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Entscheidung nun, weil Entscheidung sein muß. 29.-31. Jan. 1918. Hannah Höch
  • Repro: Anja Elisabeth Witte
    • Raoul Hausmann (1886 - 1971)

  • TitelEntscheidung nun, weil Entscheidung sein muß. 29.-31. Jan. 1918. Hannah HöchRaoul Hausmann an Hannah Höch
  • Datierung29/20/31.01.1918
  • GattungAufzeichnungen
  • SystematikNotizheft
  • MaterialPapier, handgeschrieben, geheftet
  • Umfang1
  • KonvolutNachlass Hannah Höch
  • InventarnummerBG-HHC K 4646/79
  • Andere NummerBG-HHE I 10.3
  • CreditlineErworben aus Mitteln des Senators für Kulturelle Angelegenheiten, Berlin, 1979
  • AusgestelltNein
Transkription / Beschreibung
Weitere Abbildungen

Blaues Schreibheft.
Zitatensammlung: Aus eigenen Texten Hausmanns, aus Schriften von Laotse, Nietzsche, Tolstoi und aus dem Neuen Testament (Matthäus Vers 40; Lukas Kap. 6, Vers 37, 41, 42).

„Entscheidung nun, weil Entscheidung sein muß.
29.-31. Jan. 1918 Hannah Höch
29. Jan. 1918.
»Der neue Mensch: Gemeinschaft, die Auflösung des Ich, des Einzelnen, in der Wucht, der Wahrheit des Wir; die Aufhebung der fremden Macht als Gewaltautorität in die innerste eigne Autorität als grenzenlose Verantwortung: denn Wir wird sein wenn Ich zugleich der Andere bin, ich der Andere zugleich anderes Ich bin.« R.H.
[...]
»Ob ich, der Einzelne, wisse, wie, weshalb ich Alle bin, das ist das einzige Ethos.«
R.H.
»Der Konflikt des Eignen und Fremden, der Isolierung und der Anpassung, die beide die einzig entscheidenden Triebfedern alles Handelns, alles Wollens sind,
- dieser Konflikt liegt zuerst in uns.«
R. H.
30. Jan. 18.
Das wesentlich männliche Sein als ein Oben-Sein, das wesentlich weibliche Sein als ein Unten-Sein aufzufassen und gegeneinander auszuspielen als Proteststel- lung, Widerstand gegen Gewalt und als Vergewaltigung ist nicht mehr möglich nach meiner Erkenntnis der
antagonistischen Gleichwertigkeit
von Mann und Weib; Mann gegen Weib, (nicht bürgerlicher Antifeminismus) ohne Vorhandensein irgendeines Minderwertigkeitscomplexes. - Wenn Du mir also mißtraust, mich von Dir stößt, dann liegt dies einzig an Deiner Furcht, Deine Persönlichkeit aufgeben zu müssen, wie Dir diese Furcht aus Deinem Leben in der Familie noch anhaftet. Du bringst kein Vertrauen auf, weil Dein Minderwertigkeitscomplex durch ein Leben, das aus erzwungener Verstellung, aus einer einzigen Folge von Heimlichkeit erzwungener Art auf das äußerste gesteigert und gereizt ist. Deine Naivität dem Entstehen dieses Minderwertigkeitsgefühls gegenüber, verschleiert durch die Bestätigung Deines Weib-Seins, Erweckung des Mutterschaftstriebes, die in Deinem durch mich hervorgerufenen sexuellen Erleben liegt - ist in Wahrheit Deine Schuld und der Urgrund Deines Nicht-auflösen-könnens. Dein unbewußtes Streben nach Herrschaft über mich, das aus einer intellektuell-passiven Einstellung, sexuellem Schwanken Deiner Weib-Aufgabe, Deinem Weib-Sein gegenüber resultiert, führt zu Dir unbewußtem Ressentiment. (Läßt Dich in mir den Unreinen, Minderwertigen und in Dir die Schuldlose, Reine, Gütige, durch mich Erniedrigte blicken.) Dein Dich-isolieren, Deine Selbstrettungen, begründet in einer Pseudologie der Wahrnehmungen, und von da zu einer Kette von Vergebungen mir gegenüber, zu dem: Gnade erniedrigt wie Schande, durch die mir zufallende, unaufhörliche Schuldursache; zu dem: Wenn nach der Versöhnung großen Grolls kleiner Groll übrig bleibt, also die Veranwortung von Dir als schuldlos abgelehnt wird, ich aber auf Entscheidung, Wahrnehmung dränge,
weil Entscheidung notwendig ist,
(Laotse) Deine Entscheidung sehe in der Auflösung, dem eignen Antagonismus:
Der Andere in Diry
So siehst Du in mir eben bloß immer wieder den Unreinen, Schuldigen, Vergewaltiger, Minderwertigen - dies aber in einer furchtbaren Form der Selbstrettung, des Egoismus: dem Ressentiment. Diese neurotisch-hysterische Einstellung, die nicht das hohe Leben, das ohne Absicht handelt, die nicht die Liebe hat, sondern sich zu ihrer Verteidigung der alten Moral bedient: (Laotse:) »Ist der Sinn abhanden, dann das Leben, ist das Leben abhanden, dann die Liebe, ist die Liebe abhanden, dann die Gerechtigkeit, ist die Gerechtigkeit abhanden, dann die Moral. Diese Moral ist Treu und Glaubens Dürftigkeit und der Verwirrung Beginn« - die sich nicht ohne Verschleierung »bevor sie Eva ward« sehen, »dem Mann, der sie erkannt hat, antwortend entgegengehen« will, sucht nicht die Erneuerung des Menschen in der Realität der Wahrheit, sondern nur die Rückverbindungen Familie, Heirat. - Du, die Du mir im September aufschriebst: »Ja, die Liebe ist Gott. Und liebe nur, liebe den, der dir weh getan hat, den du verurteilt, nicht geliebt hattest - und alles das, was seine Seele vor dir verbarg, wird verschwinden, und wie ein klares Wasser wirst du auf dem Grunde seiner Seele das göttliche Wesen der Liebe erblicken«.“[1]


[1] Tolstoi-Zitat, das sich Hannah Höch Anfang September 1917 aufschrieb.