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Vom neuen, freien Deutschen Reich
  • Repro: Anja Elisabeth Witte
    • Raoul Hausmann (1886 - 1971)

  • TitleVom neuen, freien Deutschen Reich
  • Date[1920]
  • CategoryManuskripte
  • ClassificationTyposkript
  • MaterialPapier, maschinengeschrieben
  • Amount5 Blatt
  • FondsNachlass Hannah Höch
  • Inventory NumberBG-HHC H 66/79
  • Other NumberBG-HHE I 13.74
  • CreditlineErworben aus Mitteln des Senators für Kulturelle Angelegenheiten, Berlin, 1979
  • On DisplayNo
Transcription / Description
Additional Reproductions

„Vom neuen, freien Deutschen Reich

Majestät Fritz trank den letzten Schluck seines silbernen Hochzeitbieres, wischte das Maul ab, schob ein Fettbein über das andere, und sprach: Seien wir uns doch klar, es ist alles billig, selbst das Geld ist heute billig, denn wir leisten nichts und kriegen gut bezahlt. Hoch Kapitalismus und Weltwirtschaft, die haben uns weit gebracht. Der billige Arbeiter, die billige Ehefrau, das billige Kind, die billige Dirne, die billige Kunst, die billige Religion und Wissenschaft sind nur da zur höheren Ehre der Weltwirtschaft, die wir, als Nichtanderskön- nende, verkörpern in Wertpapieren, Konkurrenzfähigkeit, Kredit und Schleuderware. Und da nun mal der Weltmarkt Billigkeit erfordert, und da nun mal das Kapital eine Profitrate vorgesehen hat - und da nun mal die von Gott gewollte Gesellschaftsordnung Arbeiter für den Fabrikanten und Frau und Kind für den Mann, und eben auch für uns, die Bürger, die Wohlanständigen, das Glück geschaffen hat - so ist es doch unser Recht, unser gutes Recht, nein, sogar unsere Pflicht, keinem einen Millimeter mehr Recht, Boden, Licht zu gewähren als es uns Vernunft, Religion, Sitte und Wissenschaft zeigen und gestatten - wenn der Mann, Bürger, Wohlanständige nicht sich versündigen will an der nun mal von Gott gewollten Weltordnung. Dies ist billig und also recht, das haben schon die Klassiker bewiesen. Und so erhalten wir ohne Anstrengung die Industrie, die Familie, die Prostitution, die Wissenschaft, die Kunst, die Religion, den Staat aufrecht durch das Gesetz, das Gott setzte am ersten Tage: Recht hat der, der Profit schachern kann. Dies war das erste Wort der Schöpfung. Ich habe heute die allgemeine Landestrauer angeordnet. Aber im kleinen Kreise, der hier so vergnügt versammelt ist kann ich doch einiges Erfreuliche mitteilen. Der Arbeiterrat für Kunst und die Räte geistiger Arbeiter unter der Führung Kurt Hillers sind auf einige gradezu schöpferische Gedanken gekommen, würdig unserer Vorfahren Goethe, Schiller und Kant. Diese Vorschläge sind mir als Regenten schon vor einiger Zeit unterbreitet worden, aber ich wollte sie noch so lange geheim halten, bis sich die ersten Erfolge gezeigt haben. Dieser Zeitpunkt ist nun gekommen. Der Rat geistiger Arbeiter führte folgendes an: Der Völkerbund bedeutet ein Aufgeben der Nationalität und Grenze. Niemals! Also Antivölkerbund. Wir fordern die Sicherung Deutschlands. Dazu scheint uns am tauglichsten die sofortige Errichtung einer deutschen Ubererdetagenstadt, die Deutschland in einer Ausdehnung von io ooo km im Geviert und in einer Höhe von 5734 km bedeckt und hermetisch von fremden Einflüssen abschließt. Um diese Stadt bei unserer etwas schwierigen Finanzlage erbauen zu können, übergibt jedermann sein gesamtes Einkommen als Steuer dem Staate und ist dadurch der Schwierigkeit des eigenen Handelns völlig enthoben. Alles besorgen amtlich genau funktionierende Maschinen. So trete ich ein für die Inbetriebsetzung einer allgemeinen Beköstigungsmaschine, fahrbar von Haus zu Haus und von Etage zu Etage. Die Maschine klingelt an der Wohnungstür und ist durch eine sinnreiche Konstruktion befähigt, auf der Grundlage optisch-chemischer Reaktionen (Radiumstrahlen) das Essen nach der Haarfarbe des Wohnungsinhabers an denselben auszugeben wie folgt: Blonde erhalten täglich ein Huhn, Schwarzhaarige eine halbe Ente, Rothaarige sind besonders zu behandeln. Für die Lieferung von Kleidung ist eine Maschine hergestellt worden, die Anzüge bei Männern nach der Nasenform, bei Frauen nach der Gesäßbreite fertigt und austeilt. Zur Instandhaltung der Äcker ist die elektrische Indienststellung der Spatzen, System Keilnute vorgesehen. Von einem einzigen Punkte aus können unter Zuhilfenahme des Straßenbahn und Telegraphennetzes sämtliche Sperlinge z. B. von Berlin auf sinnreiche Weise zur Düngung der Felder gewonnen werden: jeder einzelne Spatz wird mittels eines ungeheuer festen Seidenfadens an das Drähtenetz angeschlossen. Der Sperling fliegt hungrig auf den nächsten Pferdeapfel los. In dem Augenblick, in dem er ihn erreicht hat löst sich automatisch eine kleine Klappschaufel von geringstem Gewicht vom Rücken des Sperlings, bemächtigt sich des Pferdeapfels und der hierdurch erschreckte Spatz fliegt schleunigst mit beiden davon. Während des Fluges wird er telegraphisch von seinem nächsten Telefonamt aus nach einem bis auf den Centimeter genau bestimmten Platz eines Feldes in der Umgebung der Stadt dirigiert, wo sich die Schaufel öffnet. Hierdurch fällt der Pferdeapfel zur Erde, an den Ort seiner Bestimmung und der abermals erschreckte Spatz fliegt wieder nach der Stadt zurück, wo ihn sein Speisedrang den Vorgang immer von neuem wiederholen läßt. Durch diesen ganz einfachen Mechanismus soll innerhalb kürzester Zeit eine bis 17-fache Ertragsfähigkeitssteigerung der deutschen Äcker erzielbar sein. Des weiteren ist eine Zurweltkommehilfe geschaffen worden. Die Schwangere wird zu ihrer Zeit in einen Raum geführt, den sie allein betritt und hinter sich abschließt. Sie begibt sich in das Weiterbett, das vom Gürtel abwärts ihren Leib hermetisch umfängt und sofort mit der Schürzung ihrer Kleidung und Wäsche (der Schwangeren unsichtbar) sowie mit sanfter Druckmelkmassage bei gleichzeitigen heißen Fußbädern beginnt. Der Mechanismus funktioniert so vortrefflich, daß (während Wagnersche Musik ertönt und ätherische Düfte die Schwangere einlullen, die Geburt bereits vollzogen, das Kind automatisch gebadet, getauft, bekleidet und ins standesamtliche Register (auf Wunsch der durch eine Tasse heißen Mokka wieder erweckten Mutter verstellbarer Mechanismus für alle Bekenntnisse teilt den Täufling gleich einer Kirchengemeinde zu) eingetragen war, ehe denn die Schwangere es sich überhaupt versieht. Dazu treten noch wichtige Neuerungen des Arbeiterrats für Kunst auf dem Gebiet des Kriegswesens. So ist z. B. der Kommunismus in Bayern auf Grund einer neuen Erfindung des musikalischen Maschinengewehrs vollkommen niedergerungen. Wir haben einsehen gelernt, daß geschossen werden muß, je mehr je besser, gleichgültig wohin. Das Schöne bei der neuen Erfindung ist nun dies, daß sie eine gradezu vollkommene Vereinigung des harten, scharfen Preußentums mit dem weichen, beweglichen Wesen des Süddeutschen gelungen darstellt und zwar auf folgende Weise: die Truppen marschieren in eine Stadt ein. Die Spitze jeder Kompagnie bildet ein Eselgespann, das ein Orchestrion zieht, auf dem ein Maschinengewehr angebracht ist. Die Maschinerie des Orchestrions ist durch Transmission mit dem Maschinengewehr (bis 1500 Schuß in der Sekunde), so verbunden, daß durch die Inbewegungsetzung der Maschinerie gleichzeitig Musik und Maschinengewehrfeuer ertönt. Ausgezeichnet ist es nun zu hören, wie sich harmonisch der scharfe Knall des oben befindlichen Maschinengewehrs, das die Überlegenheit des Preußentums symbolisiert mit der weichen Musik eines Lannerschen Walzers, also augenscheinlich das mehr untergeordnete, bequeme Wesen des Süddeutschen, verschmilzt und auf diese Weise sich gleichzeitig das Angenehme mit dem Nützlichen verbindet.
Diese Pläne des Dr. Hiller haben wir sofort in Angriff genommen und trotzdem sie augenblicklich erst zur Hälfte durchgeführt sind, herrschen im neuen, freien Deutschen Reich Ruhe, Glück, Ordnung und Friede. Den Bolschewismus haben wir lange schon überwunden, keine Katze kräht mehr danach und was am schönsten ist: wir haben dies alles für uns allein, da die Übererdetagenstadt das Ausland vollkommen über alle diese herrlichen Dinge im Unklaren läßt. R. Hausmann“.