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Vertriebsstelle für Graphik
  • © Berlinische Galerie / Wolfgang Wittrock
  • Repro: Berlinische Galerie
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VERTRIEBSSTELLE FÜR GRAPHIK (Piper)
VERTRIEBSSTELLE FÜR GRAPHIK

Adresse: MÜNCHEN, Bayern, Königinstrasse 59 (1904-1905), Josefsplatz 7 (1905)
Inhaber: R. Piper & Co.
Bestand: 1904-1905
Charakteristik: Graphikhandel

Verlag:
In Kommission erschienen:
Vereinigung Graphischer Künstler, München: Originalholzschnitte. (10 Originalholzschnitte in Aquarelldruck von Georg Braumüller, Else Glöckner, Alfred Braun-Heinbronn, Margarete Braumüller-Havemann, Ernst Neumann, Lina Richter-Spiess)
Willi Geiger: Liebe. Zehn Original-Radierungen. (50 numerierte und signierte Exemplare)

Bemerkung:
Reinhard Piper (1879-1953) gründete gemeinsam mit Georg Müller (1877-1917) den Verlag „R. Piper & Co.“ in München. Die Eintragung ins Handelsregister erfolgte am 19. Mai 1904 und bereits im Herbst 1904 lagen die ersten vier Bände der Reihe „Moderne Illustratoren“ von Hermann Esswein vor: Th. Th. Heine, Hans Baluschek, Toulouse-Lautrec, Eugen Kirchner.
Die Geschichte des Verlags, der vor allem durch Publikationen auf den Gebieten der Belletristik, Kunst und Philosophie rasch Bedeutung erlangte, kann hier nicht dargelegt werden (zuletzt behandelt in: Edda Ziegler: 100 Jahre Piper. Die Geschichte eines Verlags.- München 2004).
Hier ist lediglich über eine Unterabteilung des Verlages zu berichten, der eine bis dahin nicht gekannte Form des Graphikvertriebs und Verkaufs einrichtete.
Pipers Bekanntschaft mit dem Graphiker Ernst Neumann und die geplante Monographienreihe „Moderne Illustratoren“ dürfte den Ausschlag gegeben haben, parallel dazu einen Graphikhandel auf Kommissionsbasis aufzuziehen. An der Verlagsadresse Königinstrasse 59 wurde im Herbst eine „Vertriebsstelle für Graphik“ eingerichtet, deren erster Angebotskatalog im Spätherbst 1904 in 2000 Exemplaren erschien: „Vertriebsstelle für Graphik R. Piper & Co. Erstes Verzeichnis der Radierungen, Lithographien und Holzschnitte moderner Graphiker welche - meist in Handdrucken und signiert - auf der Vertriebsstelle vorrätig sind. Mit einer Einführung von Hermann Esswein und zahlreichen Reproduktionen“ (Dank an The Getty Research Institute, Los Angeles für eine Kopie des Kataloges.)
Der Katalog mit 80 Seiten und 43 Abbildungen hatte mehr als eintausend Werke zum Inhalt.
Angeboten wurde Originalgraphik vom Exlibris bis zu Plakaten und Mappenwerken von etwa 135 meist deutschen Künstlern. Bemerkenswert war der hohe Frauenanteil von beinahe 40%.
In dem „November 1904“ datierten Vorwort heisst es: „Die Idee unseres Unternehmens erwuchs zunächst aus Erwägungen praktischer Natur. Wir wollen dem Künstler, der uns seine Blätter in Kommission gibt, zugleich mit ihrer Ankündigung an einen grossen Kreis von Interessenten die zeitraubenden Arbeiten der Versendung abnehmen, andererseits den privaten Kunstfreunden, Sammlungen und Kunsthändlern eine Zentrale für die bequeme Deckung ihres Bedarfs bieten, in der sie heute schon den grössten Teil dessen vereinigt finden, was an Wertvollem innerhalb der graphischen Künste produziert wird.“
Der folgende Auszug aus der Künstlerliste ist ein Querschnitt von bekannten und kaum dokumentierten Künstlern: Mathilde Ade, Emil Anner, Gustav Bechler, Mechthild Buschmann-Czapek, Martha Cunz, Alexander Eckener, Otto Gampert, Richard Grimm, Peter Halm, Margarete Hoenerbach, Felix Hollenberg, Wassily Kandinsky, Friederike von Koch, Alois Kolb, Käthe Kollwitz, Frieda Kretschmann-Winckelmann, Hermine Laukota, Ernst Lenk, Maximilian Liebenwein, Hellmuth Liesegang, Aenny Loewenstein, Marie von Malachowski, Karl Theodor Meyer-Basel, Maria Nachtigal, Ernst Neumann, Hans Neumann, Paul Paeschke, Elise Peppmüller, Ivo Puhonny, Heinrich Reifferscheid, Rudolf Schiestl, Adolf Schinnerer, Dora Seifert, Edmund Steppes, Otto Ubbelohde, Annette Versel, Emil Rudolf Weiß, Albert Welti, Richard Winckel, Heinrich Wolff, Ernst Würtenberger.
In Kommission erschienen zwei Mappenwerke mit Originalgraphiken, die zusätzlich mit illustrierten Sonderprospekten beworben wurden: Die von der „Vereinigung Graphischer Künstler, München“ herausgegebene Mappe mit 10 Originalholzschnitten und die erste von Willi Geiger radierte Mappe „Liebe“. In Vertrieb übernommen wurde die erste, 1903 von Willi Geiger veröffentlichte Mappe „Seele“ (30 Tuschzeichnungen in Lichtdruckreproduktionen) und die Restauflage von dem 1901 erschienenen, mit Originalgraphik versehenen Sammelwerk „Avalun. Ein Jahrbuch deutscher lyrischer Wortkunst“.
1905, in der Zwischenzeit sind der Verlag und die „Vertriebsstelle“ an die Adresse Josefsplatz 7 umgezogen, erschien eine weiterer Katalog mit 100 Seiten und 50 Abbildungen. (Dieser kann derzeit in keiner Sammlung nachgewiesen werden.)
Werbung für die „Vertriebsstelle“ wurde auch in den bei Piper herausgekommenen Bänden der von Hermann Esswein verfassten Reihe „Moderne Illustratoren“ betrieben: In dem Ernst Neumann gewidmeten Band 6: „Die Vertriebsstelle […] hält sämtliche graphische Original-Arbeiten von Ernst Neumann ständig auf Lager und sendet dieselben auf Wunsch auch zur Ansicht“. Angeboten werden 40 Werke (Hermann Esswein: Ernst Neumann.- München [1905]. S. 54. Im Edvard Munch gewidmeten Band 7 werden 82 Graphiken angeboten (Hermann Esswein: Edvard Munch.- München [1905]. S. 45-46). Obwohl Edvard Munch zu dieser Zeit mit  BRUNO CASSIRER einen Vertretungsvertrag für seine Graphik hatte, gelang es Reinhard Piper, etwa 150 Originalgraphiken für seine „Vertriebsstelle“ zu bekommen. „Munch sandte mir für diesen Vertrieb Abzüge von etwa 150 Radierungen, Holzschnitte und Lithographien, also fast sein gesamtes graphisches Werk.“ (Reinhard Piper 1964, S. 251)
Pipers Bemühungen, gleichzeitig mit dem im Herbst 1905 erschienenen Munch-Band aus seinem Verlag eine Ausstellung mit Gemälden und Graphiken zu veranstalten, schlugen fehl. In einem Brief vom 29. September 1905 schreibt Piper an Munch: „der hiesige ‚Kunstverein’ glaubte seinem konservativen Publikum so ernsthafte, bedeutende Werke wie die Ihrigen nicht zumuten zu dürfen!“ (Reinhard Piper 1979, S. 87) Die von Piper nach München geholten Munch-Graphiken fanden dann doch noch eine Ausstellungsmöglichkeit durch den studentischen Verein „Künstlerische Bildung“. Der damalige Student der Kunstgeschichte, Paul Ferdinand Schmidt, schreibt darüber in seinen Erinnerungen: „In den Räumen des Künstlerhauses, dem offiziellen Café unseres Vereins, konnten wir von Zeit zu Zeit kleine Ausstellungen lebender Künstler veranstalten, die ich betreute. Der junge Verleger Reinhard Piper zeigte mir seine Sammlung von Graphikblättern Edvard Munchs […] und wir beschlossen sofort, sie in jenen Sälen des Künstlerhauses auszustellen, was ich selbständig und unbekümmert besorgte, ebenfalls im Winter 1904. Der Erfolg war niederschmetternd […], heftiger Protest stürmte mir entgegen und die Münchner Presse reagierte ebenfalls sauer; das spärliche Publikum, das den Weg dazu fand, lachte so schallend über Munch […]. (Paul Ferdinand Schmidt 1955, S. 55)
Wie lange die „Vertriebsstelle“ über 1905 hinaus betrieben wurde, ist nicht bekannt. Piper widmet diesem Kapitel seiner Arbeitsbiographie in seinen 1947 erstmals erschienenen Erinnerungen „Vormittag“ nur einen resignativen Satz: „Ich hatte mich damals - als Nachwirkung meines Verkehrs mit Ernst Neumann - mit einer ‚Vertriebsstelle für Graphik’ belastet, in der sich leider überwiegend Mittelmaß zusammenfand.“ (Reinhard Piper 1964, S. 250-251)
In die neuere Kunstgeschichte eingeschrieben hat sich der Piper Verlag durch die Veröffentlichung „Almanach der Blaue Reiter“ im Jahre 1912. Pipers Bekanntschaft mit dem Mitherausgeber Wassily Kandinsky datiert aus dem Jahr 1904, als er erstmals 13 Holzschnitte in seinem ersten Katalog der „Vertriebsstelle“ zu Preisen zwischen 5 und 30 Mark angeboten hatte.
Ins Jahr 1912 datiert auch die Bekanntschaft Pipers mit Max Beckmann, dem er den Auftrag für ein Umschlagbild des Weihnachskataloges von 1912 erteilte. Der Künstler lieferte das lithographierte Selbstbildnis „Lesender Mann“, das als Zinkätzung gedruckt wurde. Gleichzeitig wurde die Lithographie auf Japan zum Preis von 5 Mark angeboten (R. Piper & Co. Verlag München, [Weihnachtskatalog 1912], Umschlagseite 4). Dies ist der Beginn von Pipers Tätigkeit als Verleger von Originalgraphik. In der Folge veröffentlichte Max Beckmann (neben den Lithographien zu dem Gedichtband „Stadtnacht“ von Lili von Braunbehrens) zahlreiche Graphiken bei Piper, die später in einem eigenen Katalog („Original-Graphik von Max Beckmann“ [1922]) zusammengefasst wurden. 1927 wurden die verbliebenen Exemplare von Günther Franke von der Münchner Kunsthandlung  GRAPHISCHES KABINETT übernommen (Internationale Sammler-Zeitung. Nr. 16 v. 1. 9. 1927, S. 142).

Nachweise:
Paul Ferdinand Schmidt: Lebenslauf. Als Manuskript gedruckt [1955]
Reinhard Piper: Mein Leben als Verleger. Vormittag. Nachmittag.- München 1964
Reinhard Piper. Briefwechsel mit Autoren und Künstlern 1903-1953. Hrsg. v. Ulrike Buergel-Goodwin und Wolfram Göbel.- München 1979