorius, Marie Schnür, Karl Thylmann und Doris Wimmer) fand er Kontakte zu zahlreichen bedeutenden Schriftstellern und Künstlern der Zeit (Rolf von Hoerschelmann 1947, S. 136-138; Franz Anselm Schmitt 1971, S. 41-64; Manfred Wegner: „Wachsen am Wunder“. Die ‚Schwabinger Schattenspiele’ 1907-1912.- in: Schwabing 1998, S. 93-100).
Der Eröffnung des geplanten Kunsthauses vorausgegangen war die Gründung der Vierteljahresschrift (später: Zweimonatsschrift) „Das Reich“ (Deimann 1987, S. 205-209; Süddeutsche Freiheit 1993, S. 79-80), einer anthroposophisch orientierten Zeitschrift, die von 1916 bis 1920 erschien und sich als Organ und Sprachrohr des künstlerischen und literarischen Expressionismus verstand und in deren erstem Heft vom April 1916 Programmatisches des Herausgebers Bernus zu lesen war: „Absicht und Ziel des Reiches ist es […] alles was sich an lebendigem und zukunftsgewissem Geistesleben auszuwirken beginnt, wie in einem Brennspiegel zu sammeln […]“ (Das Reich. Heft 1, 1916, S. 1). Zum Kreis der Mitarbeiter gehörten u. a. Theodor Däubler, Walter Hasenclever, Klabund, Else Lasker-Schüler, Rainer Maria Rilke und Rudolf Steiner sowie die bildenden Künstler Heinrich Campendonk, Alfred Kubin, Stanislaus Stückgold, Aloys Wach, Hilde Wolf-Blume.
Am 12. November 1917 wurde das „Kunsthaus Das Reich“ in der Königinstrasse 23 am Rande des „Englischen Gartens“ eröffnet und „zur Pflege einer neuen geistigen Kultur und zur Förderung der ‚Geisteswissenschaft’ eingerichtet“ (Kunstchronik. Nr. 9 v. 30.11.1917, Sp. 85).
Das Programm bestand aus Ausstellungen, Autorenlesungen, Vorträgen und Musikveranstaltungen, in einem Lesesaal lagen mehr als fünfzig verschiedene Zeitschriften auf, von den literarischen und künstlerischen Zeitschriften des Expressionismus wie „Die Aktion“ und „Der Sturm“ über die Kunstzeitschriften „Kunst und Künstler“ oder „Deutsche Kunst und Dekoration“ bis zum „Zentralblatt für Okkultismus“ (Anzeige in: Das Reich. Buch 3 v. Oktober 1917).
Der Jesuitenpater Josef Kreitmayer, der sich mit der engen Verbindung zwischen Expressionismus und Religion beschäftigte, schrieb 1918: „Nicht minder augenfällig ist die Verwandtschaft des Expressionismus mit den Bestrebungen der Theosophen […] Darum auch die liebevolle Pflege dieser Kunst von seiten der Theosophie. ‚Das Reich’, die Zeitschrift sowohl wie das gleichnamige Münchner Kunsthaus, bemühen sich unablässig, durch Artikel, Vorträge und Ausstellungen der neuen Kunst den Weg zu ebnen. Rudolf Steiner hatte einmal in einem Vortrag auf den Zusammenhang zwischen seinen Bestrebungen und denen der modernen Kunst hingewiesen.“ (Josef Kreitmayer: Vom Expressionismus.- in: Stimmen der Zeit. Freiburg im Breisgau. H. 10 v. Juli 1918, S. 356-373; Zitat S. 359). Bei einem dieser Vorträge Steiners war auch Paul Klee anwesend ( Paul Klee 1979, S. 907).
„Um Vorträge und Ausstellungen veranstalten zu können, beschaffte Bernus 1917 eigene Räume in der Königinstraße 23. […] Die Ausstellungen im Münchner ‚Kunsthaus Das Reich’ unter der Leitung von Bernus sollen zusammen mit seiner Zeitschrift für eine aus der Geisteswissenschaft heraus befruchteten Anschauungswelt wirken und helfen, zu den anderen Geistesströmungen der Gegenwart Brücken zu schlagen.“ (Franz Anselm Schmitt 1971, S. 121-122)
„Das Reich“ war eine der zahlreichen Neugründungen, die währen des Krieges zur Vermittlung und Verbreitung von Neuer Kunst geschaffen wurden, worüber Paul Klee an seine Frau am 28. November 1917 schrieb: „‚Der Neue Kreis’ nennt sich die Dresdner Gesellschaft, in Frankfurt heißt sie ‚Neue Vereinigung’, in Hannover ‚Kestnergesellschaft’, in München ‚Das Reich’. Überall dieselben emporschießenden Pilze der neuen Zeit, die jetzt gereift sein soll, wie sie alle behaupten. Nehmen wir gutgläubig an, daß es wahr ist und ernst gemeint. Jedenfalls ist es das Gegenteil von dem, was sich die deutschen Dunkelmänner vom Krieg erhofften […].“ (Paul Klee 1979, S. 888)
In der Eröffnungsausstellung November/Dezember 1917 wurden Werke von Karl Thylmann, Aloys Wach und Hans Wildermann gezeigt, wegen der „Güterbahnsperre und den sonstigen Transportschwierigkeiten“ (Hans Wildermann 1917, S. 9) während des Krieges waren die Möglichkeiten allerdings sehr eingeschränkt. In der Ausstellung war auch der in München lebende österreichische Künstler Aloys Wach vertreten, der zu dieser Zeit in Kriegseinsatz war und vom „Kunsthaus Das Reich“ vertreten wurde (Wach 1993, S. 205).
August Liebmann Mayer rezensierte die Ausstellung, wohl wegen der propagierten anthroposophischen Ausrichtung des Unternehmens, wenig freundlich: „In dem neugegründeten Kunsthaus ‚Das Reich’ […] kommen in der Eröffnungsausstellung einige Künstler zu Worte, bei denen der im Hause eigentlich so verpönte Materialismus noch kräftig genug zu spüren ist. Am sympathischsten wirken die Holzschnitte des allzu früh gefallenen Thylmann […] Die Bilder des jungen Österreichers Aloys Wach sind von einer fatalen Geschicklichkeit. Nichts ist peinlicher, als solche expressionistischen Virtuosen-Kunststücke, wo mit der Durchgeistigung in Form und Farbe gespielt wird und kein inneres Erleben zu verspüren ist. Die Bildnisbüsten von Hans Wildermann offenbaren einen langweiligen Naturalismus […] in dem die Kunst Maillols ins Klassisch-Akademische übersetzt scheint. Von der gleichen Art sind die Zeichnungen des Künstlers.“ (Kunstchronik. Nr. 9 v. 30. 11. 1917, Sp. 85-86).
Entgegengesetzter Meinung war Georg Jakob Wolf, der über Wildermann schrieb: „In dem neuen Kunsthaus ‚Das Reich’ […] erhebt in einigen Kollektivausstellungen der ausgesprochene Expressionismus das Haupt. Eine Sammelausstellung mannigfaltiger Arbeiten des als außerordentlich geschickten Bühnenbildschöpfers bekannten Hans Wildermann macht uns mit einem reich und vielseitig begabten Künstler bekannt.“ ( Die Kunst. H. 4 v. Januar 1918, Anzeigenseite I).
Im Dezember folgte eine Ausstellung von Hinterglasbildern, die bayrische Volkskunst den neuen Werken von Heinrich Campendonk, Walter Dexel und Wassily Kandinsky gegenüberstellte.
Vom 5. Februar bis 15. März 1918 stellten 12 Maler und Bildhauer der Künstlervereinigung „Aenigma- Gruppe Bildender Künstler“ aus (Franz Anselm Schmitt 1971, S. 122). Im März und April 1918 fanden zwei Ausstellungen gleichzeitig statt: Paul Klee zeigte ebenso neue Arbeiten wie Albert Bloch, der ursprünglich mit Heinrich Campendonk ausstellen sollte (Albert Bloch 1997, S. 175). Obwohl sich Paul Klee und Albert Bloch gut kannten, war Klee nicht sehr angetan von der Tatsache: „Die Ausstellung im ‚Reich’ ist zum Beispiel besser ausgefallen, als ich dachte. Nur hat Bloch wieder im linken Eck gegenüber dem Eingang farbigen Unsinn aufgehängt, was nur einer machen kann, der von Farbe wenig versteht. Wer kann eine Ausstellung machen? Das ist etwas vom Allerschwersten. Kandinsky konnte es.“ (Paul Klee 1979, S. 918). Für Klee erbrachte die Ausstellung zwei Verkäufe an den Sammler und Kunsthändler (-> DER STURM) Herwarth Walden (Paul Klee 1979, S. 934 und 943).
1918 ist noch eine weitere Ausstellung bekannt geworden: Der Karlsruher Künstler Wladimir Zabotin, der seine erste Kollektivausstellung 1917 in der Karlsruher -> GALERIE MOOS hatte, stellte 1918 erstmals in München aus. (Anette Ludwig 1994, S. 39 und 315; hier wird die Galerie fälschlich „Theosophische Gesellschaft“ genannt.)
Weitere Aktivitäten auf dem Ausstellungssektor sind derzeit nicht bekannt. Wann das „Kunsthaus Das Reich“ aufgelöst wurde, ist nicht überliefert. Bernus lebte nach Aufgabe seiner Münchner Wohnung im März 1920 in der Folgezeit abwechselnd im Stift Neuburg (bei Heidelberg, Baden) und im 1921 erworbenen Schloss Donaumünster (Bayern), wo er neben seiner schriftstellerischen Tätigkeit seine Entwicklungen spagyrischer Arzneimittel weiterbetrieb.

Nachweise:
Hans Wildermann. Geleitwort von Curt Morek. Die ausgestellten Werke im Kunsthaus „Das Reich“ zu München, Königinstr. 23. November - Dezember 1917
Rolf von Hoerschelmann: Leben ohne Alltag.- Berlin 1947
Franz Anselm Schmitt: Alexander von Bernus. Dichter und Alchymist. Leben und Werk in Dokumenten.- Nürnberg 1971
Paul Klee. Briefe an die Familie 1893-1940. Hrsg. v. Felix Klee.- Köln 1979
Götz Deimann (Hrsg.): Die Anthroposophischen Zeitschriften von 1903 bis 1985. Bibliographie und Lebensbilder.- Stuttgart 1987
Süddeutsche Freiheit. Kunst der Revolution in München 1919.- München 1993
Aloys Wach 1892-1940.- Linz 1993
Annette Ludwig: Wladimir von Zabotin 1884-1967.- Karlsruhe 1994
Albert Bloch: Ein amerikanischer Blauer Reiter. Hrsg. v. Annegret Hoberg und Henry Adams.- München 1997
Schwabing. Kunst und Leben um 1900. Essays.- München 1998
{Rainer Stamm: Else Lasker-Schüler und ‘Das Reich’.- in: Aus dem Antiquariat. Nr. 3, 1999, S. A 136 - A 140; überarbeitete Fassung in: Der Rundbrief an die Freunde der Alexander von Bernus Gesellschaft, Nr. 5 v. Mai 2000, S. 17-23}