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Kunst und Wohnung R. Lorenz
  • © Berlinische Galerie / Wolfgang Wittrock
  • Repro: C. Berkenhoff
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LORENZ
KUNST UND WOHNUNG R. LORENZ GES. M. B. H.
KUWO
MODERNE GALERIE

Adresse: WIEN, Wien, Josefstädter Strasse 21
Inhaber: Kunst und Wohnung R. Lorenz Ges. m. b. H.; Gesellschafter waren Rudolf Lorenz, Dr. Oskar Reichel, Samuel Goldfarb
Mitarbeiter: Hugo Gorge
Bestand: 1920-1921 als Kunsthandlung, 1920-(1942) als Einrichtungshaus
Charakteristik: Einrichtungshaus mit angeschlossener Kunsthandlung
„Moderne Galerie Kunst und Wohnung R. Lorenz […] Moderne und alte Kunst, Kunstgewerbe, Antiquitäten, Moderne und antike Einzelmöbel. Abteilung für moderne Wohnungseinrichtungen Architekt Hugo Gorge“ (Anzeige (Katalog) Einfacher Hausrat.- Wien: Österreichisches Museum für Kunst und Industrie 1920)

Ausstellungen:
1920: Lajos Tihanyi;
1921: Künstlergruppe Freie Bewegung (das gedruckte Katalogblatt nennt die folgenden Teilnehmer: Josef Capek, Carry Hauser, Erich Heckel, Vlastislav Hofman, Friedrich Feigl, Alfred Justiz, Frieda Salvendy, Vaclav Spala und Katharina Zirner; handschriftliche Zusätze auf einem Exemplar (Kunstarchiv Werner J. Schweiger, Wien) nennen noch die Künstler
Moritz Cammerloher, Georg Ehrlich, Rolf Henkl, Willi Nowak, Robert Pajer-Gartegen, Ernst Wagner; Rolf Henkl, Grete Neuwalder)

Verlag:
Bohuslav Kokoschka: Frauenbildnis, Porträt eines Mädchens, Junges Mädchen, Mädchenbildnis (Original-Lithographien). (Die Auslieferung der vier Lithographien erfolgte nach dem Ende der Ausstellungstätigkeit von Lorenz durch den „Verlag Ed. Strache“, der ebenfalls Lithographien des Künstlers in seinem Programm hatte.)

Bemerkung:
1920 wurden in Wien erstmals zwei Galerien für moderne Kunst ausserhalb der Innenstadt (1. Bezirk) gegründet: Max -> HEVESI im 6. Bezirk, in der Mariahilferstrasse 13 und Kunst und Wohnung R. Lorenz im 8. Bezirk, in der Josefstädterstrasse 21. Hatte es der Kunsthandel schon innerhalb der Grenzen der Wiener Innenstadt schwer, so waren Galerien in der ,,Vorstadt“ nahezu chancenlos. Selbst die Künstler - immer auf der Suche nach Ausstellungsmöglichkeiten - waren skeptisch, und so kam für die Künstlervereinigung ,“Der Fels“ der Salon von Max Hevesi „nur im Notfall in Betracht … (da er) sehr schlecht gelegen ist“. Kunst und Wohnung war noch weiter von der Innenstadt entfernt, aber im Gegensatz zu Max Hevesi, der einen reinen Kunstsalon betrieb, stand die Firma Kunst und Wohnung vom Anfang an auf breiterer Basis.
Der Gesellschaftervertrag vom 23. 12. 1919 zwischen Rudolf Lorenz, Samuel Goldfarb und Dr. Oskar Reichel nennt den „Gegenstand des Unternehmens“: „Erzeugung, Ankauf und Vertrieb von Möbeln, Kunstgewerbe- und Einrichtungsgegenständen, Einkauf und Vertrieb von Antiquitäten und Kunstgegenständen aller Art, endlich der Betrieb aller zur Förderung dieser Zwecke dienenden Gewerbe und Geschäfte.“ (Österreichisches Staatsarchiv). Die Eintragung ins Handelsregister erfolgte am 31. 1. 1920.
Wann der Betrieb aufgenommen wurde, kann derzeit nicht festgestellt werden, eine erste Ausstellungsbeteiligung (Einfacher Hausrat, Österreichisches Museum für Kunst und Industrie) ist ab November 1920 dokumentiert.
Rudolf Lorenz, „Kaufmann und Innenarchitekt“ (Meldezettel), 1883 in Prag geboren, Mitglied des „Österreichischen Werkbundes“„war auf dem Gebiete der Inneneinrichtung der erste, der die Errungenschaften der modernen Forderungen propagiert und praktisch durchgesetzt hat.“ (Prominenten Almanach 1930, S. 185). Als Architekt trat er in Wien nur ein Mal in Erscheinung, 1928 mit dem „Haus eines Schriftstellers“ (Meder 2004, S. 203-208).
Dr. Oskar Reichel (1869-1941) war Arzt (Internist), studierte später fünf Semester Kunstgeschichte und trat früh als einer der bedeutendsten Sammler moderner, zeitgenössischer Kunst in Wien hervor (Schweiger 1983, S. 148-153; Schweiger 2002). Reichels Sammlung wurde 1913 in der Galerie -> MIETHKE als erste zeitgenössische Privatsammlung in Wien ausgestellt. (Reichel gehörte zu einer ganzen Reihe von Kunstsammlern, die später auch als Kunsthändler hervortraten. Beispiele dafür sind Max Dietzel -> DER NEUE KUNSTSALON, München, Rosy Fischer -> FISCHER, Frankfurt, Herbert Garvens -> GARVENS, Hannover und Dr. Hans Koch -> GRAPHISCHES KABINETT VON BERGH, Düsseldorf.)
Der im Gesellschaftervertrag genannte Samuel Goldfarb dürfte wohl Finanzier gewesen sein.
Auf Anzeigen und Geschäftdrucksachen finden sich die Bezeichnungen KUNST UND WOHNUNG R. LORENZ, KUWO sowie MODERNE GALERIE. Die von Dr. Oskar Reichel organisierten Ausstellungen wurden im Frühjahr 1920 mit einer Personale von Lajos Tihanyi begonnen. „Eine neue Kunsthandlung „Moderne Galerie Kunst und Wohnung R. Lorenz“ eröffnete ihre erste Ausstellung mit Arbeiten des ungarischen Malers Lajos Tihanyi.“ (Kunstchronik und Kunstmarkt. Nr. 30 v. 23. April 1920, S. 79). Die Rezension gibt auch einen Einblick in die Ausstattung der Galerie: „In drei einfach und konzessionslos zweckmäßig ausgestatteten Räumen“. Ein anderer Rezensent schreibt später über das „geschmackvolle Arrangement der Ausstellungsräume, die in dieser Hinsicht ein Novum für das Wiener Kunstleben darstellen.“ (Reichspost. 18. 1. 1921)
Am 15. Jänner 1921 wurde die 4. Ausstellung der Künstlergruppe „Freie Bewegung“, eröffnet. Diese Künstlervereinigung, hervorgegangen aus der 1918 gegründeten „Bewegung“ gehörte zu den zahlreichen, meist kurzlebigen Zusammenschlüssen von Künstlern der Zeit. Mitglieder waren u. a. Carry Hauser, Georg Ehrlich, Erich Heckel, Frieda Salvendy, Rolf Henkl, Katharina Zirner und Friedrich Feigl. Ausstellungen fanden zwischen 1919 und 1922 in Wien und in Berlin (bei -> GURLITT) statt.
Die Ausstellung bei Lorenz wurde durchwegs wohlwollend aufgenommen: „Diese Künstlergruppe bewährt sich auch bei ihrer gegenwärtigen Ausstellung als Sammelplatz für treibende moderne Begabungen“ (Volks-Zeitung. 25. 1. 1921). „Die Ausstellung ist gewiß nicht nach dem Sinne strengkonservativer Kunstästhetik, aber sie wird jedem vorurteilslosen Besucher starke Eindrücke vermitteln“ (Reichpost. 18. 1. 1921). Für Wiens konservativsten Kunstkritiker Adalbert Franz Seligmann bekam man hier lediglich „expressionistisches Gestammel“ von Leuten zu sehen, „die einer Sekte von Selbstverstümmlern angehören:“( Neue Freien Presse, unbezeichneter Ausschnitt im Kunstarchiv Werner J. Schweiger, Wien ) Dazu dürfte Seligmann wohl auch die vier Originallithographien von Bohuslav Kokoschka gezählt haben, die 1920 im Verlag von R. Lorenz erschienen sind.
Im April 1921 stellte Rolf Henkl aus. Henkl war ein Multitalent: Lyriker, Kunsthistoriker, Literaturwissenschaftler, Linguist und Maler. „Ein ganz Moderner, der sich aber nicht der völligen Abstraktion von der Form verschrieben hat, so sehr er sie eigenwillig gestaltet“. (Wiener Zeitung. 27. 4. 1921). Gleichzeit wurden Plastiken von Grete Neuwalder(-Breuer) gezeigt. Im erhaltenen Nachlass von Rolf Henkl findet sich ein Dokument, das die finanziellen Bedingungen für die Ausstellung festlegt: Das Lokal wurde Henkl kostenlos zur Verfügung gestellt, die Galerie war aber berechtigt, Eintrittsgeld für sich zu verlangen. Die Werbekosten gingen zu Lasten des Künstlers. Von den Verkäufen der Werke, die nur über die Galerie erfolgen durften, wurde eine Provision von 15% vereinbart. (Nachlass Rolf Henkl)
Über weitere Aktivitäten liegen derzeit keine Informationen vor.
Ob die ungünstige Lage der Galerie oder das Desinteresse des Publikums Schuld an der Einstellung des Ausstellungsprogrammes hatten, ist nicht bekannt. „Kunst und Wohnung“ beschränkte sich in der Folge auf sein Hauptgebiet, den Möbelbau und die Wohnungseinrichtung, und wurde - bis 1927 künstlerisch geleitet von dem Architekten und Wiener-Werkstätte-Mitarbeiter Hugo Gorge (Schweiger 1982, Meder 2004) - eines der wesentlichsten modernen Einrichtungshäuser von Wien. Als Möbelerzeuger bestand die Firma unter wechselnden Adressen bis zur amtlichen Löschung aus dem Handelsregister bis 1942. Nach Hugo Gorge lieferten zahlreiche Architekten Entwürfe für Lorenz, darunter Franz Kuhn, Leopold Kleiner, Gabriele Lagus-Möschl, Siegfried Theiß und Hans Jaksch.
1938 musste Rudolf Lorenz als Jude über Prag nach London emigrieren

Nachweise:
Quellen:
Wien: Archiv des Landes und der Stadt Wien; Österreichisches Staatsarchiv (Deutschösterreichisches Staatsamt des Innern); Nachlass Rolf Henkl (Österreichische Nationalbibliothek, Handschriftensammlung)
Literatur:
Prominenten Almanach. Hrsg. v. Oscar Friedmann. Band 1.- Wien 1930
Werner J. Schweiger: Wiener Werkstätte. Kunst und Handwerk 1903-1932.- Wien 1982
Werner J. Schweiger: Der junge Kokoschka. Leben und Werk 1904-1914.- Wien 1983
Werner J. Schweiger: Kunsthandel der Zwischenkriegszeit in Wien.- in: Galerie Würthle. Gegründet 1865.- Wien: Galerie Würthle 1995. S. 17-23
Werner J. Schweiger: “Your love affair with my paintings”. Oskar Kokoschka and his early Viennese collectors.- in: Oskar Kokoschka. Early portraits from Vienna and Berlin 1909-1914.- New York: Neue Galerie New York, 15 March - 10 June 2002, S. 61-66
Iris Meder: Offene Welten. Die Wiener Schule im Einfamilienhausbau 1910-1938.- Dissertation Stuttgart 2004