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Der Mensch ergreift Besitz von sich
  • Repro: Anja Elisabeth Witte
    • Raoul Hausmann (1886 - 1971)

  • TitleDer Mensch ergreift Besitz von sich
  • DateEnde 1916
  • CategoryManuskripte
  • ClassificationTyposkript
  • MaterialPapier, maschinengeschrieben
  • Amount3 Blatt
  • FondsNachlass Hannah Höch
  • Inventory NumberBG-HHC H 43/79
  • Other NumberBG-HHE I 8.53
  • CreditlineErworben aus Mitteln des Senators für Kulturelle Angelegenheiten, Berlin, 1979
  • On DisplayNo
Transcription / Description
Additional Reproductions

„Der Mensch ergreift Besitz von sich.
Wille als Egoismus ist lächerlich. Der vollkommene Mensch besitzt wesentlich Demut. - Aber noch ist der vorteilhafteste Vorteil des Dostojewski nicht erkannt. Hier ist noch der Mensch des selben Dostojewski, der eine Minute zu spät kommt. Darum müssen alle Annies und Diotimas sterben. Der Mensch steht noch vor der letzten Erlösung von der Gefangenschaft des Herzens. Sein Mut macht noch vor sich selber Halt. Bei Dostojewski wird dieser Mensch wahnsinnig, bei Hölderlin einsam, bei Aage von Kohl[1] ist sein Tod die Befreiung. (Strindbergs Idee, man müßte für alles Gute und Böse irgendwie quittieren). Wenn nun aber dieser Kampf zwischen Tod und Zukunft seine Minute errät, die Bereitschaft des Herzens erfaßt, wenn diese Annies und Diotimas stärker sind als der Tod, dem sie nahe waren - wie müßte dann das so stark und demütig eroberte Leben die Quittung ausstellen?
Aber, nicht jedermann ist Adam, dem Weib und Welt neu, primär entgegenstehen. Erkenne: Eva, die große Jungfrau-Mutter, Maria mit dem Kinde, dies zugleich Adam. Im Menschen kämpft Geist-Seele mit sich selbst, Geist Adam haßt darum Seele Eva, weil sie seines ersten alleinigen Gottes Mutter ist, damit auch seine. Durch welche Tode muß ihrer beider Haß, bis sie sich als ewiges Widerspiel, als clair-obscur erkennen!
Denn schon im ältesten Indisch heißt es: die Mutter ist nur der Schlauch (also Schoß), das Kind ist des Vaters Ebenbild, es gehört ihm, der es erzeugt hat. Es legt ein Mann auf des Vaters Ebenbild Weib die Hand, nun schafft er nochmals als Adam die Welt des Weibes, des Ebenbildes mit dem Kinde, das er aber wieder selbst ist. Um es aber sein zu können, muß das erste Bild Urbild, Adamsbild, Vaterbild vernichtet sein bei Beiden. Dann im Schoß des Weibes schafft er sein Ebenbild, sich selbst, so wird Eva seine Mutter.
Doch die Frau schwieg von Anbeginn der Welt. Diese Wissende. Diese aus Scham Lügende. So fand der Mann ihre Erlösung nur in der Vergewaltigung. (Liebe als Kampf und Todhaß der Geschlechter bei Nietzsche). Die Frau, die sich befreit hat, die sich sah, bevor sie Eva ward, wird den Gleichkampf der Geschlechter, ihre strahlende Erlösung, herbeiführen - sie weicht nicht mehr, sie hat den Mann erkannt und geht ihm antwortend entgegen.
Noch ist Gott in Dir lebendig als Zwang. Macht und Zufall des Vaters Adam. Gott herrscht als Kind in seiner Mutter, die er zu seinem Geschöpf machte. - Er herrscht über uns durch die Gewalt des Außer-uns. Aber besiege ihn, zwinge ihn, von seiner Stelle zu weichen und er und die Welt werden neu in Dir erstehen: Du selbst bist Gott, Adam und Du, Weib-Eva, die Jungfrau-Mutter. Herausreißen das falsche Geschlecht aus dem Gipfel Gottes, des unversehrtesten Seins in des Menschen Brust, vernichten die Vorherrschaft des Mannes als Der Gott, Der König, Der Vater. Mann als Abkömmling, Ausfluß, des gemeinsamen Seelenquells, des göttlichen Grundes; Ableitung, Einzelung, wie Weib - so Mann, keine Vorherrschaft, die Gewalt wäre, sondern Ausgleich. Entzweiung im Handeln, zurückführend auf gleichen Grund. Welt-Geist-Gewalt will endlich demütige Einsicht: Gewalt löst auf, es ersteht gegeneinander über die Welt Adams, die Welt Evas, gleichermaßen teilhaftig des innersten Ursprungs, Formen der göttlichen Seele.
Erkenne, daß in Dir sich niederließ der Gipfel der Gottheit, der in Dir geoffen- bart Gut gegen Böse, Niedrig gegen Hoch, daß Du frei bist vom Gesetze der Vernunft, weil der Urgrund des Seins in Dir Dich erkennen läßt die Welt in Dir und Dich in der Welt, daß Vernunft Zufall ist, erkenne. Nicht - Zufall aber wirkt wie in Dir, so in jedem Menschen, als einem Wissenden und einem Allgemeinen, daß Du erfühlst: Der Wissende ist die geäußerte Form des göttlichen Grundes, mithin sein Leben, Erleben, Gesetze. Der Wille, das Leben stark und demütig zugleich zu erfassen, erweckt in Dir das Leben jeden Wesens, läßt Dich erfühlen seine Stärke oder Schwäche, Hingabe oder Widerstand, Klarheit oder Zerfall. Das Göttlich-Allgemeine als das Ungemeine in aller Unschuld läßt aus Dir erstehen die unmittelbare Tat als Ubereinklang und Ausgleich, Mitteilung und Balance, des Fremden als des Eigenen.“//


[1] Von Aage von Kohl erschienen im Sturm-Verlag Die Hängematte der Rigue (Erzählung), Die rote Sonne 1915, Der tierische Augenblick (Erzählung). Der Roman Der Weg durch die Nacht wurde 1914 im Sturm abgedruckt.
Publ.: Die Aktion. 7. 1917, Sp. 197-199; Das Aktionsbuch / Hg. Franz Pfemfert. Berlin: Verlag Die Aktion, 1917. S. 171-172.