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Menschen Leben Erleben
  • Repro: Anja Elisabeth Witte
    • Raoul Hausmann (1886 - 1971)

  • TitelMenschen Leben Erleben
  • Datierung1917
  • GattungManuskripte
  • SystematikManuskript
  • MaterialPapier, handgeschrieben
  • Umfang3 Blatt
  • KonvolutNachlass Hannah Höch
  • InventarnummerBG-HHC H 77/79
  • Andere NummerBG-HHE I 9.53
  • CreditlineErworben aus Mitteln des Senators für Kulturelle Angelegenheiten, Berlin, 1979
  • AusgestelltNein
Transkription / Beschreibung
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„Menschen Leben Erleben
Aus der Wucht des Geschehens entspringt die Feststellung der Unhaltbarkeit des menschlichen und politischen Handelns, entspringt die Notwendigkeit der Umgestaltung der Welt und des Menschen: die neue Ordnung. Der neue Mensch will Gemeinschaft, die Auflösung des Ich, des Einzelnen in der Wucht und Wahrheit des wir; die Aufhebung der fremden Macht, der Gewaltautorität in innerste, eigne Autorität als grenzenlose Verantwortung: denn Wir wird sein, wenn ich zugleich der Andere bin, Ich der Andere zugleich anderes Ich bin. Diese wahre Gemeinschaft, die Alle, bewußt oder unbewußt, erstreben, soll erwachsen aus sich heute noch kämpfend gegenüberstehenden Gegensätzen: dem Menschen des Werdens und dem Menschen des Tuns; dem Fordernden der menschlichen Entfesselung und dem Fordernden der proletarischen Revolution. Die innere Umgestaltung des Menschen, aus seiner noch bestehenden Isolierung, Nichtauflösung im Wir, der Gemeinschaft, Freimachung des Erlebens Aller fordert die agitatorisch politische Tat als Folge der verwirklichten Umgestaltung. Die sofortige Änderung des äußeren Lebens, der Gesellschaft, ist der Ursprung der Änderung des Menschen. Gewiß ist hierbei, daß dieser Weg den Augenblick der Verantwortung fordert. Die Träger dieser Ideen, die fortwährend eine Revolutionierung der Gesamtmenschheit im Auge haben, müßten heute den Mut haben, zu erkennen: ihr sich - gegenseitig - bekämpfen ist auf beiden Seiten der Versuch zur Vergewaltigung und Minderwertigkeitserklärung des Ändern. Die daraus entstehende Zersplitterung muß alle Kräfte aufheben. Dringend erhebt sich die Forderung eines neuen Lebens in Beziehungen, eines neuen Begreifens, daß die Verantwortung der Führer gerade hier liegt, daß für jeden Einzelnen die Erkenntnis des Wir die Aufhebung seiner Grenzen hergestellt hat; daß er nicht länger sich ablehnend, sich isolierend allein die aufgesprungene Kluft als vom Ändern aufgerissen betrachtet, daß vielmehr er selbst in die Schuld dieser Kluft hineinstürzt, die Beziehung zerreißend, entsprungen aus der Schwäche der Gegenhilfe zum Du, zur Gemeinschaft - die gebietet jedem, aus der Erkenntnis seines Wollens zur Freimachung des Erlebens im Ändern als in sich, der Überwindung des Eigenen im Fremden durch Balance beider zugleich die eigene Selbstherstellung im Vertrauen des Anderen - den positiven Schritt zu vollziehen: Selbstüberwindung der eignen autokratischen Unterlassung; der Pflicht jedes Einzelnen, jedes Ich, aus dem Gemeinschaftswillen heraus den Weg zu finden zu neuer Wirkungswucht. Denn Wir: ist kein Kompromiß zwischen Führern - Wir vernichten auch noch den Führer: Wir sind nicht alle oder ich: Wir ist: die Gemeinschaft, die Zertrümmerung des gesicherten Seins, der Macht (fremder) Gesetze über den Menschen!
(1917) R. Hausmann“