Results:  1

Von der Macht des Dollarkurses, dem Barometerstand, den Butterpreisen und eines Menschenherzens Elend [Berlin und Prerow,  April - August 1922]
  • © Berlinische Galerie, Berlin / VG Wort, München
  • Repro: Anja Elisabeth Witte
    • Raoul Hausmann (1886 - 1971)

  • TitleVon der Macht des Dollarkurses, dem Barometerstand, den Butterpreisen und eines Menschenherzens Elend [Berlin und Prerow, April - August 1922]
  • Date[04.1922 - 08.1922]
  • CategoryManuskripte
  • ClassificationTyposkript
  • MaterialPapier, maschinengeschrieben
  • Amount6 Blatt
  • FondsTeilnachlass Raoul Hausmann
  • Inventory NumberBG-RHA 1257
  • CreditlineErworben aus Mitteln der Senatsverwaltung für Kulturelle Angelegenheiten, Berlin, und Spendenmitteln, 1991
  • On DisplayNo
Transcription / Description
Related Objects
Additional Reproductions

»Von der Macht des Dollarkurses, dem Barometerstand, den Butterpreisen und eines Menschenherzens Elend.

Heute ist mal ein schöner Tag, da macht ein Schriftsteller gerne so seine Betrachtungen. Der Einzelne ist nichts, die Masse ist alles, jedenfalls bei Sprichwörtern. Die Homogenität eines Volkscharakters zeigt sich eben in Sprichwörtern am besten; in England z.B. lebt ein Mensch wie der andere, man führt eine Massenexistenz, eine demokratische Uniformität regiert den Einzelnen und nivelliert ihn ein - aber die Formel dieses Lebenszustandes ist das Sprichwort. „It's lovely weather to day" sagt der Eine und der Andre braucht nur zu antworten: „Yes" oder „Indeed" und man hat sich etwas von allgemeinstem Interesse mitgeteilt, man hat Teil am öffentlichen Wohl, genau so, als ob man lange über russische Politik, die irische Frage, oder den Stand der Valuten gesprochen hätte. „It's lovely weather to day" dies ist eine Zauberformel, ein magisches Stichwort, auf das unfreundlich, uninteressiert oder garnicht zu reagieren vollkommen unmöglich sein würde. Der Einzelne hört dies „It's lovely weather to day" 317 mal des Tages, er hört es vom Zeitungsverkäufer, vom Schuhputzer, vom Verkäufer im Hemdengeschäft, er hört es von Fremden, von Bekannten an den möglichsten und unmöglichsten Orten, und er antwortet stets gleichmässig „indeed" oder „yes", oder ein Wort, das ihm am richtigsten zuzutreffen scheint. „It's lovely weather to day" - das ist eine öffentliche allgemeine Angelegenheit, der man sich nicht entziehen kann und darf und das ist ein Niveau, auf dem sich stets alle befinden, ein Niveau von einer edlen und schönen Verbindlichkeit, unter das man nicht hinabsinken sollte, ohne sich geradezu zum Deklassierten, zum Eigenbrödler oder zum Verbrecher zu stempeln. Eigentlich schliesst dieses „It's lovely weather to day" jede Vereinzelung von vornherein aus. Man überlege sich nur gründlich, wie verbindlich, wie wohltuend und wie angenehm es ist, mit diesem fröhlichen Hinweis überall empfangen zu werden, etwas gegeben zu bekommen, das einen, sollte [man] schon Sorgen besitzen, unbedingt aufhellen und erheitern muss - und, was das Wesentlichste dabei ist, man hat eine Formel zur Antwort, ein einfaches, klares Ja, oder Indertat, man empfängt und gibt ein kleines Geschenk - an einem schönen englischen Tage ist Jedermann mit Jedermann in ganz England verbunden durch dieses geflügelte Wort. „It's lovely weather to day". Wie köstlich... doch an dieser Stelle wurde das Wetter In Deutschland so schlecht, die Konferenz von Genua trat in ein so missliches Stadium, der Dollar fiel und der Dollar stieg so abwechselnd, dass es atmosphärisch unmöglich war, noch an dieses englische „It's lovely weather to day", oder wie man auch, noch kürzer und treffender sagt: „It's fine to day" - (denn „in der Kürze liegt die Würze") - nur zu denken. Es war gerade einen Tag nach dem Proteststreik der Städtischen Arbeiter und Angestellten, das Gas brannte in Berlin, in Charlottenburg brannte es nicht, der elektrische Strom versagte in Charlottenburg, dafür aber hatte man in Berlin genügend davon; Strassenbahnen fuhren nicht. An diesem Tage gab es gegen Abend zweimal je einen Wolkenbruch, am darauffolgenden Tage, an dem der Dollar nur mehr 288 stand, begann gegen Mittag ein schweres Gewitter-ja, wie könnte unter solchen Umständen eine Mehrzahl, eine Masse anhören wollen, dass man dieses Sauwetter, diese ganze miesse Lage ausserdem, in England „It's lovely weather to day" oder „it's fine to day" heisst? Der Schriftsteller, der mit einer Watermann fountain schreibt und ganz den Gefühlen der Mehrzahl hingegeben ist, bringt es nicht über das Herz, seinen vor 3 Wochen begonnenen Sermon „It's lovely weather to day" fortzusetzen, obzwar er sich zu diesem Behufe an einem Bücherwagen ein altes Buch von dem noch älteren Kant kaufte, erstens, weil er bildungsbegierig ist, zweitens weil er Kant nur vom Hörensagen kennt, drittens, weil das Buch sehr billig war - es kostete nur 2 Mark, das macht am heutigen Tage 35 tschechoslowakische Heller aus - und viertens, weil er für seine Betrachtung der deutschen Volksseele, in Sprichwörtern ausgedrückt, verwenden zu können glaubte. Das Buch führt den Titel „I. Kant, von der Macht des Gemüts durch den blossen Vorsatz seiner krankhaften Gefühle Meister zu sein." Hier aber fällt dem Schreiber dieses bei, dass er vergessen hat, das heutige Datum zu nennen: es Ist der 5. Mai 1922. Am Abend stand der Dollar nurmehr 284, das Wetter war schön geblieben, Lloyd George war für eine Annäherung an Russland, und nur der „Vorwärts" schimpfte noch auf die kommunistischen Zerstörer - Berlin war ganz in Ruhe gehüllt, die Strassenbahnen fuhren, die Arbeiter und Angestellten arbeiteten und die Schieber sassen im Vorgarten des Edenhotel und von Kranzler, wie der Autor auf einem Spaziergange feststellen konnte; sie lebten nach dem Grundsatz „alles man halb so schlimm" und „Puppchen, willste mitkommen?" Unterwegs fiel dem Schriftsteller wieder einiges ein, (wie das so mit dem Denken eben geht - es geschieht nur von Zeit zu Zeit) - und er schrieb auf eine Visitenkarte: die Menschen haben immer sehr viel Mut, sie haben den Mut zu einer endlos langen Kette von Feigheiten und letzten Endes hat auch der Schriftsteller nur den Mut zur Feigheit - er schreibt ein Buch, statt den Leser zu töten. Diese Erkenntnis kam dem Verfasser erst an dem Tage, an dem er sich das erstemal überlegte, was wohl in dem Buche des alten Kant stehen könnte, und ob für die heutige Menschheit auch nur der geringste Nutzen daraus zu ziehen wäre. Alte Bücher haben manchmal ihre Vorteile, besonders, wenn man sie noch nicht gelesen hat; man kann sich dann z.B. wunderbar im Sinne ihres Titels benehmen. Der Schriftsteller bekam durch den gewichtigen Wohlklang des Satzes „von der Macht des Gemüts durch den blossen Vorsatz seiner krankhaften Gefühle Meister zu sein" die Fähigkeit und den Anlass dies in seiner Art und in seinen speziellen Umständen, die misslich genug erscheinen wollten, wirklich und wahrhaftig zu tun - er vollbrachte eine für ihn wertvolle Tat, er gewann den vollen Frieden seiner Seele und seines Gemütes - es war am nächsten Tage, dem 6. Mai so schönes Wetter, dass er beschloss, „it's fine day to day" nicht bloss zu denken oder zu sagen, sondern es auch für sich gewiss zu machen durch den Augenschein, durch die eigene Wahrnehmung. Aber es würde zu weit führen, wollte der Schriftsteller seine Eindrücke dieses „It's lovely weather to day" eingehend und vom Hauptthema abschweifend schildern - der Verfasser ist nach einem durchwanderten Tage müde und legt sich mit dem Vorsatz zu Bett, in den folgenden Tagen den Zusammenhang der Volksphilosophie der Sprichwörter mit der hohen Philosophie, mit dem tiefsten des deutschen Geistes, mit Immanuel Kant zu studieren und demgemäss das Büchlein zu lesen, um dem Leser die Resultate seiner Untersuchungen mitteilen zu können.
14. Mai.
Es ist heute Sonntag und gestern war Sonnabend, das war der 13. Mai - der dreizehnte ist bekanntlich ein Unglückstag und an solchen Unglückstagen oder kritischen Tagen kann und soll man nichts unternehmen, am wenigsten denke man über Sprichwörter nach. „Aufgeschoben ist nicht aufgehoben", die bewahrheitete sich auch hier, es ist ein gutes, wahres demokratisches Wort, es ist behaglich, gebildet, es schmeckt dem geistigen Ohr ganz anders als das völkisch-grobe „Morgen, morgen nur nicht heute, sagen alle faulen Leute", aus dem man erfahren kann, wie radikal die gewöhnlichen Menschen sind. Sie können sich nichts recht behagliches, nicht nachgiebiges vorstellen, alles wird unbedingt sofort gefordert, beinahe wie in der Heiligen Schrift, wie jener aufrührerische Anarchokommunist Jeshua, der sagte „Deine Rede sei Ja, Ja, Nein, Nein, was darüber ist, ist vom Übel - das kann man aus dem verflixt hebräischen ins Deutsche nur so übersetzen „Auf einen groben Klotz gehört ein grober Keil" und so wenden wir uns denn nach dieser Feststellung wieder der Tatsache zu, dass es auch heute kein „It's fine day to day" gibt und dass gerade die Eisheiligen regierten, ganz abgesehen von der Eisesluft, die von der Genueser Konferenz her uns anbläst. Gestern hiess es überall „Das Ende von Genua", „Tschitscherin ein unentwegter marxistischer Doktrinär mit leeren Händen", „die blödsinnige und perverse Diplomatie der Russen" - was daran wahr ist, werden wir heute abend erfahren, Herr von Gerlach wird es uns in der „Welt am Montag" ganz frisch von der Leber weg verkünden; oder sollte dieser adlige Bürgersmensch es etwa vorziehen, statt über Lloyd Georges Tochter und über das heftige Fressen der Deutschen beim russischen Bankett doch lieber über den Fall jenes Dr. Anspach zu raisonnieren, der garkein „Dr." war der jedenfalls nur wenig mehr war, als ein entlaufener Lauseprimaner von ziemlicher Dämlichkeit, die jedoch so sehr der bürgerlich-demokratisch-politisch-diplomatischen Cerebritis ganz Europas entspricht, dass er tatsächlich die Politik der Westmächte beeinflussen konnte?!? Nun, wir werden es erleben; inzwischen wollen wir darüber nachsinnen, wie wir den Rat des alten Kant befolgen, durch den blossen Vorsatz oder „wie werde ich energisch" dem Leser zu übermitteln - wenn wir nicht doch dächten, dass wir auch damit warten, bis eine echte Theosophin, Ms. Katherine Tingley über die bessere Erziehung der Menschenrasse und die Schlüsselfrage des Weltelendes gesprochen haben wird, morgen Abend im Beethovensaal zu Berlin, unter Mitwirkung von Studierenden der Point Loma Universität, Eintritt frei. Demnach verspricht der Montag, der 15. Mai ein Tag von grosser Wichtigkeit zu werden. Nebenbei gesagt, zahlt man auf der Reichspost für 100 Kr.c. 611 Mark, während der Kurs 578,00 steht; der Dollar 289! Ein Pfund Butter kostet 62 Mark.
26. Juni.
Rathenau ermordet; wird der Dollar steigen?
2. August.
Es war mit dem Rathenau genau wie mit dem Tingleytangel nichts; noch weniger mit der Welt am Montag. Der Autor fuhr inzwischen an die See, die Seele Puffkes in Pommern zu studieren. Dort sagte ein Mann: ach Quatsch, Koppwaschen! Im Winter hält der Dreck warm und im Sommer platzt er ab, da mach' ich Kniebeuge! Aber die Butter war national und folgte dem Dollar nicht ganz. Sie kostet unentwegt 110 Mk, der Dollar aber fiel von 505 auf 503 und dann stieg er auf 670 und nach 24 Stunden auf 780! Das kann kein Mensch mehr mitmachen. Pommern ist national gesinnt und die Frage wird dort jeden Tag an Badegäste gestellt: Haben Sie das Buch schon gelesen, „Sind die alten Germanen Juden gewesen?" von Jesus Blüher, einem Homosexuellen, der später als Blaustrumpfdeflorator dem deutschen Volke hinten hineinkroch, wie er erst dem Juden Hiller hinten rein ins „Ziel" (buch) kroch...das sind böse Sachen. Aber, Beene müssen sind, deshalb gehn sie lieber mit dem Popo! Sie sind ja doch kein Charlie Chaplin, der Mozart mit den künstlichen Plattfüssen! Der Dollar 880!
11. August. (Nationalfeiertag)
Seit zwei Tagen bin ich in einem kleinen Nest, Prerow heisst das Dings, es sollte sehr billig sein. Der Dollar soll, so sagt man hier schon mit 1000 gehandelt werden - die Butter kostete gestern 140 Mark, heute aber 170! Einhundertsiebenzig Mark ein Pfund Butter! Ist es denn nicht zum rasend werden? Wo soll das noch hin? Mit dem Satz: „It's lovely weather to day" kommt man hier zu Lande, d.h. zur See auch nicht weiter - es regnete und goss; der Barometer steht zwar 773 mm, so hoch, wie er in diesem Ort noch nie gestanden haben soll - was hilft dös aber alles! Auch mit dem alten Kant bin ich nicht mehr zu einem Resultat gelangt, im Gegenteil, ich habe ihn garnicht mal lesen können - zum Deibel mit allen Idealen. Der Zucker bereits 50 Mark, ein Ei 11 Mark, Chokolade jeden Tag um 3 Mark die Tafel teurer - nein, das Leben macht keinen Spass mehr und alle Vorsätze, durch die blosse Macht des Gemüts seiner krankhaften Regungen Herr zu werden, sind umsonst. Überhaupt, was soll hier Philosophie, was soll hier der Volksgeist in Sprichwörtern, was jede ideale oder ästethische Regung und Untersuchung - wir gehen unter. Ich mag ein Schicksal, wie das Österreichs, nicht mehr mit ansehen oder miterleben. Mögen die Feinde triumphieren, mögen meineswegen in Deutschland Treu und Glauben in die Brüche gehen, es soll mich nicht mehr kümmern. Heute Nacht werde ich in die See gehen und dieses irdische Jammertal verlassen. Die Aale werden mich fressen - ich aber will und werde dann nicht mehr wissen, wie teuer man sie nach meinem Tode verkauft. Nur ein Vermächtnis hinterlasse ich meinem Volke, es ist das Sprichwort: „Wie man sich bettet, so liegt man". Und damit Gott befohlen. Mein Himmel, der Dollar 795! statt 1000 und doch alles so teuer! Ach nur Ruhe, Ruhe, nur eine Viertelewigkeit der Ruhe!! Auf meinem Todesgange verwechselte ich schon den Barometerstand mit dem Dollarkurs - ich weiss garnicht mehr, ist das Wetter 170 Mark oder der Dollar 773 Millimeter und die Butter 880 Mark oder umgekehrt - nein, nein, ich muss schnell machen, sonst werde ich noch vorher irrsinnig! „Harre aus, meine Seele im Sturmgebraus" - mit diesem Liede auf den Lippen will ich sterben.«