Resultate:  1

Brief von Raoul Hausmann an Hannah Höch. [Ibiza]
  • Repro: Anja Elisabeth Witte
    • Raoul Hausmann (1886 - 1971)

  • TitelBrief von Raoul Hausmann an Hannah Höch. [Ibiza]
  • Datierung28.06.1934
  • GattungKorrespondenz
  • SystematikBrief
  • MaterialPapier, handgeschrieben
  • Umfang2 Blatt
  • KonvolutNachlass Hannah Höch
  • InventarnummerBG-HHC K 686/79
  • Andere NummerBG-HHE II 34.8
  • CreditlineErworben aus Mitteln des Senators für Kulturelle Angelegenheiten, Berlin, 1979
  • AusgestelltNein
Transkription / Beschreibung
Weitere Abbildungen

"28.VI.34
Liebe Hannah
vielen Dank für Deinen Brief, in dem Du es so gut mit mir meinst. Aber, um gleich auf die Malerei einzugehen, es ist für mich sehr schwer, ernsthaft wieder damit anzufangen. Durch die Beschäftigung mit der Fotografie habe ich einesteils natürlich viel zu sehr sehen gelernt, wie ein Jäger und das ist eigentlich unmalerisch, andrerseits will ich oft, als Gegensatz zu dem ewigen Schwarz-Weiss des Fotos, Farben - und da weiss ich ganz genau, dass Licht nicht gemalt werden kann. Ich habe mich brieflich mit Arthur Segal gezankt (den ich übrigens garnicht für einen Maler halte, sondern für einen klugen Kopf, der sich von zu viel Seiten mit Malerei beschäftigt) und er preist mir den absoluten Naturalismus. Aber den gibts schon deshalb nicht, weil ein im Freien gemaltes Bild im Zimmer oder bei Kunstlicht ganz falsche Farben aufweisen muss. Oder, ich kann Arthur vor ein elendes Eckchen in meinen Hof setzen, und er kann es nie und nimmer so malen, wie es da ist. Ich habe mich also einfach zu viel mit Dingen, wie Farblicht prüfen, Rot- und Blauempfindlichkeit beschäftigen müssen, um einfach malen zu können, was ich sehe. Und das, was ich bisher hier malte, war etwas zu betrunken. Ich lache garnicht, aber ich kann einfach auch nicht so arbeiten, wie Du es denkst. Dass Du eine Fleischvergiftung hattest, schrieb mir Elfriede nicht, nur, dass Du eine heftige Krankheit hättest. Hier würde ich sagen, sei mit Fleisch um Himmels Willen sehr vorsichtig, aber hier ist es ja viel heisser und wir essen nur ein oder zwei mal im Monat welches, aber natürlich was soll man in Deutschland essen, da gibt es so praktische Dinge, wie Würste. Hoffentlich geht es aber jetzt wieder ganz gut mit Dir. Ich finde, Krankheiten soll man sich garnicht leisten, man hat so wie so schon genug mit sich zu tun.//
Übrigens sollen in der nächsten Zeit ein paar Artikel von mir und Walter Segal [1] mit Fotos von mir in französischen und englischen Zeitschriften herauskommen, da schicke ich Dir dann ein Heft, damit Du besser sehen kannst, wie das hier aussieht. Ich würde Dir ja ein paar grössere Fotos von hier schicken, aber ich habe damit schon sehr viele Ausgaben, denn man muss eine Menge Fotos gleichzeitig hierhin und dorthin verschicken, und ich muss leider recht sparen. Es ist auf Ibiza so, dass die Landschaft weniger bedeutet, als etwa in Hinterpommern. Wichtig sind hier die Menschen und ihre Werke. Allerdings gibt es auch hier ein paar grossartige Naturteile, aber die liegen ganz abseits. So haben wir gerade einen zweitägigen Ausflug nach einer Bucht, Cala d' Horte gemacht, vor der eine Insel liegt, Vedra, 370 Meter aus dem Meer aufsteigend, ein zerklüfteter Dolomitklotz. Es war das Schönste, was wir bisher hier gesehen haben. Nachts schliefen wir auf dem steinigen Strand, oder wir schliefen nicht, und sahen die Bucht in einem fantastisch roten Mondlicht liegen. Am nächsten Tag fuhren wir dann mit einem Fischerboot, allerdings mit Motor, um Vedra herum, aber das muss man sehen, man kann es nicht beschreiben. Auf Vedra hausen Möven und Wildenten und ich hatte noch nie Wildenten so nah fliegen sehen, es ist herrlich. Und dann kamen wir, weil einer der Fischer aussteigen wollte, an eine Wand der Bucht, grauroter Kalksteinabsturz, vielleicht 300 Meter hoch, aber was für ein Absturz! Und dann zurück - auf der andren Seite der Bucht leben in ganz kleinen niedrigen Steinhütten die Fischer neben ihren Booten unter überhängendem weissen Kalkstein. Malen oder fotografieren gäbe nur einen Teileindruck.
Was Du über Moholy schreibst, von wem ist denn die Tochter? [2] Und wenn Du Behne siehst, grüsse ihn, ich schrieb ihm ein paar mal, blieb aber ohne Antwort, ich glaube seine Frau hat ihm die Briefe garnicht übergeben. Ja, nun, und so leben wir hier, wie es eben gehen will und Ihr tut gewiss das Gleiche, denn viel hat man dieser Welt nicht zu sagen, oder vielleicht garnichts. Ich wünsche Dir und Til Brugmann einen schönen Sommer. Blumen von hier kann ich Dir leider nicht senden, denn es gibt jetzt nur Disteln, na, und das ist doch nichts zum Verschicken?
Sei herzlichst gegrüsst
Raoul"

[1] Raoul Hausmann; Walter Segal: L'architecture de l'île d'Ibiza". In: Œuvres : architecture, art appliqué, beaux-arts / Les archives internationales (édit.). Genève. - 3ième année de Architecture actuelles [...], 1934, No. 9, p. 15-18.
[2] Sibylle Pietzsch ist die Mutter von Hattula Moholy-Nagy. Eine zweite gemeinsame Tochter, Claudia, kam 1936 zur Welt.