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Brief von Rosa Höch an Hannah Höch [und Til Brugman]. Gotha
  • Repro: Anja Elisabeth Witte
    • Rosa Höch (1873 - 1930)

  • TitelBrief von Rosa Höch an Hannah Höch [und Til Brugman]. Gotha
  • Datierung22.10.1928
  • GattungKorrespondenz
  • SystematikBrief
  • MaterialPapier, handgeschrieben
  • Umfang2 Blatt
  • KonvolutNachlass Hannah Höch
  • InventarnummerBG-HHC K 915/79
  • Andere NummerBG-HHE II 28.20
  • CreditlineErworben aus Mitteln des Senators für Kulturelle Angelegenheiten, Berlin, 1979
  • AusgestelltNein
Transkription / Beschreibung
Weitere Abbildungen

"Gotha, d. 22.10.28.
Liebe Hanna! liebe Til!
Eine riesige Sonntagsstunde benutze ich, um endlich Deinen letzten großen Brief zu beantworten, da es mir nun bis zu Deinem Geburtstag doch zu lange dauert. Der Brief machte mir große Freude, da ich mich so recht in Eure Sommerfreuden hineindenken konnte u. die Reisebeschreibung so anschaulich war, daß mirs war, als wäre ich dabeigewesen. Lust kriegt man da schon u. ich fange an zu sparen, um vielleicht - - in ein paar Jahren - - - - - - - - - Doch das liegt noch im weiten Feld, vorläufig gibts andre Sachen, die wichtiger sind.
Daß Ihr beiden durch Frau Komerzienrat B. [1] noch so eine herrliche Zeit verleben konntet, ist ja großartig; sie solls öfters so machen.
Gerne würde ich mal einen Blick in Eure Arbeitsstuben machen u. sehn, was Ihr jetzt schafft; d. h. Til sehe ich ja im Geist tippend an der Maschine sitzen; und ihr Werk wächst ja wohl nun zusehends. Ich schrieb Euch von dem jungen Kapellmeister Kästner, der am (ich glaube Prinzessinteater) tätig ist, wo Sie monatelang: Ein rheinisches Mädel» aufführen. Sie habens aber auch in andern holländischen Städten gegeben. Die Mutter des Herrn K. war jetzt 14 Tage dort zum Besuch (er wohnt in der Bonkastraat) Ich hatte ihr die Reiseroute aufgeschrieben u. alles Wissenswerte, da war sie sehr dankbar, daß alles geklappt hat.
Nun konnte ich mich mit ihr über Vieles unterhalten, sie war im Morgental, u. in Kakedüne? und natürlich in Scheveningen, wo sie auch in allen Winkeln herumgekrochen ist. Das Meer hat einen großen Eindruck auf sie gemacht, da sies noch nicht gesehn hatte. Es ist übrigens die Dame bei der Tante Ella u. Lucie im Sommer gewohnt haben.
Ella schrieb mir eine Karte mit Photografie von der Familie. Sie wohnen jetzt, Lucie nun verheiratet, in der Plantage u. haben da ein sehr schönes Haus, Auto, Reitpferd u. s. w. -
Hier bei uns gehts so einigermaßen. Wir haben so allerlei erlebt; Anni war bei der Gymnastik von einer Mittanzenden gegen das Knie getreten worden, sodaß dieses ausschnappte u. dann tagelang geschwollen war u. bandagiert werden mußte. Auch jetzt wirds noch gewickelt u. darf sie es noch nicht anstrengen, was ihr natürlich Sorge macht, wegen des Wintersports, den sie natürlich nicht aufgeben will. Trotz dem war sie acht Tage in Berlin, um Grete bei einer Ausstellung im Zoo behilflich zu sein, wo sie ihre gemalten Sachen ausgestellt u. dort auch tagelang gemalt hat. Sie hat viel verkauft u. viele Aufträge bekommen. Anni fand die Familie bei gutem Wohlsein, Karin mit dicken roten Backen u. das Bübchen lustig wie immer. Der Haushalt scheint unter Frau Anschütz Führung tadellos zu gehen u. das nimmt mir meine große Sorge. Anni kam vorigen Sonntag zurück u. brachte Dorle Rabich mit, die ein paar Wochen bei der Großmutter sein will. -
Vorigen Mittwoch kam unverhofft Mittags Walter an, der ein paar Tage in Chemnitz zu tun hatte. Er fuhr aber Abends schon wieder heim u. war lustig u. vergnügt wie immer. Er hat ein paar glänzende Anerbieten in der Tasche von großen Autofirmen, aber er kann sich noch zu nichts entschließen, da ers ja in Friedrichshafen gut hat, sie bezahlen nur nicht gut.
Er erzählt mit Stolz von seinen 2 Buben, was ja wohl ein paar sehr intelligente Bengel sind. Walter ist dick geworden u. hat sich ein Bäuchlein zugelegt. - Mutter Woll war ja fast 1/4 Jahr unten u. hat viel Schönes gesehn u. erlebt. Den Zeppelin hat sie noch 3 mal aufsteigen gesehen.
Hier haben wir so allerhand Sorgen u. Arges gehabt durch Fritzens Familienunglück. Er hat die Scheidung eingereicht, die hoffentlich bald ausgesprochen wird. Sein Rechtsanwalt sagt, auf Grund des eingereichten Materials würde es ohne Schwierigkeiten abgehen u. Liese als der allein schuldige Teil betrachtet. Ich möchte Dir aus gewissen Gründen nichts weiter über diese Sache schreiben, das kann nächste Woche Anni besorgen, möchte Dir nur noch einmal versichern, daß mich an diesem Unglück keine Schuld trifft. Natürlich lasse ich Fritz nicht allein u. helfe ihm, wo ich kann. Sein Gesundheitszustand hat sich Gott sei Dank, die letzten Wochen gebessert, sodaß wir wieder hoffen, wann dieser ewige Ärger für ihn vorbei ist, daß er wieder gesund wird.
Nun für heute Schluß! Nächste Woche schreiben wir nochmal, besonders Anni, die Euch herzlichst grüßen läßt, ebenso Fritz u. Berthold u.
Eure Mutter."

[1] d. i. vermutl. Ida Bienert.