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Brief von Raoul Hausman an Hannah Höch. Berlin
  • Repro: Anja Elisabeth Witte
    • Raoul Hausmann (1886 - 1971)

  • TitelBrief von Raoul Hausman an Hannah Höch. Berlin
  • Datierung16.06.1918
  • GattungKorrespondenz
  • SystematikBrief
  • MaterialPapier, handgeschrieben
  • Umfang3 Blatt
  • KonvolutNachlass Hannah Höch
  • InventarnummerBG-HHC K 728/79
  • Andere NummerBG-HHE I 10.46
  • CreditlineErworben aus Mitteln des Senators für Kulturelle Angelegenheiten, Berlin, 1979
  • AusgestelltNein
Transkription / Beschreibung
Weitere Abbildungen

„Sonntag, 16. Juni 1918
Heute war wieder 2 Stunden die Polizei bei mir. Man hat verschiedene Verdächte und versucht mich in Dinge hineinzuziehen, mit denen ich nichts zu tun habe - darum muß ich mit meinen Äußerungen sehr vorsichtig sein. Zuletzt frug ich direkt, was man mir denn in Wirklichkeit tun könne. Antwort: ich habe mich durch Begünstigung und Unterlassung der Anzeigepflicht strafbar gemacht, darauf gäbe es ein bis 2 Monate - allerdings lägen noch verschiedene Belastungsaussagen des Hausschild[1] gegen mich vor. Eine Ausweisung wäre die anschließende Folge nach der Strafverbüßung. Man habe meinen Fall vorläufig bis zur Verhandlung vor dem Reichsgericht (Lichnowskisache)[2] zurückgestellt - da würde die Angelegenheit dann aufgerollt werden. Ich könne der Strafverfolgung nur entgehen, wenn ich ein Jahr Polizeispitzel abgäbe. Außerdem würde mein Vater seine Stellung[3] verlieren - also! - Daß ich nicht bereit bin, den Polizeispion zu spielen, weißt Du. Und die Verhandlung in Leipzig wird in ein paar Wochen sein. Jetzt weißt Du genau, was passieren wird. Und nun frage ich Dich: ist das ein Leben, wobei man ganz ruhig sein kann, - alle 14 Tage kommt die Polizei. Baader macht Dummheiten, die ich auszubaden habe. Das sagte ich Dir schon vorigen Montag - und war darüber sehr entzwei. Du hast mich noch getröstet, ich solle nicht traurig sein. Und dann: Du weißt, daß ich hoffte, mit dem Dadaismus etwas zu erreichen. Nun hat man das Manifest und das Heft[4] beschlagnahmt. Hülsenbeck, der übrigens noch nicht Soldat ist, will sich aus Angst nicht mehr dadaistisch betätigen. Du kennst aber meine Ideen - ich sprach ausführlich in Potsdam mit Dir darüber - dazu brauche ich mehr Men-sehen als nur mich allein. Das ist also vorbei. Das Album[5] kann ich darum jetzt auch nicht machen - man würde es nicht durch die Censur lassen. Und Du mußt verstehen, daß ich darunter leide, daß meine Lebenspläne alle immer wieder scheitern: ich bin heute 32 Jahre - und kaum ein Mensch in Deutschland weiß, daß ich existiere - d. h. es kommt mir nicht auf meinen »Ruhm« an - sondern darauf, in Deutschland oder wo sonst - etwas zu Stande zu bringen was mehr ist als das Ewig-gleiche. Und einmal wollte ich auch hoffen können, halbwegs leben zu können von dem, was ich realisieren wollte. Das ist nun auch wieder nichts. Du weißt, daß ich Mittwoch Vormittag sagte: ich halte das nicht mehr aus in Deutschland - ich habe genug von allem - Du solltest aber nicht glauben, daß ich nur zu E. S.[6] zurückwollte, ich wollte ein Ende - entweder verreisen oder endlich in’s Gefängnis. Und Du hast wohl gemerkt, daß das nicht bloß Schimpferei war - sondern, daß ich verzweifelt war. Und da kamst Du an. - Ich habe Dir schon gesagt, daß ich am Nachmittag verkehrt gehandelt habe. Aber begreife doch den Masochismus des geistigen Menschen, der nicht nur etwas für sich allein will - und dem alles immer wieder zusammenstürzt - der wird alles caputt machen in einem kritischen Moment. Und das mit dem Anzug war ein kritischer Moment. Ich hatte gerade Baaders Eselei verwunden
- da kam das mit dem Anzug [7]. An sich vielleicht wirklich ganz harmlos von Dir aus. Aber es erinnerte mich an die 6 Wochen vom März und April - und in welcher Verzweiflung ich an dem Tage war, als ich den Anzug verschenkte (ich sagte Dir auf der Treppe: wärst Du nicht böse gewesen, hätte ich den Anzug vielleicht nicht verschenkt;) - nur irgendeinem Menschen etwas Gutes tun - nur irgendwie etwas von meinem Schmerz um Dich verdrängen - alles war mir recht. Ich hätte weiß Gott was gemacht an dem Tage. Es war der 5. Mai, als ich auf Antwort auf mein Telegramm[8] wartete. - Hättest Du mir doch ein gutes Gesicht gemacht - hättest Du Dir gedacht: er ist krank - ich will gut zu ihm sein - Am 13. Mai war der erste Zusammenbruch nach unserer Wiedervereinigung, da sagte ich zu Dir, wie ich litte in einem solchen Anfall - ich sagte und täte das Gegenteil dessen, was ich wollte und sähe beides - und Du versprachst mir, daran zu denken, aufzupassen, mir zu helfen! Kannst Du das nicht wirklich eine Zeit lang: Unrecht ertragen, ohne zu befürchten, daß daraus mein Machtwille gestärkt würde? Traust Du mir nicht zu, daß ich soviel Ehrlichkeit besitze, wenigstens hinterher alle Fehler zu erkennen und zu ändern? So könntest Du das Gute in mir festigen - helfen überhaupt. Aber Du hast jedesmal Angst und bist dann noch so hart, daß Du immer wieder nur den »traurigen Kerl« siehst - statt Dich dessen zu erinnern, der auch in mir ist - den Du liebst, den Du schön findest, dem Du Deinen Körper schenkst - so wie ich mich immer Deiner erinnere - garnicht anders kann. - Ich sage Dir: einfach gut oder böse ist kein Mensch: Jeder ist positiv und negativ. Und auch du bist gut und böse. Und versagst auch - denke doch daran. [...]
R“.
[1] Vgl. Brief vom 3. Mai 1918, BG-HHE I 10.36.
[2] Hausmann kam durch seine Beteiligung an der Veröffentlichung und Verbreitung der Lichnowski-Broschüre (vgl. BG-HHE I 9.34) in Konflikt mit der Polizei.
[3] Victor Hausmann war akademischer Maler und hatte eine Stellung am Kaiserlichen Hofe.
[4] Club Dada-Prospekt der Freien Straße und Dadaistisches Manifest (vgl. BG-HHE I 10.17; BG-HHE I 10.18).
[5] Das Album wurde auch später nicht erstellt.
[6] Elfriede Hausmann-Schaeffer.
[7] Hausmann schenkte Baader einen Anzug.
[8] Telegramm vom 27.4.1918 (vgl. BG-HHE I 10.31).