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Tolstoi und Dostoiewski in Europa.
  • Repro: Anja Elisabeth Witte
    • Raoul Hausmann (1886 - 1971)

  • TitleTolstoi und Dostoiewski in Europa.Mit einer Widmung an Hannah Höch
  • Date24.08.1918
  • CategoryManuskripte
  • ClassificationManuskript
  • MaterialPapier, handgeschrieben
  • Amount2 Blatt
  • FondsNachlass Hannah Höch
  • Inventory NumberBG-HHC H 72/79
  • Other NumberBG-HHE I 10.88
  • CreditlineErworben aus Mitteln des Senators für Kulturelle Angelegenheiten, Berlin, 1979
  • On DisplayNo
Transcription / Description
Additional Reproductions

„Tolstoi und Dostoiewski in Europa.
(24.8.1918 begonnen und H. Höch gewidmet.)
Das Entwicklungsstadium der Ideendurchdringungen die für Rußland den Bolschewismus ergaben, als eine Gleichzeitigkeit von Anarchie und Theokratie (diese ohne Gott oder Kirche, als radicaler Imperativ der Gemeinschaft verstanden), Kapitalismus und Armut, Freiheit und Gewalt, geht aus von den Beiden: Tolstoi und Dostoiewski, deren Gedanken auf dem eigentlich russischen Bauerntum fußen, dem Chrestjanintum, einem Agrar-Communismus hierarchischer Färbung, das real-ökonomischer Ausdruck für die innerste Auffassung des russischen Volkes von Glaube und Recht ist, und ohne das die Demokratisierung Rußlands garnicht möglich gewesen wäre. Der Zusammenprall dieser Ideen mit denen Marx’s und Nietzsches wird die Entscheidung Europas fordern. Wenn es aber heute schon Pacifisten gibt, die die Güte, Gewaltlosigkeit Tolstois verwirklichen wollen, so darf andrerseits nicht übersehen werden, daß der Weltkrieg durchsetzt ist von politischen und (für den Einzelnen) ethischen Gedanken Dostoiewskis. Und doch war für Beide, Tolstoi und Dostoiewski der centralste Gedanke der nämliche: der vom Ich, der eignen Autorität und von der Notwendigkeit des Mordes; nur die Außerungsform der Angst vor diesem abgründigsten Gedanken, die Selbstsicherungen in der Projektionsform des eigen »Gut« und »Böse« als »Gott« und »Teufel« sind für beide verschieden. Der Gedanke lautete etwa: Das Prinzip der Existenz ist der Mord, zuletzt als Selbstmord. Der Ursprung aller Religion geht aus vom Schuldgefühl an der Ermordung eines Ur-Vaters - im Grunde des eignen Ich, der eignen Autorität als Welt, schlummernd im Unbewußten. Die Brücke der (symbolischen) Versöhnung, über dem Abgrund des Eignen und Fremden stürzt in jeder Secunde wieder ein; als der Mensch balancierend den Ur-Vater als eigne Göttlichkeit versuchte, zerrann ihm diese in Abstraktion und er war wieder beim Selbstmord angelangt. Aber Mord, als ethische Freiheit oder als Imperativ, oder als Auflösung oder Knüpfung von Beziehungen, oder als Schutz vor Ausbeutung oder Capitalis- mus, als Wille zur Macht oder als Selbstüberwindung, als Persönlichkeit oder Auflösung, Autokratie oder Anarchie, Krieg oder Frieden ist ein unvergänglich bewegendes, bewegliches Princip, Erleben - und das Ich sei stark genug, dieser Überwältigung oder Unterordnung als Not des Erlebens nicht zu erliegen. Unglück ist haltbarer als Glück, zersplitternd; und der Mord in jeder Form ist notwendiger Leben, als Sanftheit oder Güte. Der Mord als Erkenntnis, ohne Moral, ist so gut böse, als Askese, ohne Entwertung des Da-Seins; ohne heiliges Blut der Versöhnung - der Mord ist: Da-Sein!
Jener letzte Protest des Menschen gegen den Mord, den Vater, gegen Gott, der am Kreuze endete um von den Erlösten zur Erhöhung des Menschen, des Sohnes an Gottes Stelle gedeutet zu werden, jener Protest Christi gegen den Mord hat Tolstoi und Dostoiewski gegen eine letzte Kühnheit, Befreiung des Menschen vom Mitleidsethos und Schuldbewußtsein verblendet. Und ihr eignes Erleben des »Verbrechens an Gott« - also am eigensten Ur-Ich - verkehrte sich in ein Erleiden, aus dem die Entzückungen der urchristlichen Moral, Güte, die einzige Rettung boten. Die Rettung wieder vor sich selbst; aus einem Mißverstehen des innerst Eignen und des gleichzeitig-gegenläufigen Fremden, als Ambivalenz der eignen Göttlichkeit, des Ich, als eines »Wir« - in einen Verbrecher und seine Erlösung; den Gott am Kreuze in der Menschenseele. »Wo immer ein Mensch seine Gedanken ausspricht, ist Golgatha« - diesen geheimsten Wunsch zum Selbstmord, diesen Verdrängungswillen überwanden auch Tolstoi und Dostoiewski nicht. Napoleon contra Christus - die Geister Europas haben keine andre Wahl. Tolstoi und Dostoiewski aber blieben Raskolnikoffs1, Bettdecken- Napoleons, wurden Sossimas[2], Akims[3]; sie verleugneten sich selbst, weil sie Menschen des Gedankens, nicht Menschen der Tat waren.
R. Hausmann“.

[1] Rodion Romanowitsch Raskolnikow, Hauptfigur aus dem Roman Schuld und Sühne von F. M. Dostojewski. [2] Vermutlich Starez Sossima, Figur aus Die Brüder Karamasow von F. M. Dostojewski. [3] Vermutlich Fürst Lew N. Myschkin, Hauptfigur aus Der Idiot von F. M. Dostojewski.
Publ.: Der vorliegende Text wurde in den Aufsatz: Tolstoi, Dostoiewski eingearbeitet, der in Die neue Schaubühne / Hg. Hugo Zehder. Dresden: Rudolf Kaemmerer Verlag. 2.1920, 4 (April) erschien.