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Brief von Thomas Ring an Hannah Höch. [Johnsbach/Steiermark]
  • Repro: Anja Elisabeth Witte
    • Thomas Ring (1892 - 1983)

    • Involved Persons Thomas RingKorrespondenzpartnerAbsender/inHannah HöchKorrespondenzpartnerAdressat/in
  • TitleBrief von Thomas Ring an Hannah Höch. [Johnsbach/Steiermark]
  • Date30.07.1934
  • CategoryKorrespondenz
  • ClassificationBrief
  • MaterialPapier, handgeschrieben
  • Amount1 Blatt
  • FondsNachlass Hannah Höch
  • Inventory NumberBG-HHC K 496/79
  • Other NumberBG-HHE II 34.14
  • CreditlineErworben aus Mitteln des Senators für Kulturelle Angelegenheiten, Berlin, 1979
  • On DisplayNo
Transcription / Description
Additional Reproductions

"30. Juli 1934.
Liebes Hannken,
Wir leben noch. Manchmal hoppla, manchmal so so, aber immerhin, wir leben und die Leberwurst des Lebens ist noch längst nicht aufgegessen. Steckst Du in Holland, steckst Du in der Frieden-Au, wo die Kirche zum guten Hirten steht, weil die Jejend so belämmert ist? Malst Du, liebst Du, liebst und lebst Du? Also wir leiben noch in Johnsbach, aber vielleicht nicht mehr lang, da der Plan besteht, wegen Erps weiterer Ausbildung nach Graz zu ziehen. Aber wie gesagt, erst Plan. - In diesem Augenblick, liebe Hannah, kommt Deine Karte! Es zeigt sich wieder mal, daß es solche Witterungen gibt, denn justament jetzt mußte ich mich hinsetzen und Dir schreiben. Aber leider, traurige Nachrichten!
Hoffentlich hast Du die kranke Schilderungsdrüse bald überwunden und steigst mit verjüngtem body wieder heraus aus der Schneiderwerkstatt! Armes Mädel, immer diesen papierenen Kuß aus dem steinernen Gesäuse. Du hast Dich, wie mehrere Andere, geirrt, wir sind nicht in der Schweiz. Steiner, es ist der Werdersche, hat nur den letzten Lehrbrief dort abgezogen und gleich verschickt. Ich arbeite noch heftig an diesen Dingern, Du merkst wohl, daß viel mehr Arbeit geleistet werden muß, als dann dasteht. Eben tippe ich die Schablonen zum Sonderheft, dies wird eine Art Monographie der menschlichen Probleme. Außerdem häufen sich die Manuskripte des ganzen Lehrgebäudes, in immer wieder anderen Anschnitten der Totalitat: Ethik, Ästhetik, Physiologie, Biologie, Wurzeln der Sprachen u. s. w. Ich hoffe, als im Mist dieser Zeit buddelnder Skarabäus der sogenannten Nachwelt eine festgedrehte Kugel zu hinterlassen, die sie als Abführpille gegen derartig verworrenes Denken und Handeln runterschlucken mag. Die Malerei kommt dabei vorläufig zu kurz, immerhin habe ich wieder mal 2 Bilder hingesetzt. Der Roman wächst sich übrigens auch zu einem Zeitgemälde aus, Du wirst ihn nach dem bisherigen Umbau kaum wiedererkennen. Gertrud hat auch wieder eine neue Schreibe-Ader aufgestochen, da fließen schöne Dinge heraus, eine Art Selbstdiskursion der Frau in Gestalt unzähliger diskutierender Gestalten. Bei ihr geht es schubweise, im Winter hat sie viel gemalt, dann Pause, nun das. Die Kinder sind gesund, fühlen sich wohl hier, nur wie gesagt, Erps weitere Schulausbildung ist eine Frage, die uns vielleicht doch wegtreibt.
Nun, Hannah, lieber Kerl, wünsche ich Dir vor allem gesunde Wiederauferstehung. Viele herzliche Grüße von Gertrud und mir, auch Grüße an Til.
Dein Thomas
und der ganze Familienklub der OOoo !"