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buch heidebrink
  • Repro: Anja Elisabeth Witte
    • Raoul Hausmann (1886 - 1971)

  • Titelbuch heidebrink
  • Datierung1918
  • GattungAufzeichnungen
  • SystematikNotizheft
  • MaterialPapier, handgeschrieben
  • Umfang1
  • KonvolutNachlass Hannah Höch
  • InventarnummerBG-HHC K 4645/79
  • Andere NummerBG-HHE I 10.86
  • CreditlineErworben aus Mitteln des Senators für Kulturelle Angelegenheiten, Berlin, 1979
  • AusgestelltNein
Transkription / Beschreibung
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Aufkleber auf dem Deckblatt: „buch heidebrink 1918“.
Anmerkung von Hannah Höch: „Hier starb ich 3 Tage und 3 Nächte.“

„»Dieses:
Habe Dank, WEG-Kamerad erniedrigt die Kameradschaft, die gilt über alle Klüfte und Differenzen: dann erst recht ist sie verbindend und verbindlich.«

»Allein die psychoanalytische Erforschung des einzelnen Menschen lehrt mit einer ganz besonderen Nachdrücklichkeit, daß für jeden der Gott nach dem Vater gebildet ist, daß sein persönliches Verhältnis zu Gott von seinem Verhältnis zum leiblichen Vater abhängt, mit ihm schwankt und sich verwandelt, und daß Gott im Grunde nichts anderes ist, als ein erhöhter Vater.«[1] S. Freud. »Was am tiefsten zwei Menschen trennt, das ist ein verschiedener Sinn und Grad der Reinlichkeit. Was hilft alle Bravheit und gegenseitige Nützlichkeit, was hilft aller guter Wille für einander: zuletzt bleibt es dabei - sie können sich nicht riechen. Der höchste Instinkt der Reinlichkeit stellt den mit ihm Behafteten in die wunderlichste und gefährlichste Vereinsamung, als einen Heiligen: denn eben das ist Heiligkeit - die höchste Vergeistigung des genannten Instinktes.«[2] Nietzsche »Man haßt nicht, solange man noch geringschätzt, sondern erst, wenn man gleich und höher schätzt.«[3] Nietzsche
»Von den Sinnen her kommt erst alle Glaubwürdigkeit, alles gute Gewissen, aller Augenschein der Wahrheit.«[4] Nietzsche
»Wenn ein Weib gelehrte Neigungen hat, so ist gewöhnlich etwas an ihrer Geschlechtlichkeit nicht in Ordnung. Schon Unfruchtbarkeit disponiert zu einer gewissen Männlichkeit des Geschmacks, der Mann ist nämlich, mit Verlaub, das unfruchtbare Tier.«[5] Nietzsche
»In der Rache und in der Liebe ist das Weib barbarischer als der Mann.«[6] Nietzsche
»Es gibt keine moralischen Phänomene, sondern nur eine moralische Ausdeutung von Phänomenen.«[7] Nietzsche
»Nicht die Stärke, sondern die Dauer der hohen Empfindung macht die hohen Menschen.«[8] Nietzsche
»Grad und Art der Geschlechlichkeit eines Menschen reicht bis in den letzten Gipfel seines Geistes hinauf.«[9] Nietzsche
»Die Liebe zu Einem ist eine Barbarei, denn sie wird auf Unkosten aller Übrigen ausgeübt. Auch die Liebe zu Gott.«[1]0 Nietzsche
»Die nach unserer gut begründeten Annahme zwiespältigen - zärtlichen und feindseligen - Gefühle wollen sich beide zur Geltung bringen, als Trauer und als Befriedigung. Zwischen diesen beiden Gegensätzen muß es zum Konflikt kommen, und da der eine Gegensatzpartner, die Feindseligkeit, ganz oder zum größeren Anteile unbewußt ist, kann der Ausgang von Konflikten nicht in einer Subtraktion der beiden Intensitäten von einander mit bewußter Einsetzung des Überschusses bestehen, wie etwa, wenn man der geliebten Person eine Kränkung verzeiht. Der Prozeß erledigt sich vielmehr durch einen besonderen psychischen Mechanismus, den man als Projektion bezeichnet. Die Feindseligkeit, von der man nichts weiß und auch nichts weiter wissen will, wird aus der inneren Wahrnehmung in die Außenwelt geworfen, dabei von der eigenen Person gelöst und der anderen zugeschoben.«[11] Freud
Die Verlegung der Gegensätzlichkeit der Empfindung in jedem Augenblick ins Unbewußte macht den Primitiven oder den Neurotiker. Der bewußte Mensch erkennt und handelt nach und mit diesen fortwährenden Gegensätzen.
Frei, balancierend, handeln kann jeder nur von seiner eignen Mitte aus; jeder besitzt ein andres Gewissen, gleich Bewußtsein seiner Hemmungen; Ambivalenzen des Gefühls, hervorgerufen durch einen aufgedrungenen ethischen Imperativ zerstören die Unschuld des Täters. Die durch äußerliche Verbote sich erst auf ein ins Unbewußte verlegtes Wünschen steigernde Verdrängung wird vom positiven Menschen in eine agressive Übercompensation verwandelt werden müssen, zur Aufrechterhaltung seiner eignen Geltung. Er wird zum Vergewaltiger werden müssen, um zur eigenen ursprünglichen Hemmungslosigkeit vorstoßen zu können, oder er wird gezwungen sein, reaktiv auf die ihn umstellenden Verbote sich in Selbstsicherungen protesthafter Art zu verausgaben. Die in jedem Verbot durch die Gegenläufigkeit der Antriebe enthaltne Grausamkeit, durch Zurückdrängen des einen Triebes ins Unbewußte, entfesselt das Ressentiment und zwingt zu fortwährender, unfreiwilliger Reaktion; fälscht Reinheit in Schuld.
»Jeder Mann gleicht Adam, dem Weib und Welt neu entgegenstehen: Eva, die Jungfrau-Mutter mit dem Kinde, dies zugleich Adam. Im Menschen kämpft Geist-Seele mit sich selbst, Geist-Adam haßt darum Seele-Eva, weil sie seines innersten alleinigen Gottes Mutter ist, damit auch seine.«[12]
»Das Weib ist böse um der Güte willen - der Haß der Geschlechter eigentlich ein Protest des Mannes, des Mediums der Generation, gegen die Frau, die Gebärerin, die das physiologische Leben beherrscht bis zum Tode. Der Sterbende ruft nach dem Ur-Weib, der Mutter, weil seine Individualisationsgeste, die Uberwertigkeit des Intellekts, endlich versagt. Aus einer Selbstrettungsabsicht, Gefühlsambivalenz, schuf sich das Männchen die Überlegenheitstechnik, Minderwertigkeit der Frau - um nur selbst gelten und von da aus verehren, anbeten zu können. Hier setzt die Haßstellung gegen den Vater als Nebenbuhler ein - im Grunde resultierend aus einer Ur-Angst gegen die Frau, als überragendem Sexus; aus Besitzgelüsten der Mord am Ur-Vater. Die Frau als eigentliches Lebe-Wesen, herrscht im Unbewußten der Geburt, im Sohn, der durch Vater-Mord zum Sexualpartner wird.«[13]
»Tolstoi ist der Gegensatz Nietzsches; wie dieser das Plus, das Tier, das Böse, Aktivität betonte, so war Tolstoi für Passivität, Güte, Verzichten, Bekennen, Leiden, Opfern. Hieraus resultiert Tolstois asketische Stellung zum Sexus und zum Weibe, so wie die Nietzsches dionysisch war. Was Tolstoi asketisch-pessimistisch eigentlich meinte, zeigte später klarer Weininger auf, dem der Mann der absolute Wert ist - aus Angst vor der Frau, aus Schwäche. Er nennt consequenterweise den Mann das absolute Etwas, die Frau das absolute Nichts, der erst existent wird am Manne. Die letzte Logik ist eine Verneinung der Zeugung - dies war auch die letzte Consequenz Tolstois. Das, was Tolstoi später die Poetogamie genannt hat, die an Stelle der Monogamie und der Polygamie treten solle, ist genau das, was Weininger mit der Vermännlichung der Frau beabsichtigt: Ein asketischer Romantismus, der sich seiner physiologischen Schwäche nicht bewußt werden will und der überdies indischer, ja sogar katholischer ist, als er glaubt: siehe die heilige Jungfrau Maria, die ihr Kind empfängt ohne vom Manne zu wissen, und darum geheiligt wird, über den Mann hinausgehoben ist - dies in allem und jedem Betracht verstanden, sowohl physiologisch, als psychologisch als auch metaphysisch ist eigentlich die Feindschaft gegen das Leben selbst - aber Poetogamie! Hierher gehört auch das katholische: das Weib wird der Schlange den Kopf zertreten - man verstehe diese Mystik besser als Tolstoi und Weininger sie verstanden, die nicht das Weib wollten, sondern die Jungfrau, gerade die Heilige, die es nach eben ihrer Meinung nicht und nie gab - die aus dem geheimen Willen zum Nichts die Schlange zertrat! Die Parthogenese ist dann auch die letzte zulässige Möglichkeit der Zeugung!«[14] Alles andre als dies, was mich immer wieder zu Dir treibt, ist Oberfläche. Dies gemeinschaftliche Erinnern an Ur-Gründe, das eine Geburt, Wiederkunft will, ist einzige Reinheit, sich mehr und mehr steigernd. Es schwächt nicht ab, und ist darum Wirklichkeit, es will Weiterführung gegen unser Wollen, es erzwingt dies. Gegen unser Erkennen, das schon oft ein Ende sah, eine Grenze, die dieses Erinnern immer wieder beseitigt, überschreitet. Diese Wirklichkeit ist untrügerisch, auch wenn wir als Einzelne aneinander vorübergleiten. Die Wirklichkeit ist Vereinigung, Auflösung des Einzelnen im Gemeinsamen. Diese Instinkte, verborgene Leiter, sind unumgehbar, durch alle Opfer hindurch stellen sie unser Wesen heraus.
»Ich will kein Heiliger sein, lieber noch ein Hanswurst (...) Vielleicht bin ich ein Hanswurst (...) Und trotzdem oder vielmehr nicht trotzdem - denn es gab nichts Verlogneres bisher als Heilige - redet aus mir die Wahrheit.«[15] Nietzsche
»Zarathustra, der erste Psycholog der Guten, ist - folglich - ein Freund der Bösen.«[16] Nietzsche
»Die Predigt der Keuschheit ist eine öffentliche Aufreizung zur Widernatur. Jede Verachtung des geschlechtlichen Lebens, jede Verunreinigung desselben durch den Begriff unrein ist das Verbrechen selbst am Leben - ist die eigentliche Sünde wider den heiligen Geist des Lebens.«[17] Nietzsche
»Was ist Keuschheit am Manne? Daß sein Geschlechts-Geschmack vornehm geblieben ist; daß er in eroticis weder das Brutale, noch das Krankhafte, noch das Kluge mag.«[18] Nietzsche

Nicht Gott - Ich schrieb das Wort erstmals: una cum uno. Gott schreibt jedem nur auf die Fahne: Du sollst jeden Tag den Krieg auch gegen Dich selbst führen; eine eroberte Schanze und ein Sieg sind nicht Deine Angelegenheit, sondern die der Wahrheit. Und Wahrheit ist: Wirklichkeit. Wirklichkeit sind die Instinkte, die trieben uns zueinander am 28. April 191j - und ich bin zu stolz, um mir den Glauben gestatten zu können, daß mein Instinkt mich fehl gehen ließ in der Erkenntnis der Mutter meines Sohnes. Ideen sind Leitlinien; es kommt auf das Grund-Sein an, und dies hieß und heißt: ich bin der Einzige, der Vater Deines, der Einzigen Mutter, Kindes. Und jede Handlung, mag sie gut oder böse, richtig oder falsch gewesen sein, kann dieses Wesentliche nicht beirren. Wenn Du das Una cum Uno starr, dogmatisch auffaßt, und ich es beweglich auffasse - so ändert auch dies nichts an der Tatsache, daß wir ahnten, rochen, von Anfang an: wir sollen ein Kind haben. Und wenn Du Dein Kind als Höchstes auffaßt, was Du in der Welt zu schaffen hast - so verlangt Dein ganzes Sein die Erweisung der Wahrheit - und da bin nur ich, vom ersten Moment an, mit traumhafter Sicherheit Ich, in Deinem und meinem Instinkt und Wissen der Vater Deines Kindes. Gehe hin und wage es, dieses Kind nicht zu gebären: Dies wird die einzige Lüge, die einzige Schamlosigkeit, die einzige Unreinheit unseres Lebens sein - aber nicht weil ich mich »gegen Dich entschieden« habe (das konnte ich garnicht, denn ich bin von Anfang an zu Dir entschieden), sondern weil Du Deine höchste Reinheit selbst noch zu niedrig wertest; Du glaubst noch, mich von Dir fort- gehen lassen zu können oder zu müssen, und glaubst gerade damit die höchste Reinheit zu haben. Trotzdem wir Beide wissend (ich weiß und sehe mit offenen Augen und sehe sicherer und tiefer als Du) um das Höchste miteinanderringen, uns eine Hölle schufen aus unserem Himmel - den wir als Gewissenhafte des Geistes nicht seines Sinnes berauben dürfen. Dieser Sinn ist der neue Mensch aus Unseren Überwindungen. Mein Stolz ist mir: aus meinen Verpflichtungen unser Einziges Geschick zu retten bis zum seligen Ende - und kein Mensch ist stark genug dieses mein Unum von dem Reinen zu trennen - kein Mensch als wir beide selbst können diesen Himmel uns zerstören: und zerstören kann ihn nur unsere Kleingläubigkeit. Niemandem als nur der Reinheit und Stärke dieses Himmels haben wir zwei entsetzliche Opfer gebracht. Und dazu, daß ich jetzt von Dir fortfuhr, hast Du den Anlaß gegeben mit Deinem Brief an E. S., der aus Schwäche und Ungläubigkeit kam: wenn Du von mir ein Wunder erwartetest, so hättest Du zuvor das Wunder tun müssen: vertrauen, daß ich von selbst das Rechte tun würde an dieser Frau; das war allein meine Sache und da durftest Du nichts tun wollen. Daß Du es tatest, war aus einer Verkennung meiner Aufrichtigkeit und einer Verkennung dieser Frau, die etwas ganz andres wollte, als Du glaubst, und die Du so beurteilen solltest, wie ich es tat, um des Himmels willen: »(...) ist ein gestörtes Verhältnis zwischen Gatten das größte Leiden, das es gibt. Untreue ist ein kosmisches Verbrechen, das den einen oder ändern Teil in ein perverses Verhältnis zu seinem eignen Geschlecht bringt. Wenn der Mann seine Gefühle auf ein anderes Weib richtet, ist die Frau furchtbaren Wechselströmen ausgesetzt: abwechselnd liebt und haßt sie das Weib, das ihre Nebenbuhlerin ist. Oft kann sie die Freundin der Geliebten des Mannes werden, öfter aber wird sie deren Hasserin. Wer zwischen die Beiden tritt, tut es nicht ungestraft. Der Haß, den er weckt ist so furchtbar, daß er durch die Entladungen gelähmt werden, die Lust zur Tätigkeit und den Willen zum Leben verlieren kann.«[19] (Strindberg)
Was ich erreicht hatte, und was diese Frau auch gegen Deinen Haß erreicht hatte - das zerbrach Dein Brief - und um des Himmels willen mußte ich fahren. Dies ist kein Betrug.//
Aber Du mußt größer sein, als Deine Angst um Himmel und Reinheit Dich macht: durch Schmutz, Elend und Not haben wir unser Wesen einmal für alle male gesehen. Dies ist die einzige Entscheidung - Dies war der geheime Sinn aller unserer Kämpfe, die ich nicht als einen Willen zur Übermacht sah und fühlte, führte; die uns für einander ehrwürdig machen - um unserer Geburtsqualen willen sind wir rein. Mein Wille ist Sieg - und wenn Du nicht Dein ganzes Wesen leugnen willst, dann sei auch Dein Wille Sieg und Mut zum Siege!
Denn dies ist unsre Höhe und unsere Heimat: zu steil und hoch wohnen wir hier allen Unreinen und ihrem Durste.“

[1] Sigmund Freud: Totem und Tabu. Wien, 1913. Kap. iv.6.
[2] - [10] Friedrich Nietzsche: Jenseits von Gut und Böse. Zur Genealogie der Moral. 32. u. 33. Tsd. Leipzig, 1910 (Nietzsche: Werke: 1. Abt.; Bd. 7). S. 93-271.
[11] Sigmund Freud: Totem und Tabu. A.a.O. Kap. 11.3c.
[12] Vgl. Raoul Hausmann: Der Mensch ergreift Besitz von sich. (Nr. 8.53). [13/14] Wurde von Raoul Hausmann in sein Manuskript: Tolstoi, Dostoiewski, Europa übernommen. (Nr. 10.88).
[15] Friedrich Nietzsche, Quelle nicht ermittelt.
[16] Friedrich Nietzsche, Quelle nicht ermittelt.
[17] In: Nietzsche: Ecce homo. Der Wille zur Macht. Erstes und zweites Buch. 2., völlig neu gestaltete und vermehrte Ausgabe. 11. u. 12. Tsd. Leipzig, 1911. (Nietzsche: Werke: 2. Abt.; Bd. xv). S. 59.
[18] Friedrich Nietzsche: Der Wille zur Macht. Erstes und zweites Buch. A.a.O. S. 333.
[19] August Strindberg: Das Buch der Liebe: Ungedrucktes und Gedrucktes aus dem Blaubuch. 6. Aufl. München; Berlin, 1917. S. 45.