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Brief von Lotte Laserstein an Unbekannt bezüglich Hilfeleistung für die inhaftierte Meta Laserstein. Stockholm (Schweden)
  • Repro: Kai-Annett Becker
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Stockholm, 24/ II 42

Sehr verehrte gnädige Frau!
Nach einem Besuch bei Gräfin Wilamowitz-Moellendorff wage ich,
diese Zeilen an Sie zu richten.
Ich bin Malerin, in Deutschland geboren, habe durch Heirat die
schwedische Staatsangehörigkeit und lebe in Stockholm.
Vor einigen Wochen erfuhr ich, dass Ende Juli meine einzige Schwe-
ster, Käte Laserstein, die in Berlin-Steglitz, Immenweg 7, mit meiner
Mutter zusammen lebte, die Wohnung verlassen und in einem Abschieds-
brief meiner Mutter mitgeteilt hat, dass sie ihr Leben enden wolle.
Wenige Tage später wurde meine Mutter, 75 Jahre alt, halbjüdisch,
verhaftet, anscheinend weil man den Selbstmord meiner Schwester nicht
glaubt. Seit Anfang August ist sie nun in Haft, ich weiss nicht wo.
Da meine Mutter in den letzten Jahren leidend war, halte ich es bei ihrem
Alter für ausgeschlossen, dass sie einem langen Gefängnisaufent-
halt gewachsen ist. Ich zittere um ihr Leben, und weil ich oft gehört
habe, dass Sie, sehr verehrte gnädige Frau, Menschen in Not gütig
helfen, wo Sie nur können, wende ich mich an Sie und bitte Sie von
ganzem Herzen, Ihren Einfluss auch zugunsten meiner alten Mutter zu
verwenden. Sie sind Künstlerin, Frau und Mutter, Sie werden der Stimme
der Menschlichkeit Gehör geben und für meine furchtbare Angst und
Sorge Verständnis haben. Ich setze alle meine Hoffnungen auf Ihre Hilfe,
da ich nicht weiss, an wen sonst ich mich von hier aus wenden soll.
Meine Mutter ist bestimmt ohne jede Schuld; es ist ausgeschlos-
sen, dass sie etwas anderes weiss, als in dem Abschiedsbrief meiner
Schwester stand. Ich könnte ihr nach ihrem schweren Verlust hier noch
einen ruhigen Lebensabend schaffen, wenn man sie freiliesse und ihr
gestattete, zu mir zu kommen. In Deutschland ist sie jetzt völlig
mittellos, nachdem man gleichzeitig mit der Verhaftung ihre Wohnung
und ihr Geld beschlagnahmt hat.
Meine Mutter steht aller Politik völlig fern und würde sich nie
mit einem Wort gegen ihr Vaterland wenden.
Noch einmal bitte ich Sie flehentlich, gnädige Frau, helfen Sie
meiner alten Mutter und helfen Sie mir.
In Verehrung
Lotte Laserstein- Marcus