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Der Kunsttopf. [o. O.]
  • Repro: Anja Elisabeth Witte
    • Raoul Hausmann (1886 - 1971)

  • TitelDer Kunsttopf. [o. O.]
  • Datierung01.1921
  • GattungManuskripte
  • SystematikTyposkript
  • MaterialPapier, Durchschlag, maschinengeschrieben, handgeschrieben (Korrekturen)
  • Umfang3 Blatt
  • KonvolutNachlass Hannah Höch
  • InventarnummerBG-HHC H 34/79
  • Andere NummerBG-HHE I 21.54
  • CreditlineErworben aus Mitteln des Senators für Kulturelle Angelegenheiten, Berlin, 1979
  • AusgestelltNein
Transkription / Beschreibung
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"Der Kunsttopf
soll zu einem Organ mit europäischem Standpunkt werden, in dem alle bedeutenderen neuen Probleme, wie Expressionismus, abstrakte Kunst, Tatlinismus, metaphysische Kunst, Dadaismus etc. programmatisch behandelt werden. Der Kunsttopf soll nicht mehr Vereinsblatt einer kleinen Gruppe sein, sondern ein umfassendes Bild der ganzen neuen Kunstbewegung bieten, er soll vielseitig und lebendig sein und dadurch seine eigene Existenzberechtigung gegenüber Blättern wie Kunstblatt, Sturm etc. beweisen. Vor allem muss der Kunsttopf zum Organ der geistigen Bewegungen in unserer Zeit werden, geschrieben von Malern, Literaten, die mitten in ihrer Zeit stehen - gegen die Doktrinäre der Kunsthistorie. Im Kunsttopf müssen die Fragen des Schaffens erörtert werden, über die Kritiker und Historiker als unschöpferische Menschen nicht reden können - der lebendige Erkenntnisgehalt eines Werkes macht sein Styl aus, nicht die mehr oder weniger moderne Form, nach der allein die Historiker einteilen. Die Kunsthistoriker reden von Styl oder Richtung, die Kunst lässt sich aber in diesen Begriff nicht einmal retrospektiv pressen, weil es in der Kunst den Styl nicht gibt, dies ist aestethischer Formalismus. Wie die Entwicklung des Films zeigt, sind durch die Photographie die alten optischen Probleme, die rein illusionistisch waren, für die Malerei erledigt, und wir stehen vor der Gestaltung eines neuen optischen Weltbildes, das weder durch den Kubismus noch durch den Expressionismus gelöst ist - weil es zusammenhängt mit dem allgemeinen geistigen und materiellen Weltbild, der neuen Stellung des Individuums in der Gesellschaft. Weil der Maler kein Photograph ist, noch der Plastiker ein Tischler, muss der Zusammenhang des Künstlers mit den Fragen der neuen Gesellschaft aufgezeigt werden.- Denn die Kunst ist durch ihre Zeit bewegt und bewegt die Zeit, nicht als Frage der Mode oder Zivilisation, sondern als menschliche Angelegenheit. Der Kunsttopf hätte nicht existierende Richtungen, sondern die Entwicklung eines geistigen Werdens zu schildern.
Der Kampf der Schaffenden gegen die Kunstbotaniker und Kunstbonzen würde am besten für den neuen Jahrgang auf das Hauptthema eingestellt werden: Geht die Abendländische Kultur wirklich unter? Diese Frage könnte sowohl kritisch-analytisch, als auch syntethisch behandelt werden. Es müsste nachgewiesen werden, dass es der verfluchte Irrtum der Kunstgelehrten ist, sowohl die Kultur im allgemeinen, wie die Kunst speziell umzufälschen in aufeinanderfolgende Perioden und Style, die auf- resp. absteigend, die Möglichkeiten der Kunst erschöpft haben und als in sich vollendet geschildert werden. Die Lüge, die darin liegt, zu behaupten, es habe in der oder der Kultur oder Kunstepoche die vollendete unübertrefbare Kultur oder Kunst gegeben, und daraus, wie etwa Spengler, zu folgern, dass es heute nur schlechte Kunst geben könne und morgen garkeine mehr, muss aufgehoben werden [1]. Es muss gezeigt werden, dass einzelne Kultur-Epochen alle möglichen Elemente vergangener Epochen ungelöst weiter in sich tragen, genau so wie es in der Kunst keiner Zeit etwa ein allgemeines, künstlerisch hohes Niveau gab, sondern ein grosser Teil der berühmten alten Kunstwerke ganz schlechte Machwerke sind, neben denen es einzelne wirkliche Kunstleistungen gab. Der Schwindel, als sei z. B. das Niveau in der altdeutschen oder altitalienischen Malerei durchweg Kunst gewesen, muss dahin aufgeklärt werden, dass diese Art der Bewertung von Leuten herrührt, die selbst vom Sinn der Kunst keine Ahnung haben, und alle möglichen philosophisch fundierten Dummheiten vorbringen, hinter denen sich aber nur die Unfähigkeit verbirgt, einen künstlerischen Organismus von irgend welchem Illusionismus zu unterscheiden. Es muss gezeigt werden, wie schon im frühen Mittelalter formale Probleme versucht wurden, die in der modernen Kunst heute wieder auftauchen, genau so, wie in der Gesamterscheinung unserer Kultur noch Problemstellungen wie sie etwa das Urchristentum oder die Reformationszeit aufwarfen, weiterverfolgt werden; sodass alle grossen Worte Spenglers unsinnige Prephezeihungen bleiben. Der Kunsttopf soll einen Weg weisen fort vom historischen Kritizismus.
Die Umgestaltung muss auch äusserlich sichtbar sein. Das Format wäre am besten beizubehalten, weil es sich nie empfiehlt, eine Zeitschrift, von der bereits 6 Nummern erschienen sind, äusserlich vollkommen umzugestalten. Es wird genügen, den Umschlag (der ja doch nur teuer ist) fortzulassen, und jedes Heft typographisch gut und schlagend zu gestalten. Die Titulierungen der Artikel müssen so gefasst sein, dass sie die Neugier auch des sogenannten breiteren Publikums wachrufen. Meine Schriftleitung würde dahin gehen, dass ich für jedes Heft ein bestimmtes Thema festhalten würde, über das dann nach Rücksprache mit der Schriftleitung entweder Mitglieder der Novembergruppe oder die von mir als Mitarbeiter Gewählten, unter denen sich Philosophen wie Friedländer, Ernst Markus [2], Künstler wie Freundlich, Segall, Arp, Grosz etc. befinden; Ausserdem wären auszugsweise Uebersetzungen aus Zeitschriften wie Valori Plastici [3], De Stijl [4], sowie Teile von Bogdanof [5], Kandinsky etc. natürlich stets in Uebereinstimmung mit dem Hauptthema des Heftes zu bringen. Auf diese Art, durch direkte Aeusserungen der heutigen Schaffenden und durch einen zielbewussten Feldzug gegen den Geist der Botanisiertrommel und Kulturstatistik, kann ein viel breiteres Publikum interessiert werden als bisher. Ein besonderer Teil dieses Feldzuges soll die Zusammenhänge innerer Art zwischen Expressionismus, Tranzendent-kosmischer Weltauffassung und die Bestrebungen bestimmter Bilder, Plastiken (Picasso, Braque, Archipenko, Boccioni, Dadaisten etc.) als Suchen nach den Gesetzen der Identität und Zahl in einer nicht zu schwer verständlichen Form klarlegen. Die Ueberwindung des Individualismus und das Entstehen eines neuen Gemeinschaftsgefühls, die Möglichkeiten von Volkskunst, Proletkult [6] etc. und ihre wirkliche Begründung im Wesen unserer Zeit gehört mit zu diesem Kampf.
R. Hausmann
Januar 1921."

[1] Oswald Spengler (1880-1936). Geschichtsphilosoph.
Hausmann bezieht sich hier auf dessen Hauptwerk Der Untergang des Abenlandes (1918-1922), in dem Spengler konstatiert, daß sich die abendländische Gegenwart in einem Stadium des Zerfalls befinde, das insbesondere durch ein Erlöschen der kulturellen Schöpferkraft gekennzeichnet sei.
[2] Ernst Marcus (1856-1928), Jurist, Philosoph. Seine geisteswissenschaftlichen Bemühungen, die von Salomo Friedlaender 1930 mit dem Buch Der Philosoph Ernst Marcus als Nachfolger Kants gewürdigt wurden, konzentrierten sich auf eine historisch und systematisch strenge Auslegung der Kantischen Philosophie und auf die Relativitätstheorie Albert Einsteins.
[3] Die Kunstzeitschrift Valori Plastici: Rivista d'arte erschien in Rom von 1918 bis 1921.
[4] s. 21.90.
[5] Bogdanof, vermutl. Alexander Alexandrowitsch Bogdanow (1873-1928 Moskau), eigtl. Alexander Alexandrowitsch Malinowski. Russischer Philosoph, Soziologe und Arzt. Vertreter eines "Empiriomonismus", der die individuelle und kollektive Erfahrung der Menschen auf sozial organisierte Handlungsprozesse zurückführte.
[6] Proletkult = Proletarskaja Kultura. Sowjetrussische Bewegung, die an Stelle der traditionell-bürgerlichen Kultur die proletarische Massenkultur etablieren wollte; ihre Haupttheoretiker waren Bogdanow und Michail Iwanowitsch Kalinin.