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Maschinelle Produktionsgesetze der Sprache. [o. O.]
  • Repro: Anja Elisabeth Witte
    • Thomas Ring (1892 - 1983)

  • TitelMaschinelle Produktionsgesetze der Sprache. [o. O.]
  • Datierung1928/1929
  • GattungManuskripte
  • SystematikTyposkript
  • MaterialPapier, Durchschlag, maschinengeschrieben
  • Umfang12 Blatt, 1 Notizzettel
  • KonvolutNachlass Hannah Höch
  • InventarnummerBG-HHC H 6/79
  • Andere NummerBG-HHE II 28.46
  • CreditlineErworben aus Mitteln des Senators für Kulturelle Angelegenheiten, Berlin, 1979
  • AusgestelltNein
Transkription / Beschreibung
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Mit handschriftlichen Korrekturen.

"Maschinelle Produktionsgesetze der Sprache.

Was ist die Maschine? Meist bedienen wir uns ihrer ohne ihr Wesen zu kennen. Der Produzierende bedient sich maschineller Vorrichtungen - Mechanismen - um bei bestimmten sich wiederholenden Funktionen Kraefte zu sparen. Die Bahn ist Ersparnis von Gehleistungen, die Druckmaschine Ersparnis von Schreibleistungen. Mechanische Abtoetungen werden eingesetzt um organischer Steigerung an andren Produktionsorten und um andrer Produktionszwecke willen. Die Verwendung von Mechanismen ist Ausdruck der Organisation, der Abmessung und Einteilung bestimmter Menge Kraft durch taktische Freiverfuegung. Fehlt dies organisatorische Spiel, so wendet sich der Geist der Maschine gegen den Benutzer und toetet ihn ab, zwingt ihn selbst in mechanische Lebensform. Die produzierende Maschine ist also stets sinnvoll in Abhaengigkeit vom Erzeuger, eigensinnig nur wenn nicht beherrscht. Sie spart Kraefte fuer das seinem Organisationssinn Wesentlichere und ist ein Mittel, den organischen Lustgehalt seines Lebens zu erhoehen.
Das Wesen maschineller Vorgaenge aeussert sich nicht nur in eisernen oder hoelzernen Mechanismen, sondern ueberall da, wo Ersparnis gesucht wird. So verlangt die einheitliche Gestaltung der Gesellschaft eine Disciplinierung gemeinsamer Fragen und dadurch Mechanismen in uebertragnem Sinn: das politische oder kirchliche Dogma ist Ersparnis von Denkleistungen Einzelner in Lebensfragen die alle betreffen, Nivelliermaschine, der Sipomann an der Strassenkreuzung ist Ersparnis von Erkundungs- und Zurufleistungen Einzelner, Ordnungsmaschine. So ist die Sprache ein Mittel, uns klanglich das mitzuteilen, was wir einander nicht in realen Begebenheiten umstaendlich erleben lassen wollen. Die Erfahrung, die einer gemacht hat, uebertraegt er dem andern und die Menschen ersparen sich gegenseitig unnuetze Wiederholungen der gleichen verneinenden Erlebnisse oder bestaetigen sich Daseinsbejahung. Die Bestandteile der Sprache sind diesem Ersparniszweck entsprechend geformt und die Uebertragung gehorcht maschinellen Gesetzen um das Wesentliche vom Unwesentlichen zu scheiden, um den Ausdruck gemaess dem uebertragnen Sinn zu organisieren.
Lernen wir die Gesetze der sichtbaren Maschinen kennen, um den unsichtbaren Mechanismus der Sprache zu verstehn. Es bedarf der Krafterzeugung, des Antriebs der in linearer Richtung erfolgt im Vor- und Rueckstoss der Kolben, Pleuelstangen, im linearen Trieb des Wassergefaells, der Windstroemung, der Gewichtsschwere. Es bedarf der Sammlung und Zuteilung im Kreisungswerk der Transmissionen, Schwung- und Triebraeder, Radzahnungen, Wellen, Achsen die den Energieweg organisieren und zu den jeweiligen Angriffspunkten der Energie hinleiten. Aus der Verbindung dieser beiden Faktoren maschineller Arbeit entwickelt sich der Verbrauch der Energie in Leistung und Umsatz zum Fertigprodukt. Jede Maschine ist eine Kombination dieser drei Kausalwerte /Ursache, Machtmittel, Wirkung/ in raumzwecklicher Anwendung. Man vergleiche Aeusserungen derselben kausalen Wertteilung der Produktion in der Staatsmaschine.
Zeitlich aufgefasst heissen die Kausalwerte Aenderung oder Wechsel /Erzeugung/, Gleichmass /Sammlung und Zuteilung/, Ablauf /Verbrauch und Umsatz/. Die Sprache verlaeuft ebenso wie die Musik in der Zeit und die maschinellen Gesetze druecken sich in zeitlicher Form aus. Wie in der Musik ist hier die Produktionsleistung ein Ablauf von Klaengen, der durch Aenderung und Gleichmass zur Struktur gegliedert wird. Den Klaengen haftet aber eine begriffliche Bedeutung inne, die in vokalischer Eroeffnung des Inhalts gerichtet und in konsonantischer Verdichtung dem gedeuteten Ding entsprechend plastisch gestaltet ist - Ideoplastik. Vokale und Konsonanten an sich stehn in gesetzmaessigem Verhaeltnis zu einander, sie druecken Urbegriffe der Kraftaeusserung oder Hemmung aus die traumbewusst erfasst werden, ohne immer wachbewusst klar zu sein. Das Traumbewusste ertoent aus konkreten Klangraeumen im Koerper - Zellenresonanz - das Wachbewusste greift optische Aussenbeziehungen - Wahrnehmungen - auf. Die traumbewusste Beziehung der Laute untereinander - ihre Geltung im Koerper-Klangraum - verankert in jeder Wortform einen konkreten Sinn, der von der wachbewusst daran geknuepften Bedeutung verschieden sein kann. Verschiedne Wortformen koennen klanglich andre Darstellungen desselben Aussenbegriffs sein, anderseits kann eine abstrakte Bedeutung sich mit dem taeglichen Wechsel der Anspannung von aussen verschieben, waehrend der konkrete Klangsinn derselbe bleibt.
Die Krafterzeugung im sprachlichen Ablauf ist Aenderung, Wechsel der Klangrichtung, Abkehr des Klang-Erlebens vom angeschlagnen Vokal, von U zu A, E, I, O. Vom vokalischen Ausgangspunkt erfolgt ein Vorstoss zu einem andern Vokal, so dass ein spaeteres Wiederaufgreifen des ersten Vokals als Rueckstoss, das Ganze als Wechselspiel empfunden wird. In 20 Kombinationen und unzaehligen Zwischenwerten liegt der schoepferische Wechsel vokalischer Gestaltung. Ebenso wechseln Konsonanten, Vokal- und Konsonantverbindungen zu Silben, Silbenbindungen zu Worten. Der Sprachgeist, das an das Wortmittel gebundne Ausdrucksverlangen, setzt in immer neuen Wendungen des Silbenspiels zum Sprechen an und traegt das Lebensgefuehl durch den Fluss der Worte. Der die Wortfolgen durchdringende Antrieb, die Erzeugung und Erneuerung der Erlebnisgestaltung ist der Rhytmus. Je mehr das Interesse des Hoerers - oder des hoerenden Sprechers - Zusammensetzungen also Silben, Worte und schliesslich Saetze erfasst, umso wachbewusst-begrifflicher ist das Erlebnis. Der Sinn abstrahiert sich vom klanglichen Ursprung der Gestaltung. Je mehr aber der vokalische oder konsonantische Ansatz erlebt wird, das Empfinden des rhytmischen Wechsels - des Produktiven - die einzelnen Laute durchdringt, umso traumbewußt-urspruenglicher und der Musik genaehert ist der Ausdruck. Der Sinn ist im Lautmittel aufgegangen. Die produktive Uebersteigerung des begrifflich gerichteten Rhytmus ist Musik, der unmittelbarere Ausdruck organischer Lust. Musik entstroemt der Sprache wenn ihre maschinellen Funktionen lautlos werden, dass der Laut der Urbedeutung sich von optischer Vorstellung der Wachbegriffe laeutert. Der Wechsel wird dann nicht nur in Vokalisation, sondern in Aenderung der Tonhoehe, im Auf und Ab des Erlebens gleicher Vokale auf verschiednen, ungleicher auf denselben Hoehenlagen wirksam. Hebung und Senkung - Arsis und Thesis - wurden stets als rhytmische Grundfunktion betrachtet, sie ergeben das rhytmische Gebilde des Takts. Je mehr die Sprache vom Wachbewussten zum Traumbewussten durchfuehlt wird, umso mehr erhaelt sie tonalen Charakter und die taktische Verwendung der Triebkraft muss verschiedne Stimmlagen ergreifen. Vokaler Rhytmus ist Weckung der Urbegriffe, tonaler Rhytmus das Aufsaugen begrifflicher Beschreibung durch Lust am Erlebnis. Die vollste Disciplinierung der Sprache nennt nicht nur Dinge, Umstaende und Begriffsbeziehungen, sondern traegt musikalisch die Resonanz des Erlebnisses selbst.
Die Systematik in der Bindung gleichwertiger Vokale, Konsonanten oder Silbenkomplexe, das was den Wortfluss in ein bestimmtes Mass gliedert und die Gelenkpunkte - Transmissionen - klanglichen Inhalts in fester Beziehung zu einander erhaelt, ist das Metrum. Der den Produktionsgang gemaess der gedachten Organisation erhaltende Kausalwert Gleichmass /Sammlung und Zuteilung/. Rhytmik und Metrik bestehn nie ohne einander. Schon um den Takt zu bilden muss die Wucht der Aenderungskraft in einem Mass aufgefangen werden das sich wiederholt und dadurch erkennbar ist. Rhytmik-Metrik heisst der sprachsachliche Schoepfungszwiespalt der den Fluss der Worte gliedert und dessen Faktoren sich mit jedem Punkt des Laufs zu durchdringen suchen. Gaebe es nicht lautliche Anklaenge, Messpunkte und dadurch verfolgbare Triebrichtungen in unserm Wortgefuege, wuerde nicht dadurch das Ueberschauen des im Sprechen ausgedrueckten Sinns vereinfacht, so kaeme nicht die Lust am Sprechen und Hoeren auf. Das Hoeren ist Empfang und Umsetzen sprachlicher Leistung, und wenn das Aufgreifen der maschinellen Funktionen entspringenden Sprachprodukte muehelos gelingt, berauscht es sich an der in Sinn-Zuendung frei werdenden Lust. Jede rhytmische Erneuerung, das Anschlagen ungewohnter Toene, taktischer Wechsel, das ueberraschende Heben und Senken der Stimme drueckt neue Erlebniswerte aus und laesst die Krafterzeugung des sich sprachlich Uebermittelnden durchfuehlen. Jede metrische Beziehungsbindung aber, das Wiederaufgreifen bestimmter Klangfolgen oder Tonlagen, die Zuteilung zeitlichen Gleichmasses ist die Erhaltung der Erlebnisenergie und haelt den logischen Faden fest. Die Mechanisierung des Organisationsgedankens in der festbestehenden Ordnung des Metrums erhoeht die Merkbarkeit eines Inhalts. Sie spart die Reaktivitaet des Hoerers fuer die Stellen inhaltlicher Mehrbetonung durch Aenderung der Gezeiten und der lautlichen Instrumentierung, fuer rhytmische Ueberfaelle und Antriebe der Erlebniskraft. Rhytmus - Fluss, Bewegungstrieb - ist das ins Rollen, in Fluss-Bringen, der zeugerische Ursprung der Vorstellungswelt. Metrum, metra - Mass, Gebaermutter - ist die Massung, das In-sich-Gefugtsein des Gestaltungsstoffs, die muetterliche Trage- und Bewahrfunktion.
Die Funktionsverbindung der Komponenten Rhytmus und Metrum ergibt den Ablauf klanglich-sinnlicher Saetze. Wo Satzbedeutung eins ist mit der rhytmisch-metrisch gestalteten Form, wo einander verwandte klangsinnliche Formen wieder zur rhytmisch-metrischen Einheit verbunden sind, entsteht als Fertigprodukt der Reim. Reimsatz ist der sinnliche Zusammenhang von Satz zu Satz, er zieht schluessige Ergebnisse aus Satzfiguren - Versen - und bezieht Ergebnis auf Ergebnis. Als Produkt der Durchdringung der Faktoren eines Zwiespalts neigt er zum einen oder zum andern, zum Rhytmus oder zum Metrum. Rhytmische Ueberbetonung verschluessigt sich im Stabreim, metrische Ueberbetonung verschluessigt sich im Endreim. Reim als Fertigprodukt ist die Ueberschussleistung der in der Sprache wirksamen unsichtbaren Maschine, seine sinnvolle Erzeugung weckt daher Lust und ist Ausdruck des gelungenen Spiels taktischer Organisierung. Mit Steigerung des Lustverlangens wird immer intensivere Durchdringung des schoepferischen Zwiespalts gesucht und Reimung muehelos gefunden.
Die maschinellen Komponenten der Sprache ziehn den Sinn uebermittelter Wort- und Satzbedeutungen zur Form zusammen, verdichten ihn. Die Sprache befaehigt so zur Ersparnisleistung gegenueber dem bildmaessig-umwegigen Ablauf des Lebens. Die Lebens-Kausalitaet wird in Kausalwerten der Sprache sinn-bildlich zusammengezogen, gedichtet, das Wesentlich Empfundene als Schoepfung, Erhaltung, Erlebnis sprachtaktisch organisiert. Dichtung ist der Extrakt des Lebens.
Die Bildung der Sprachen ist ein Teil der allgemeinen Naturgeschichte, menschliche Kollektivschoepfung. Jedes Volk hat sein Erleben der Dinge und ihrer Beziehungen in andern lautlichen Bindungen, andern Woertern, gestaltet. Die Worte einer Sprache fundamentieren die Dichtung. Deshalb darf dichterische Form nur der Eigenart der verwendeten Sprache entwachsen. Das Volk, das dichterischen Ausdruck eines andern als Fertigprodukt uebernimmt und in die Mechanisierungen artfremder Sprachgestaltungen seine eigne Sprache einzwaengt, betruegt sich um das Erlebnis der Produktion gemaess dem eignen Sinn. Passt auch der wachbegriffliche Sinn sich in die fremde Form ein, so doch nicht der Wortsinn, die Form laeuft also leer ueber das Wort hinweg und das Wort wird vom Erlebnis nicht ergriffen. Die unsinnige Verwendung von Worten, das Eingespanntsein in die fremden Ausdrucksverlangen entnommnen Getriebe und Transmissionen nutzt die Begriffsspannung ab, wirkt auf den Erlebenden selbst laehmend und abtoetend zurueck. Der in jedem Satz waltende Sprachgeist will einen bestimmten Sinn organisieren und erfasst ihn im taktischen Anfuegen eines Worts an das andre, so, dass das im Wortmaterial liegende Metrum die Maße bestimmt, gemaess denen sich rhytmische Mehr- oder Minderbetonung vollziehen kann. In jedem Augenblick des Sprechens waehlt der Sprachgeist die Wortmaße, die seinem rhytmischen Ausdruckstrieb entsprechen. Dichtung fuegt sich dem natuerlichen Menschen traumbewusst. Werden aber die Worte ohne Ruecksicht auf das in ihnen liegende Mass nur nach begrifflicher Eignung gewaehlt, waehlt der Begriffsgeist aus, so staut sich der produktive Einsatz an Stellen maschineller Unstimmigkeit, waehrend ungesuchte Ersparnis an falschen Stellen auftritt und in die Vorstellungswelt uebertritt. Mit der wachsenden Unstimmigkeit zwischen Bedeutung und Form mindert sich die Lust am Sprechen, die Komponenten reiben sich fruchtlos aneinander, das Denken selbst geraet in falsche Bahnen weil Wachbewusstes und Traumbewusstes nicht mehr kongruent sind, und das Verdumpfen eignen Geistes bei Formalismus im Fremden gibt sich in unnatuerlicher Spannung kund.
Der beste Mechanismus laeuft unhoerbar weil sachlich - nach Zweckbestimmung und Material - Teil in Teil greift. Jedes Sprachteil - Wort, Satz - ist im Durchlaufen von Ansatz, Gesamtform und Ende eine bestimmte und das Folgende bestimmende Zeitfunktion. Das Hervorgehen des stimmigen Reims aus sprachlichem Ablauf ist traumbewusst-selbstverstaendlich, weil Organisieren von Urbegriffen gemaess der Silbenfunktion und nach Gewicht des jeweilig erstrebten Sinnes, wachbewusst ist er zu begreifen wenn bereits gestaltet. Unhoerbar ist der vollkommne Sprachmechanismus, da er nicht das Hoeren des Sinnes hemmt. Die wachbegrifflich gewollte Mechanisierung aber ist hoerbar, lenkt das Interesse des Hoerers vom Sinn auf formale Kuenste. Dies Kuenstliche gilt der Entartung vom Sinn als Kunst. Reim kann sich nur aus sprachnatuerlichem Fluss, getrieben von dynamisch-rhytmischer Wucht und sicher verankert im statisch-metrischen Gesetz, ergeben. Alle Reimlehren sind unsinnig und fuehren zur Kuenstelei, Sinn fuer dichterische Zeugung hat nur sachliche Erkenntnis des Wortmaterials und seiner Strebung zu Saetzen.
Zur Verdeutlichung sei der Unterschied mechanischer Funktion der germanischen und romanischen Sprachen verglichen und die Konsequenz fuer die Reimung erfasst. Die Struktur des germanischen Worts betont im Anlaut die Wortwurzel, in der Dynamik der ersten Silbe liegt der Quellkeim des Sinns. Dieser rhytmische Antrieb muss tonal erfasst werden, er kann sich musikalisch steigern und je nach der Wucht des klanglichen Erlebnisses seiner instrumentalen Eigenart gestaltet sich die weitere Silbenfolge als rhytmischer Ablaut oder wellenmaessiges Verebben. Man erlebe An-laut und Aen-derung, aber auch Aen-drung. Oder es werden Silben als Vorschlag zum eigentlichen Anlaut empfunden, um das Ausgedrueckte inniger oder in irgend einer Weise von etwas abhaengig zu gestalten: Be-denken ist das innigere und beziehungsmaessige Denken, Ge-richt ist das Richtmass das sich aus der Beziehung zu einer urteilenden Gesellschaft ergibt. Das Feuer des Sinns bricht dann nicht unvermittelt durch, sondern scheint durch schuetzende Huelle, wird durch einen Vorbegriff gedaempft. Da weitaus die meisten germanischen Worte der rhytmischen Ueberbetonung folgen, kann sich das Metrum nur im Mass der Bindung dieser Sinn-Wurzeln aeussern. Eine wichtige Funktion bleibt aber dem Metrum durch die germanische Eigenheit, zwei Hauptbegriffe zu einem Wort zu binden. Gewoehnlich ist der erste Begriff Anlaut, wie eben in Haupt-begriff. Werden aber zwei Bindungen mit gleichen Anlautsbegriff in Parallele gestellt, so springt der Rhytmus auf das Unterscheidende ueber und demgemaess verschiebt sich das Metrum: Haupt-klang und Haupt-begriff. Im Wesen betont der Sprachgeist also stets den Anlaut, es ergibt sich nur eine metrische Variation im Eindringen des gliedernden Sinns in Wortzusammensetzungen.
Die Struktur des romanischen Worts erfasst metrisch die ganze Klanggestalt, die rhytmische Betonung kann am Anfang, am Ende oder in der Mitte wirken. Auch drueckt die Betonung nicht immer die klangliche Wurzel des Sinnes, sondern oft eine daran geknuepfte sekundaere Bedeutung aus. So kann sie als Befriedigung ueber einen formalen Abschluss, als Begeisterung ueber eine an das Inhaltserlebnis geknuepfte Hoffnung ueber das Wort hinaus deuten und den Ausklang musikalisch steigern: organisa-tion, emancipa-tion Es bleibt aber das Bestreben, die ueber das Wort hinwegstroemende kinetische Energie noch in die Wortform selbst zu fassen, nicht wie bei Ord-nung, Aus-sonderung im Erleben der letzten Silben schon auf das neue Wort zu warten. Der romanische Sprachgeist empfindet das Wort als fuer sich bestehende Form, als Stationaeres, und die Kinetik des sprachlichen Ablaufs wirft sich auf einen Formschwung, der dem gestalteten Sinn gegenueber oft metrisch besondere Wege geht. Das germanische Wort begnuegt sich meist mit der Sinnweckung durch Anhub einer Klanggebaerde und laesst den weiteren Verlauf ungeformt. Besonders in der deutschen Sprachentwicklung hat sich die fruehere Farbigkeit vokalischer Endungen ueberwiegend zum farblosen e der letzten Silbe verschliffen und die unwesentlich zuruecktretenden Ausklaenge bewirken oft eine Gleichgueltigkeit gegen sprachliche Form bei Ueberschaetzung wachbegrifflicher Aussage. Dagegen liegt in romanischen Sprachen die Gefahr des Formalismus, Gleichgueltigkeit gegen Plastik des Sinns bei ueberbetontem Formschwung, naeher. Das Verhaeltnis zwischen germanischem und romanischem Sprachgeist ist das zwischen Rhytmus und Metrum. Im einfachsten Wortgebrauch ergibt sich die Verschiedenheit der Bindungen wenn das Sprachgefuehl richtig ist: liberté, égalité, fraternité aber we must win the war. Bei gleicher Herkunft der Wortstaemme geben die rhytmisch-metrischen Funktionen doch ein andres Klangbild: Mutter bleibt Muetterlichkeit, ma-ter wird materia, materia, materie. Es lassen sich also unmoeglich die den romanischen Sprachen natuerlichen Funktionen in germanische uebertragen und umgekehrt.
Die Frucht der Sprachschoepfung ist der Reim. Sie gedeiht nur aus den Silbenzellen, ihrer natuerlichen Folgerung zu Worten und der weiteren Fuegung zu Saetzen, kann nicht durch Begrifflichkeit einer ausserhalb der Sprache wirksamen Denkfunktion konstruiert werden. Die rhytmische Antriebskraft und Offenheit in der Aufdeckung des Sinns bindet bei germanischen Sprachen die Wortanfaenge innerhalb einer Zeile oder frei durch das Gefuege verteilte Silben nach unmaessigem, unbaendigem Ausbruch rhytmisch-musikalischer Befreiung. Die Bindung der Anfaenge ist nicht zufaellig, sondern gesetzmaessig wie das Aufhuepfen eines flach ueber Wasser geworfnen Kiesels. So entsteht der Stabreim oder der dahindraengende freie Rhytmus. Auch beim nicht gereimten Rhytmus ergeben die einander entsprechenden Laute Staebe oder Richtungslinien, so dass das ganze Sprachgefuege als Durchdringung einander kreuzender Lautlinien empfunden werden muss. Je mehr sie sich metrisch ordnen, umso offenbarer werden die Staebe. Diese Stabreimbindung waere bei romanischen Sprachen unsinnig, weil dann nicht das dem Sprachgeist Wichtigere gebunden wuerde. Das statische Wortgefuehl setzt Form an Form, waehrend das dynamische Wortgefuehl in immer erneuten sinnbetonten Anlaeufen ueber die Silbenhemmungen der Beiklaenge hinwegsetzt. Ist bei der rhytmischen Sprachform die letzte Silbe der Zeile ein Ausklang, ein Entlassen vom Erlebnis das im Wechsel der Staebe Wucht und ueberraschende Behendigkeit offenbart hat, so ist sie bei der metrischen Form ein Abschluss des den Satz durchdringenden Masses, ein Schlussstein der den Sinn der musikalischen Tektonik in sich konzentriert. Aus romanischem Wortgefuehl formt sich ganz natuerlich der Endreim.
Der Reim als Ueberschuss-Produkt wird am leichtesten Opfer eines ueberfluessigen, des gegen den Mitteilungssinn der Sprache gerichteten Ziersinns. Wo das Selbstvertrauen auf die traumbewusste Gewalt der eignen Sprache fehlt, bringt wachbewusster Gelehrtenbegriff Verzierungen von aussen an. Der deutsche Sprachgeist der Sinnbetonung und Formverachtung fuehrte im Lauf der Geschichte in eine Zwitterstellung: aus mangelnder Ideoplastik ward Ideologie und suchte den im Romanischen natuerlichen Endreim in germanische Dichtung einzupflanzen. Dies musste fruchtlos sein im Sinne der Sprache, da das im Wort Unbetonte reimbetont wurde, da Wesensausdruck und Kunstform verschiedne Wege gingen. Die wachbegriffliche Dichtung der letzten Jahrhunderte war meist Verduennung traumgrifflichen Sprachgefuehls. Das Hildebrandlied, die Merseburger Zaubersprueche, die Ulfilasbibel und die Edda sind Grundmauern eines verlassnen Riesenbaus. Das Volksempfinden erhaelt sich Reste sprachlicher Eigennatur durch Haus und Hof, ueber Stock und Stein, an Geld und Gut. Es kaempft aber mit Gut und Blut um das Geld in der Welt und sein von ihm verehrtester Dichter dichtet vor: ach neige du Schmerzensreiche. Die dichterische Neuformung der letzten Jahrzehnte - Peter Hille, August Stramm - sucht Befreiung von angenommnen Bindungen, um aus freien Rhytmen zu sinn-, form- und sachgemaessen Klangfuegungen zu kommen. Gefahr fuer das Leben einer Sprache liegt nicht so sehr im Aufgreifen von Lehnswoertern als im Befolgen artfremder Kunstgesetze. Fremdworte fuehren neues Klangblut zu und werden mit der Zeit durch lebendiges Sprachgefuehl zu Eignem umgeschmolzen, cerisia zu Kirsche, caput zu Kopf, und Auto oder Kino sind deutscher als Oberrechnungsrat, Feldmarschallleutnant und Professorial-Assistent. Nur die noch nicht in die rhytmische Eigenart eingeschmolznen Worte muessen zu sprachlichen Konflikten fuehren, wenn sie in Reimdichtungen aufgenommen werden und dort zu metrischen Abweichungen draengen, waehrend die Mehrzahl der uebrigen Woerter der Stabstrebung folgt. Werden Worte wie Organisation, tonal, formal und dergleichen ungewandelt verwendet, so kann sich kein reiner Stab- oder Endreim bilden ohne dass Satzbestandteile vergewaltigt werden. Die dichterische Oekonomie muss dann ein freies rhytmisch-metrisches Spiel formen - wie es etwa der griechischen Sprache natuerlich ist - bei dem Silbe fuer Silbe zum Zeilenganzen in Beziehung steht und Alles gleichmaessig reimdurchdrungen ist.
Keine Maschine laesst sich gegen die Forderung seines Materials bauen, keine organische Zweckvorrichtung kann unzweckmaessig bestehen. Der Dampfhammer, der starke rhytmische Stoesse vermitteln soll, ist aus Eisen. Der Flugdrache, der durch metrische Ausgewichtung abgefangner Windstoesse sich erhebt, ist aus Holzstaebchen und Papier. Doch Rhytmus ist auch das vielfaeltige Spiel des Stroms, dem sich die leichteste Holzplanke anschmiegt und Metrum das Turbinenrad das sein Gefaell empfaengt und formvoll umsetzt. Unendlich ist das Schoepferische der Natur, doch wo Moeglichkeit Gestalt werden soll muss Zwecksinn im gewaehlten Mittel aufgehn."