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Brief von Theo van Doesburg an Hannah Höch. [Clamart]
  • Repro: Anja Elisabeth Witte
    • Theo van Doesburg (1883 - 1931)

  • TitelBrief von Theo van Doesburg an Hannah Höch. [Clamart]Briefkopf: "NB DE STIJL [...]"
  • Datierung11.11.1924
  • GattungKorrespondenz
  • SystematikBrief
  • MaterialPapier, handgeschrieben
  • Umfang1 Blatt
  • KonvolutNachlass Hannah Höch
  • InventarnummerBG-HHC K 127/79
  • Andere NummerBG-HHE II 24.15
  • CreditlineErworben aus Mitteln des Senators für Kulturelle Angelegenheiten, Berlin, 1979
  • AusgestelltNein
Transkription / Beschreibung
Weitere Abbildungen

"Clamart den 11.11.1924 / Liebe Hännchen Höch! / In Wien habe ich ihren langen und lieben Brief erhalten. Meine Frau hat sie mir durchgesandt. Es hat mir sehr gefreut so ausführlich von Ihnen zu hören. Hoffentlich sind Sie jetzt wieder von Ihre Reise zurück. Ich war 1 Monat auf eine Vortragstournée in Wien, Prag, Brno [1] usw. Es war einen sehr lebendiges Zeit und in mancher hinsicht sehr erfreulich. In Wien habe ich Herrn u. Frau Kiesler liebgewonnen. Sie kennen die Kieslers auch glaube ich! Es sind reitzende Leute. Kiesler hat mit seine Raumbühne [2] ein großes Erfolg gehabt. Die ganze Presse hat geschrien vor und gegen. Auch die Ausstellung war ausgezeichnet. [3] Das Ausstellungssystem als solches, war besser wie die ausgestellten Sachen! [4] Auch in der Tchecoslowakye war es sehr lebhaft. Es wird dort schon viel gebaut und gut gebaut! / Sie sind außerordentlich lieb sich soviel mühe für uns zu geben. Hoffentlich wird etwas daraus. Herr Wallerstein hat mir schon geschrieben und ich habe meine Bedingungen angegeben. Damit war er leider nicht einverstanden. Ich möchte sehr gerne die Reisespese gesichert haben, weil die Fahrpreise in Deutschland wahnsinnig hoch sind. Wenn ich das Honorar bloß für die Fahrt brauche, ist es für mich nicht sehr vorteilhaft. Höchstwahrscheinlich wird auch etwas aus einem Vortrag in Halle und Jena [5]. Ich bekomme davon noch endgültige Nachrichte. Habe jetzt an die Verein «Zeitgenösser Kunst» vorgeschlagen mir Ihre Gegenbedingungen zu schreiben, vielleicht läßt sich das mit die andere Vorträge ausbalanzieren. Ich habe sehr schönes Material und der Vortrag ist, glaube ich, die beste und klarste welche ich noch schrieb. Ich habe auch noch eine neue «Conférence»: «Die Kunst als Hemmung des Fortschrittes» [6]. Hoffentlich hat die Berliner Verein eine «Epidiaskop». Ich kann damit viel mehr anfangen zur Verwertung des Bildmaterials, als mit eine einfache lichtbilderapparat..- / Was sie über das Popoïsmus schreibe ist ganz lustig, aber auf ihre Bilder, welche Sie mir gezeicht habe (in Paris) habe ich kein einzige Popo gefunden. Sie glaube doch nicht das ich so fanatisch bin meine eigene Popo zu leugnen, oder das Begriff Popo zu unterschätzen? Nur die Kunst hat keinen Popo! Sonst bin ich pro-popo! Grüßen Sie Behne herzlichst von uns. Auf der Ausstellung in Wien habe ich eine kleine Bühne in maquette von Schwitters gesehen. [7] Schade daß er nicht mehr reiner merz gibt. Diese Bühne war ziemlich durch Stijl und Lissitzky's Proun [8] beeinflußt. Dabei ganz im alten Sinne, Flach, Frontal aufgebaut. Das Konstruktivismus liegt ihm nicht er soll mer - merz und «i» machen. / Hoffentlich sehen wir einander recht bald wieder. Selbstverständlich wohnen wir lieber bei dir wie bei den Benarios [9]. / Herzlichst Ihre Freunde Does u. Nelly" /
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[1 ]Vortrag über Die Entwicklung der modernen Architektur in Holland in Wien, 10.10.1924, Brünn, 24.10.1924, und Prag.
[2] Kieslers Idee einer dynamischen, zeitgemäßen Bühnenform setzte er in der Konstruktion einer spriralförmigen Rampe, die in einer Kreisebene mündet, um.
[3] Internationale Ausstellung neuer Theatertechnik, die Friedrich Kiesler in Zusammenarbeit mit der Gesellschaft zur Förderung moderner Kunst im Rahmen des Musik- und Theaterfestes der Stadt Wien im September/Oktober 1924 organisierte.
[4] Am 31.10.1924 erschien im Neuen Wiener Journal ein Artikel von van Doesburg, in dem er ausdrücklich die Ausstellungsarchitektur von Kiesler lobt, da sie dem neo-plastizistischen Baugedanken von De Stijl entsprach.
[5] Vortrag Die Architektur als Gestaltungsproblem zunächst im Atelier von Dr. Paul Wahlberg in Berlin, dann im Kunstverein Jena, 7.2.1925, und an der Universität Halle, 23.2.1925, gehalten.
[6] Den Vortrag Die Kunst als Hemmung des Fortschrittes hielt van Doesburg während seines Besuchs im Frühjahr 1925 in Hannover in der Galerie Der Quader.
[7] Im Katalog zur Ausstellung findet sich keine Abbildung dieses Bühnenentwurfs von Schwitters.
[8] Proun = "Projekt für die Gründung neuer Formen", künstlerisches Programm von El Lissitzky; vgl.: El Lissitzky über den Begriff Proun. In: Werke und Aufsätze von El Lissitzky (1890-1941) / zusammengestellt und eingeleitet von Jan Tschichold. Berlin, 1971. - S. 18.
Proune = Kompositionen geometrischer Flächen und Körper freischwebend in einem imaginären Raum.
[9] Im Berliner Adressbuch von 1924 sind Hugo Benario, Kaufmann, wohnhaft in Berlin-Dahlem, und Leopold Benario, ebenfalls Kaufmann, der im Berliner Neuen Westend wohnte, verzeichnet. Ob sie in Kontakt mit van Doesburgs standen, konnte nicht geklärt werden.