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Der Proletarier und die Kunst
    • Raoul Hausmann (1886 - 1971)

  • TitleDer Proletarier und die Kunst
  • Date[Ende 1918]
  • CategoryManuskripte
  • ClassificationTyposkript
  • MaterialPapier, maschinengeschrieben
  • Amount2 Blatt
  • FondsNachlass Hannah Höch
  • Inventory NumberBG-HHC H 74/79
  • Other NumberBG-HHE I 10.115
  • CreditlineErworben aus Mitteln des Senators für Kulturelle Angelegenheiten, Berlin, 1979
  • On DisplayNo
Transcription / Description

„Der Proletarier und die Kunst.
Von gewissen Modernen werden neuerdings große Anstrengungen unternommen, eine neue Kunst politischer, wenigstens die »menschlichen« Seiten hervorkehrender Art zu schaffen. Das Verständnis des Proletariers für den großen Bezirk des menschlichen Erlebens und Erleidens soll, aktivistisch gefärbt, dem einfachen Menschen mit neuen Ausdrucksmitteln nahegerückt werden. Wesentlich ist diesen Mitteln die Herkunft vom Expressionismus, der von den neuesten Leuten als exclusiv, spielerisch, verpönt wird - als wäre Kunst jemals etwas anderes als Spiel, Freude an der realen und irrealen Welt gewesen - als wäre der Proletarier ängstlich vor der Verdrängung der Tatsachen des erleidenden Erlebens zu behüten, ja, als besäße er oder dürfte er nicht besitzen: ein Verständnis und einen Anteil an den Verdrängungen, Vergewaltigungen der Natur, die Kunst nun einmal ist. Kunst steht und wird immer stehen: außerhalb der Moral und der Societät, wenn man diese Begriffe ängstlich und eng auf besondere Leitlinien beschränkt und ihre Gegensätzlichkeit innerhalb des menschlichen Erschaffens, Organisierens, den menschlichen eigenen Ausdruckswillen überhaupt als unsocial und damit als aristokratisch brandmarken will. Es ist aber keineswegs einzusehen, warum dem Proletarier die Freiheit der Empfindung, des Wertes, der auch für ihn im Spiel, d.h. in der Loslösung von den kämpferischen, drohenden, allzu-realen Konfliktstellungen liegt, abgesprochen oder unzugänglich gemacht werden dürfte. Die Gegensätzlichkeit und die Errettung des menschlichen Gestaltungswillens zur und aus der Natur erlauben nur zwei Einstellungen: die Vereinfachung der gesehenen Naturdinglichkeit zu primitiven oder complicier- ten Gebilden, die symbolisch für das Gesehene stehen, und »moralisch« oder »literarisch« nur so weit sein können, als man beim Aufnehmen der umgebenden Natur überhaupt Moral oder Literatur »denkt«; oder andrerseits die Formungen der dem Menschen innewohnenden, von der Natur gänzlich losgelösten, an und für sich organischen Phantasie, (die darum nicht Phantastik ist). Spiel wird aber wesentlich beides sein, Freude an der Ausdrucksannäherung an die Wirklichkeit und die Lust, die der Gestaltungstrieb verleiht. Nun wollen gewisse Gruppen politisch gerichteter Literaten und Maler, hauptsächlich angeregt durch Gedanken Tolstois, eine Kunst besonders für den Proletarier schaffen, die vor allem pädagogisch, sich moralisch erhaben dünkt über die »frivole Sinnlosigkeit« der Kunst, die aus dem Spieltrieb entstanden ist. Muß nun aber dieser Spiel- und Gestaltungs- (also Vergewaltigungs-) Wille und Trieb durchaus verächtlich gemacht werden? Ja, muß die Kunst überhaupt von einem bestimmt gefärbten »Geist« beherrscht sein? Auch der Proletarier ist nicht in jeder Sekunde nur und rein »Proletarier« - er ist vor allem Mensch, und dann erst ein besonderer Mensch. Er hat in sich ebenso, wie der Aristokratische den Drang, das Leben durch Erleben zu gestalten - er ist im innersten Grunde genau so widersprüchig geschaffen wie alle Menschen; er lebt zwar in besonderen Konflikten, aber diese Konflikte sind momentaner Art, (wenn auch schwerwiegend) sie sind immer im Grunde die gleichen: die Durchsetzung des Eignen, des Individuellen, Persönlichen, überhaupt Menschlichen gegen die Welt; sie sind einmalige, besondere Formen des Kampfes ums Dasein, und ein Teil dieses Daseinskampfes und Durchsetzungswillens, dieser Uber-Ausgleiche, Steigerungen aus Konflikten machen die Kunst aus, fallen damit schon selbsttätig unter eine bestimmte, selbstverständliche Voraussetzungsmoral - und können nunmehr hemmungslos und ohne Ängste als Spiel sich geben und als Spiel, als Ablösung hingenommen werden. Der Proletarier bedarf keiner besonderen »geistigen« Anfeuerungskunst. Er soll nur lernen, sich an den Formen der ihn umgebenden Dinge oder an der Formung, die der Wille rein für sich hervorbringt, zu freuen, in Erkenntnis und Weisheit zu freuen. Alles andere fiele und fällt für ihn in den Umkreis der Propaganda - diese ist aber nicht Kunst. Entweder, der Proletarier verneint die Lust am Spiel, dann lehne er alle Kunst ab; dann genügt seinem Erinnerungstrieb (und daraus entstand die Ästhetik der Weltdinge) die einfache Photographie, die als Vorteil keine, oder nur die geringste Gefühlsbelastung aufweist, die mithin keines Geistes bedarf, als dessen, den der Einzelne in diese Darstellungen selbst hineingelegt - oder der Proletarier erkenne sein Anrecht an die neue Gestaltungsmacht des der Natur frei gegenüberstehenden Menschen - dann wird er alle aktivistische, passionistische, zurechtgemachte Sonderkunst verschmähen und ablehnen. Proklamieren wir den Anteil des Proletariers am Spiel, an der Verdrängung und am Nutzlosen. Die Erlebnisfähigkeit des Proletariers wird stärker werden, wie beim Wilden, beim Bauern oder beim Kinde - aber in einem neuen Sinne, ohne Einschränkung der Fähigkeit und der Mannigfaltigkeit des Umkreises des menschlichen Erlebens überhaupt. R. Hausmann.“