Resultate:  1

Georg C. Steinicke
  • © Berlinische Galerie / Wolfgang Wittrock
Transkription / Beschreibung
Weiterführende Links
Zugehörige Objekte

STEINICKE
GEORG C. STEINICKE
GRAPHISCHES KABINETT GEORG C. STEINICKE
KUNSTSAAL STEINICKE

Adresse: MÜNCHEN, Bayern, Lindwurmstrasse 5a; Leopoldstrasse 23; Adalbertstrasse 15 (1914-1935)
Inhaber: Georg Carl Steinicke (1903-1910); Georg Carl Steinicke, Fritz Lehmkuhl (1910-1913); Georg Carl Steinicke (1914-1935)
Bestand: 1903-1935
Charakteristik: Buchhandlung, Antiquariat, Graphisches Kabinett
„Anfang Oktober 1914 eröffne ich: Einen Saal verbunden mit Bühne für intime literarische Veranstaltungen. Ständige Ausstellung moderner Graphik und Plastik. Georg C. Steinicke. Adalbertstraße 15“ (Anzeige in: Das Forum. H. 4 v. Juli 1914, Anzeigenseite)

Ausstellungen:
1908: Emil Preetorius
1911: Reinhold Rudolf Junghanns
1912: Alexis Demarle

Verlag:
Am 1. 1. 1913 wurde der Verlag „Steinicke & Lehmkuhl“ an derselben Adresse gegründet. Aus dem nicht sehr umfangreichen Programm ist lediglich ein 1914 erschienener Titel mit Beziehung zur bildenden Kunst nachweisbar: Deutsche Stilisten. Handzeichnungen Altdeutscher Meister. Herausgegeben und eingeleitet von Hans Sauermann

Bemerkung:
Der Buchhändler und Antiquar Georg Carl Steinicke (1877-1939) gründete seine Buchhandlung „Georg C. Steinicke“ am 1. Oktober 1903 in der Lindwurmstrasse 5a. Später übersiedelte er in die Leopoldstrasse 23, wo Fritz Lehmkuhl zwischen 1910-1913 Mitinhaber war, mit dem gemeinsam er auch am 1. 1. 1913 den Verlag „Steinicke & Lehmkuhl“ an derselben Adresse gegründet hatte. Von 1914 bis zur Auflösung 1935 befand sich das Geschäft in der Adalbertstrasse 15. Mit dieser Übersiedlung nach Schwabing begann Steinicke sein Geschäft zu erweitern und eröffnete neben der ständigen Ausstellung moderner Graphik und Plastik den „Kunstsaal Steinicke“, „Einen Saal verbunden mit Bühne für intime literarische Veranstaltungen“ (Anzeige in: Das Forum. H. 4 v. Juli 1914, Anzeigenseite).
Neben der ständigen Ausstellung moderner Graphik gibt es nur wenige Nachweise von monographischen Präsentationen einzelner Künstler.
Das Angebot der Buch- und Graphikhandlung wurde in zahlreichen Katalogen präsentiert, vereinzelt fanden auch Auktionen statt, beispielsweise die 8. Auktion am 14. und 15. März 1917 (Anzeige in: Der Kunstmarkt. Nr. 23 v. 2. 3. 1917, S. 131; Kunst und Künstler. H. 6 v. März 1917, Anzeigenseite 4). Diese „Versteigerung wertvoller Original-Graphik“ mit Originalradierungen zeitgenössischer Meister sowie Handzeichnungen und Studien enthielt u. a. Werke von Lovis Corinth, Willi Geiger, Peter Halm, Ferdinand Hodler, Reinhold Rudolf Junghanns, Max Klinger, Max Liebermann, Max Mayrshofer, Georg Pfeil, Adolf Schinnerer, Karl Stauffer-Bern, Ludwig Thoma, Albert Weisgerber, Hubert Wilm und Anders Zorn. „Wenn auch ganz große Seltenheiten unter den Radierungen fehlen, so findet sich doch eine Menge vorzüglicher und gesuchter Blätter der besten lebenden Graphiker. Vor allem aber ist unter den Handzeichnungen sehr viel Gutes“ (Der Kunstmarkt. Nr. 24 v. 9. 3. 1917, S. 140).
Bereits 1913 veranstaltete Steinicke eine Auktion unter dem Titel „Aus dem Besitze einer Münchner Künstler-Wirtin u. a.“. Hinter diesem Titel verbarg sich die damals bereits berühmte Kathi Kobus (1854-1929). Sie betrieb in München das Lokal „Dichtelei“, ehe sie 1903 in die Türkenstrasse 57 umzog und ihr Lokal „Simplicissimus Künstler Kneipe Kathi Kobus“ nannte. Der Treffpunkt der Münchner Bohème und der Künstler rund um die gleichnamige Zeitschrift war Künstlerlokal und Kabarett in einem und eine Schwabinger Sehenswürdigkeit. Auf einem Werbeplakat der Zeit mit dem roten Simplicissimus-Bully von Thomas Theodor Heine lesen wir: „Meine interessante Bilder-Gallerie ist bei Tage unentgeltlich und ohne Trinkzwang zu besichtigen“ (Das frühe Plakat 1980, Nr. 31). In den Erinnerungen eines Zeitgenossen lesen wir über das Lokal, „das bei Tage eher einer Kunsthandlung glich als einer Künstlerkneipe. An allen Wänden hingen Ölbilder, Zeichnungen, Radierungen, Schnitte und Stiche, in allen Größen, in allen Stilarten, von jeglichem Wert; Porträts, Landschaften, Karikaturen, Stilleben, von unbekannten Meistern und von Berühmtheiten, die teils noch in Person unter ihren Werken anzutreffen waren, teils auch längst im Villenviertel von Bogenhausen den räumlichen Trennungsstrich zwischen Vergangenheit und Gegenwart gezogen hatten, wie Franz Stuck, aus dessen dämonischer Zeit ein mächtiges Bild unsern Stammtisch im Hintergrund der Weinstube umdüsterte […] jedenfalls waren alle bekannten Zeichner des Patenblattes [Simplicissimus] an den Wänden des ‚Simplicissimus’ vertreten.“ (Erich Mühsam 1949, S. 138, 139). Mühsam erwähnt daneben noch Werke von Albert Weisgerber, Franz Marc und Max Unold. Ein Exemplar des Auktionskataloges ist derzeit nicht nachweisbar, lediglich aus den Ankündigungen wissen wir, dass der Katalog 17 Seiten umfasste und 220 Nummern und 4 Abbildungen enthielt (Neuigkeiten des deutschen Kunsthandels. Nr. 5 v. Mai 1913, S. 87).
Der „Kunstsaal Steinicke“ (später auch „Steinicke-Saal“) war ein Vortragssaal mit kleiner Bühne im Hof des Hauses Adalbertstrasse 15 „mit dem [Steinicke] mehr noch als mit seiner Buchhandlung in Schwabings Geschichte einging […] mit seinem variablen ‚Steinicke-Saal’ konnte der betriebsame Hausherr nun endlich nach Herzenslust Vortragsabende, Dichterlesungen, Theateraufführungen, Kammerkonzerte, Kabarettprogramme und nicht zuletzt Faschingsfeste veranstalten oder - gegen geringe Saalmiete - veranstalten lassen.“ (Karl Ude 2001, S. 106).
Eröffnet wurde der Steinicke-Saal am 16. Dezember 1914 und die Liste der hier Auftretenden ist gespickt mit heute vergessenen sowie auch berühmt (gewordenen) Literaten, Künstlern und anderen Vortragenden, wie beispielsweise der Nationalökonom und Soziologe Max Weber, der am 17. November 1917 im Rahmen der Vortragsreihe „Geistige Arbeit als Beruf“ seinen nachmals berühmt gewordenen Vortrag „Wissenschaft als Beruf“ und am 28. Januar 1919 den Vortrag „Politik als Beruf“ hielt.
Aus der langen Liste der Vortragenden und Auftretenden seinen lediglich einige Namen genannt:
Die Dichter Rudolf Borchardt, Hans Carossa, Theodor Däubler, Otto Flake, Thomas Mann und Joachim Ringelnatz. Die Tänzerinnen Sent Mahesa und Gertrud Leistikow traten ebenso auf wie
Karl Valentin und Liesl Karlstadt. Das Theater war beispielsweise mit dem von Willy Cronauer gegründeten „Schauspiel der Gegenwart“ vertreten und die Schauspielerin Magda Lena (die geborene Magdalene Freiin von Perfall war die Ehefrau des Malers und Graphikers Josef Achmann) hielt später als Leiterin einer Schauspielschule die wöchentlichen Ensemblestunden mit ihren Schülern bei Steinicke ebenso ab, wie ihr Kollege Albert Steinrück.
Die so vielfältigen Veranstaltungen im „Steinicke-Saal“ können hier nicht weiter dargelegt werden. Die ersten zwanzig Jahre wurden in einer kleinen Schrift dokumentiert (Der Steinicke-Saal 1934), das kleine Veranstaltungslokal (später auch „Klubheim“ genant) wurde auch nach der etwa 1935 erfolgten Schliessung der Buchhandlung weitergeführt und bestand auch über den Tod Steinickes (1939) hinaus bis 1941. Mittels einer Postkarte wurde das bevorstehende Ende angekündigt: „"Wir mögen nimmer und schließen für immer am Aschermittwoch 1941 [26. 2.]. Allen treuen Freunden danken herzlichst Steinickes".

Nachweise:
Adressbuch des Deutschen Buchhandels; Müller, Adressbuch des Deutschen Buchhandels und verwandter Berufszweige

Der Steinicke-Saal 1914-1934. Ein kleines Haus aus grosser Zeit.- München [1934]
Erich Mühsam: Namen und Menschen Unpolitische Erinnerungen. Hrsg. v. Fritz Adolf Hünich.- Leipzig 1949
Das frühe Plakat in Europa und den USA. Ein Bestandskatalog. Band 3: Deutschland. Bearbeitet von Helga Hollmann [u. a.].- Berlin 1980
Monika Dimpfl: "Wir gehen zum Papa Steinicke!" Der Schwabinger Steinicke-Saal 1914-1941. [Typoskript] München 1990
Karl Ude: Buchhändler-Saalbesitzer-Kulturwirt in Schwabing. in Memoriam Georg C. Steinicke.- in: Karl Ude: Schwabing von innen. Kulturelle Essays. Mit einem Vorwort von Christian Ude. Ausgewählt und kommentiert von Günther Gerstenberg.- München 2002, S. 105-110