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"Entartete Kunst", [o. O.]
  • Repro: Anja Elisabeth Witte
    • Unbekannt

  • Titel"Entartete Kunst", [o. O.]Rezension der Ausstellung "Entartete Kunst" in Dresden, 23. September bis 18. Oktober 1933
  • Datierung09./10.10.1933
  • GattungDruckerzeugnis
  • SystematikZeitungsausschnitt
  • MaterialPapier, gedruckt
  • Umfang1 Blatt
  • KonvolutNachlass Hannah Höch
  • Andere NummerBG-HHE II 33.30
  • CreditlineErworben aus Mitteln des Senators für Kulturelle Angelegenheiten, Berlin, 1979
  • AusgestelltNein
Transkription / Beschreibung

"«Entartete Kunst»
Eine Ausstellung in Dresden
Die «Ausstellung Entarteter Kunst» im Lichthof des Neuen Rathauses zu Dresden erfreut sich ungewöhnlich reichen Besuchs. Die Mehrzahl der Gekommenen macht den Eindruck von Menschen, die zum ersten Male eine Kunstausstellung sehen, und es ist außerordentlich aufschlußreich, diese gänzlich unbefangenen Leute urteilen zu hören. Es war wohl auch den Veranstaltern von vornherein klar, daß die ausgestellten Werke, von denen die Mehrzahl nach 1918 entstanden ist, nur einige schon vor dem Krieg (Nolde, Heckel, Schmidt-Rottluff), bei dem breiteren Publikum teilweise auf Widerstand stoßen würden. Ob der Zweck erreicht wird, die Erziehung zur Unterscheidung des Wertlosen vom Wertvollen, erscheint allerdings zweifelhaft, wenn man sieht, wie auch recht harmlose Bilder oft sehr drastisch abgelehnt werden, z. B. eine schwermütige Zeichnung der Worpswederin Paula Modersohn-Becker. Man ist versucht zu vermuten, daß diesen unverbildeten Menschen selbst die von den Veranstaltern anerkannten Werke mißfallen würden; denn der Standpunkt, von dem aus sie urteilen, ist die platte Natürlichkeit und Schönheit.
Es ist nach 1918 vielerorts sehr unverfroren drauf los gemalt worden, und da die Stadt Dresden vorwiegend Dresdner Maler ankaufte, ist viel Entgleistes hereingekommen. Viel zu viel von den damals jungen Künstlern Felix Müller, W. Jakob, Chr. Voll, E. Hoffmann. Von den übrigen sind Proben da, von Ottolange, W. Heckrott, B. Kretzschmar, P. Cassel, Mitschke-Collande, Skade, Grundig, Griebel. Einige, die heute auf der Seite der Veranstalter stehen, werden sicher unglücklich sein, frühere Arbeiten von sich in dieser Ausstellung entarteter Kunst zu finden: W. Rudolph, O. Schubert, der Bildhauer Maskos. Man überlegt, ob nicht in sehr vielen Fällen die Entartung lediglich Pubertät ist und Produkt einer chaotischen Zeit. Hier müßte man die Fronten schärfer abgrenzen. Walter-Kurau, für den ein so deutscher Maler wie Professor Lührig im Geleitwort zu einer Gedächtnisausstellung eintritt, werden viele nicht gern unter dem Kennwort dieser Ausstellung sehen.
Klar und verständlich ist die Stellungnahme des Publikums gegen die Bilder von O. Dix (Schützengraben, Kriegskrüppel) und G. Groß. Ebenso klar ist die Ablehnung aller der Abstraktion sich nähernden Arbeiten wie der von P. Klee (Um den Fisch), Feininger (Gelmeroda), Kandinsky und den Schweizer O. Lüthy (Madonna). Klar auch die Haltung gegen Nolde und die «Brücke», wohl aus ästhetischen Gründen. In diesem Punkte erhält die Ausstellung eine über Dresden hinausgreifende Bedeutung. Sind Nolde, Kirchner, Heckel, O. Müller, Schmidt-Rottluff entartet? An anderen Stellen Deutschlands setzt man sich von nationalsozialistischer Seite mit Ueberzeugung für diese Maler ein. In der vom nationalsozialistischen Studentenbund in Berlin veranstalteten Ausstellung waren Nolde, Heckel, Schmidt-Rottluff, O. Müller bevorzugt gehängt. Viele nationalsozialistische Kunstfreunde sehen in Nolde den Heros der deutschen Kunst, den Verkünder echter norddeutscher Mystik. Vom Standpunkt dieser Kunstfreunde wäre die Dresdner Auswahl des Brücke-Kreises sogar lobenswert: Der Sitzende Mann Heckels (1913), das Frauenbildnis Schmidt-Rottluffs (1913), die Badenden von O. Müller, das Gartenbild von Emil Nolde, das Straßenbild von E. L. Kirchner (1926), ebenso die vielen Aquarelle und graphischen Arbeiten dieser Maler. Auch Gerhard Marcks wird heute vielerorts als deutscher Bildhauer geschätzt. Ueber Kokoschka (Die Heiden) und Hofer herrscht ebenfalls noch keine Klarheit.
Eine Uebereinkunft hat sich in allen diesen Fällen noch nicht herausgebildet; es wird sich als nötig erweisen, daß die entscheidenden Instanzen bald einmal Klarheit schaffen. Ein Partikularismus in der Kunstauffassung wäre auf die Dauer von Schaden. Ueberraschenderweise befindet sich unter den ausgestellten Künstlern nur ein Jude, Lasar Segall aus Wilna, der zehn Jahre in Dresden gelebt hat. Allen Bildern ist der Ankaufspreis beigefügt, der in vielen Fällen ein Inflationspreis ist. Es wäre richtiger gewesen, ihn umzurechnen.
Man fragt sich unwillkürlich beim Verlassen dieser Ausstellung, wo kann man die heute anerkannte Kunst sehen. Vielleicht in der Modernen Abteilung der Staatlichen Gemäldegalerie? Sie ist im Sommer zeitentsprechend umgehängt worden. Also geht man dahin. Entfernt aus der sind: E. Munch (Krankes Mädchen, Das Leben), alles von Nolde, Kirchner, Schmidt-Rottluff, Heckel, Kokoschka (sechs Gemälde auch die «Spielenden Kinder» von 1910), von Hofer und Beckmann alles bis auf je ein älteres Bild; die Bilder des Patronatsvereins: Franz Marc, P. Klee, Kandinsky, Feininger, Schlemmer; außerdem viele jüngere Dresdner. Dafür sind die deutschen Impressionisten aus der Galerie des 19. Jahrhunderts herübergenommen worden, und die älteren Dresdner haben sich ausgebreitet, Sascha Schneider, Zwintscher, Bantzer, dann Richard Müller, Gußmann Rößler, Dreher, Dorsch, Feldbauer, Lührig, Unger, L. v. Hofmann, Hettner. Von den jüngeren Dresdnern sind nur wenige geblieben. Dafür ist aus dem Magazin manches fast vergessene Bild wieder aufgetaucht, von Schindler «Im Kunstlampenschein», v. Zügel «Auf dem Heimwege». Aber es wird einem nicht wohl bei dem Besuche, das Ganze wirkt etwas verstaubt und willkürlich. Vom Geiste einer jungen und revolutionären Bewegung ist nichts zu spüren. So geht es also auch nicht. Wohin geht der Weg? Viele warten im Interesse der Kunst auf eine Klärung und wünschen, daß sie bald kommen möge.
J. L."