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Brief von Raoul Hausmann an Johannes Baader. Berlin
  • Repro: Anja Elisabeth Witte
    • Raoul Hausmann (1886 - 1971)

  • TitelBrief von Raoul Hausmann an Johannes Baader. Berlin
  • Datierung12.09.1918
  • GattungKorrespondenz
  • SystematikBrief
  • MaterialPapier, handgeschrieben
  • Umfang2 Blatt
  • KonvolutNachlass Hannah Höch
  • InventarnummerBG-HHC K 4071/79
  • Andere NummerBG HHE I 10.101
  • CreditlineErworben aus Mitteln des Senators für Kulturelle Angelegenheiten, Berlin, 1979
  • AusgestelltNein
Transkription / Beschreibung
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„12. Sept. 18.
Was Deine »Solus-Karte«[1], oder »Rede Christi im Reichstag«[2], oder mein »Der Mensch ergreift Besitz von sich«[3] darstellen? Genau das gleiche für unsere Zeit, als es die Kosmogonie des Hesiod für die seine tat. Es stehen in unseren Schriftstücken soviele wirkliche Geheimnisse, Verdichtungen des gesamten Weltgeschehens soweit es den Menschen betrifft, daß sie auf: Einmal - nicht verstanden werden können; sie haben aber eine so zukünftige Bedeutung, wie es der Brahmanismus oder Buddhismus oder das Christentum hatte - und wie es heute die Theosophie haben möchte, aber nicht hat. Diese Schriften sind die Frucht der Teilbemühungen der Mach[4], Haeckel[5], Fliess[6], Freud usw. - und erst das von uns gegebene Resultat weist ihren Forschungen die richtige Einstellung. - Wie, Christus oder Napoleon, werdet ihr heute handeln, und was seid ihr heute in der Magie der Völker und der Magie des Individuums? Im gespenstigen Geister- Reich des Da-Seins? - (Eine Frage nur für Dich und mich, mein Bruder!) - Ich lege bei ein Manuscript, »Tolstoi und Dostoiewski in Europa«, dessen Ideengänge anders sind, als die z.B. Mereschkowskis. Tolstoi sowohl als Dostoiewski hatten nämlich kein eigentliches Weltbild, so wie der letzte Europäer Goethe, vielleicht Nietzsche, gewiß nicht eins wie Buddha. Sie hatten nur die centrale Idee dazu, und die »verdrängten« sie. Ich bitte Dich, dieses Manuscript Hannah Höch zuzusenden, mit der Bemerkung, daß ich es ihr schenkte, als geistiger Mensch einem geistigen Menschen. Sie möchte es behalten und dann mit der Maschine abschreiben lassen. Denn, was heißt dies: nun wird nur noch das leben, was wir in einander angelegt haben? Dies heißt, daß sie ahnt, was es bedeutet, wenn zwei Menschen zusammengeführt werden vom Geist der Gattung - und daß sie ahnt, daß diese Beziehungen so hoch oder so heilig, so »himmlisch« sind, daß es da keinen Betrüger und keine Hure, aber auch keine Entscheidung und keinen Beweis geben kann - weil dieses Zusammengeführt- werden schon Entscheidung und Beweis ist - so sehr ihm einzelne, (Oberflächen-)Handlungen auch wiedersprechen. Hier will ich sagen: gewiß sieht sie viel - aber den Ur-Grund sieht sie nicht richtig. Sie ist trotz allem und allem noch nicht bei sich selbst angelangt, (trotzdem ist jeder Mensch stets bei sich selbst, bei seinem Eigensten, er überhört nur oder übersieht,) und sie darf mich keinen armen Schwächling nennen, weil sie damit sich selbst zu nahe tritt und weil ich kein solcher bin »der sich immer betrügen muß« - warum ich nach Osterholz fuhr,; siehe Nietzsche: »... nie daran denken unsere Pflichten zu - und daß sie ahnt, daß diese Beziehungen so hoch oder so heilig, so »himmlisch« sind, daß es da keinen Betrüger und keine Hure, aber auch keine Entscheidung und keinen Beweis geben kann - weil dieses Zusammengeführtwerden schon Entscheidung und Beweis ist - so sehr ihm einzelne, (Oberflächen-)Handlungen auch wiedersprechen. Hier will ich sagen: gewiß sieht sie viel - aber den Ur-Grund sieht sie nicht richtig. Sie ist trotz allem und allem noch nicht bei sich selbst angelangt, (trotzdem ist jeder Mensch stets bei sich selbst, bei seinem Eigensten, er überhört nur oder übersieht,) und sie darf mich keinen armen Schwächling nennen, weil sie damit sich selbst zu nahe tritt und weil ich kein solcher bin »der sich immer betrügen muß« - warum ich nach Osterholz fuhr; siehe Nietzsche: »... nie daran denken unsere Pflichten zu Pflichten für Jedermann herabzusetzen; die eigne Verantwortlichkeit nicht abgeben wollen...«; und: »Schlimm, schlimm! Wie? geht er nicht - zurück? - Ja, aber ihr versteht ihn schlecht, wenn ihr darüber klagt. Er geht zurück, wie jeder, der einen großen Sprung tun will -«. Uber das Betrachten des Oberflächengeschehens wollen wir doch hinaus sein - und ich sage, daß die vergangenen Dinge Nichts mit einer Entscheidung zu tun haben, so primitiv liegen die Dinge nicht. Meine Handlungsweise war von einem Punkte hinter den Dingen notwendig - die Unwahrheit Hannah’s, sie hätte mich durch die Umstände gezwungen, belügen müssen, ist eine Oberflächenconstruktion, die allerdings einen tiefen Hintergrund hat: den Unglauben an meine Reinheit und Unschuld. Aber, sagt Friedlaender, welche ungeheure Stärke des Glaubens ist nötig, um Unschuld sein zu lassen - aber, sage ich, nicht nur eigner Glaube! Ich leugne jedes Ende, jede Grenze, jeden Betrug und jede Befleckung, principiell! Weil wir im Himmel sind, und es anständig zugehn soll - und das sage ihr! Und nun möchte ich Dich bitten, ihr diesen Brief auch zu schicken! Gruß.“//

[1] Postkarte mit gedrucktem Text von Johannes Baader an Paul Ernst (vgl. BG-HHE I 10.104).
[2] Unbekannte Rede, Baader kandidierte 1918 als unabhängiger Kandidat bei der Reichstagsersatzwahl.
[3] Manuskript von Raoul Hausmann (vgl. BG-HHE I 8.53).
[4] Ernst Mach (1836-1919), österreichischer Physiker und Philosoph, Neukantianer.
[5] Ernst Haeckel (1836-1919), Zoologe und Philosoph, Begründer des Monismus.
[6] Wilhelm Fliess (1858-1928), Berliner Arzt, Briefpartner Sigmund Freuds.