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Brief von Raoul Hausmann an Elfriede Hausmann. Hamburg
  • Repro: Anja Elisabeth Witte
    • Raoul Hausmann (1886 - 1971)

  • TitleBrief von Raoul Hausmann an Elfriede Hausmann. HamburgBriefkopf: Hotel Phönix, Hamburg 5, Am Hauptbahnhof
  • Date21.03.1914
  • CategoryKorrespondenz
  • ClassificationBrief
  • MaterialPapier, handgeschrieben, Tinte
  • Amount1 Blatt, 1 Umschlag
  • FondsTeilnachlass Raoul Hausmann
  • Inventory NumberBG-RHA 34
  • CreditlineErworben aus Mitteln der Senatsverwaltung für Kulturelle Angelegenheiten, Berlin, und Spendenmitteln, 1991
  • On DisplayNo
Transcription / Description
Additional Reproductions

»Hamburg 5, den 21. 3.1914
Liebe, heute ist der erste Tag, an dem weniger zu tun war. Du musst Dir denken, was es heisst: nicht fünf Minuten allein zu sein; mit Leuten andauernd zu verkehren, die einem höchst nebensächlich sind, etc. Wegen des frühen Aufstehens habe ich mit meinem Vater zusammen ein Zimmer. Nicht mal zu lesen kam ich. Also! - Ich habe mir hier ein paar Skizzen gemacht, vorgestern einen Blick auf die Alster bei Uhlenhorst 35x50 cm mit Tempera[1], es kann noch besser werden. Übrigens scheint mir Hamburg nur von der Alster aus schön zu sein. Ein paar ausgezeichnete alte Kirchen gibt es hier. Als Stadt ist es wohl eigentümlicher als Berlin. Aber die Menschen! - Fahren werde ich doch wohl erst Dienstag. - Was heisst: bin ich schlecht? Ich hatte wegen des Paletots nichts gesagt, weil ich mir dachte, dass es bischen leichtsinnig war; nachher hatte es sogar den Anschein, als hätte ich mich gründlich verhauen. Pepinski wusste, dass er's Maul halten sollte. - Geld habe ich für mich hier etwa 4 Mark ausgegeben, ausserdem habe ich eine Hosenpresse gekauft, die man des Regens wegen hier dringend braucht, 10 Mk. Dann hat mich ein Friseur geneppt, er fragte, ob er mich mit irgend einem Deubel einschmieren sollte, ich seggte ja, und hatte dann bums 5 Mk. zu zahlen. Den Krempel bring ich mit. (Die Friseure sind hier schlecht, 3 mal so teuer, und alle wollen einem special hamburger Zeugs aufreden.) Schweglers sind nicht sehr angenehm, ich habe es ihnen aber angetan; sie haben noch eine Nichte, die den ganzen Kram erbt, die hätte mich gerne geheiratet, wie sie mir heute sagten, mit dem Bedauern darüber, dass ich ja nun nicht „den schön An¬hang kriagn kan". Stelle Dir mich vor - als Gastwirtsschwiegersohn![2] Idee. Aber kannst Du Dir vorstellen, dass ich nicht viel schreiben kann, auch nicht anders, weil ich mich hier sonst nicht zurecht finde? - Heckel soll der Teufel holen; Überzeugungen eines kleinen Mädchens wegen verraten![3] Ich kann nicht anders, Gott helfe mir, amen.
Grüsse Vera. Dein [Lippen-Skizze]'[4]."

[1] Der Verbleib der in Hamburg entstandenen Skizzen und Bilder ist heute nicht mehr zu ermitteln. Zwar sind einige um 1914 zu datierende Arbeiten erhalten (vgl. Ausst.-Kat. Hausmann 1994, S. 20, 22, Kat. 1-3 und 24, S. 140-144), darunter jedoch keine Landschaftsdarstellungen. Eine Aufstellung in einem Notizbuch Hannah Hochs (BG-HHC H 326/79) über diejenigen Werke Hausmanns in ihrem Besitz, die sie ihm 1966 und 1967 zurückgab, verzeichnet lediglich eine in Hamburg entstandene Bleistiftzeichnung: »Kopf. gez. R. H. 1914 (Elfriede?) / Rückseite: derselbe Kopf gez. R. H. 1914 r. Hamburg«.
[2] Der Gastwirt Schwegler ist nicht mit dem Besitzer des Hotel Phönix identisch, der laut Briefbogen Fritz Hahn hieß. Vielleicht malten Vater und Sohn Hausmann Schweglers Restaurant aus (vgl. 14/1, Anm. 1).
[3] Bei den »Überzeugungen« Heckels ging es vermutlich um dessen Entscheidung, in der Freien Secession auszustellen. Bei dem »kleinen Mädchen« wird es sich um die damals 23jährige Siddi Riha gehandelt haben.
[4] Diese Skizze verwendete Hausmann oft als Schlußformel seiner Briefe, meist an Hannah Höch (Abb. in: HHE 1, S. 139), ab 1922 auch an Hedwig Mankiewitz.