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[Aus der Familie herauszutreten...]
  • Repro: Anja Elisabeth Witte
    • Raoul Hausmann (1886 - 1971)

  • Titel[Aus der Familie herauszutreten...]
  • Datierung06.1918
  • GattungManuskripte
  • SystematikManuskript
  • MaterialPapier, handgeschrieben
  • Umfang1 Blatt
  • KonvolutNachlass Hannah Höch
  • InventarnummerBG-HHC H 1495/79
  • Andere NummerBG-HHE I 10.49
  • CreditlineErworben aus Mitteln der Senatsverwaltung für Kulturelle Angelegenheiten, Berlin, 1979
  • AusgestelltNein
Transkription / Beschreibung
Weitere Abbildungen

„Aus der Familie herauszutreten, ist notwendig. Wenigstens in Deutschland hat die Familie lähmend, knickend auf das Wissen um die eigene Sicherheit gewirkt; etwas ganz deutsches ist die ungeheure Angst um die eigne Persönlichkeit. Ideen, die auftauchen, die irgendeiner ausspricht, scheut man sich, ohne weiteres sich zu eigen zu machen, auch wenn sie noch so sehr aus dem gemeinsamen Erleben entstanden sind. Gerade dem gegenüber wagt man nur Protest, zum Zeichen des, daß man »auch einer« sei, man steht prüfend, abwartend gegen den Sprecher der Idee. Aus einer Angstobstipation aus der Familienatmosphäre heraus - also eine Lähmung der Equilibrierungsfähigkeit des Einzelnen, eine Herabminderung seiner Complexhaftigkeit aus der Confliktstellung einer Tradition der Selbstrettung statt der unbekümmerten Auflösungsfähigkeit.
Aus dieser Tradition ergibt sich eine Kräftestapelung auf verlorenen Posten, der eigentliche Konservatismus, Stabilität eines nicht den gesamten Diameter der Erlebenscomplexe umspannenden Zustandes, der der Realität deshalb nicht fähig ist und wird, weil er an ihr nur die traditionell, technisch-einseitig bestimmten Äußerungen als Wahrnehmung zu werten imstande ist. Dieser, in allem, auch verändertsten, Zuständen ewig mit dem gleichen Automatismus unbewußt minder-wertende Konservative, eigentlich Gehemmte, Verdränger statt Bejaher jedes nur irgend erlebbaren Seins leidet an ewiger Falschnehmung und ist aus der Familienatmosphäre heraus zu einem pessimistischen Egoismus gegen seine innerste Tendenz gezwungen. Die Ablösung von einer Autorität des Fremden gelingt ihm deshalb nicht, weil er gewohnheitsmäßig um die Erhaltung seines eignen Machtwillens, Persönlichkeit, kämpfen muß, aber damit sein eignes und jedes andre Erleben fälscht und verrät. Er bewegt sich in ihm auf gezwungnen Gegensätzen, ohne das eigentlich Widersprüchige im Erleben des Eignen und Fremden jemals von dem Hebelpunkt aus balancieren zu können, von dem aus diese zur gegenseitig bedingenden Durchdringung sich erheben. Nicht er, als Erlebender, ist Balancierpunkt dieses Hebels, sondern ängstlich und schamhaft, hilflos selbstrettend verteidigt er den für ihn wichtigeren kürzeren Hebelarm des eignen Seins gegen den längeren, größeren des fremden Seins - dessen von ihm hervorgerufene Bewegungen er nur mit Mißtrauen und dem Zusammenbruch beantworten kann. Diesen Menschen, zur Bindung in Beziehungen, rein von seinem zunächst körperlichen Sein aus, zu führen, scheitert immer wieder an der Umbiegung seines Instinkts durch intellektuelle Hemmungen aus der Familienatmosphäre heraus. Seine Sicherheit, im Vertrauen auf den Besitz auch des Fremden, des Anderen, ist unerreichbar aus dieser Gebundenheit heraus, die ihn dem Anderen gegenüber zum Ressentiment als einziger Rettung seines eignen Machtwillens automatisch, gegen sein Wollen und Erkennen sogar, führt. Dieses Ressentiment läßt ihn nie den Ändern in sich erleben - die aufgezwungne Minderwertigkeitstradition stellt ihn gegen sich selbst - in dem verzweifelten Kampf um sich selbst, als dem Ändern, unterliegt er stets wieder der Gewalt der Familienautorität, weil er bei sich selbst den Kampf und den Willen zur Selbstauflösung wahrnimmt, ohne ein sicheres Wissen um seine noch traditionell egoistisch-technische Proteststellung. Nur die klare Erkenntnis seines Kampfes gegen die Atmosphäre der Familie als der Vernichterin seiner Erlebensfähigkeit wird ihn: nicht dem Fremden, Anderen ausliefern (blind zustimmend) sondern die Sicherheit im Vertrauen auf das Erleben der Beziehungen in der Gemeinschaft, der Auflösung des Einzig-Einzelnen im Wir, finden lassen.[1]
Hannah müßte doch zum Teufel endlich merken, daß etwas ganz andres los ist, als sie fortwährend glaubt!
Gruß R.“

[1] Bis hier handschriftlicher Entwurf zu: Der Besitzbegriff in der Familie und das Recht auf einen eigenen Körper. Veröffentlicht in: Die Erde/Hg. Walter Rilla. Breslau: Verlag Die Erde. i. 1918,8.