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Das Photo-Auge. [Vermutlich Berlin]
  • © Berlinische Galerie, Berlin / VG Wort, München
  • Repro: Anja Elisabeth Witte
    • Raoul Hausmann (1886 - 1971)

  • TitelDas Photo-Auge. [Vermutlich Berlin]
  • Datierung[vermutlich 1931]
  • GattungManuskripte
  • SystematikManuskript
  • MaterialPapier, handgeschrieben, Tinte
  • Umfang3 Blatt
  • KonvolutTeilnachlass Raoul Hausmann
  • InventarnummerBG-RHA 1510
  • CreditlineErworben aus Mitteln der Senatsverwaltung für Kulturelle Angelegenheiten, Berlin, und Spendenmitteln, 1991
  • AusgestelltNein
Transkription / Beschreibung
Weitere Abbildungen

»Das Photo-Auge.

Was das ist? Nichts weiter, als Ihr eigenes Auge, geschätzter Leser. Warum wir Ihr Auge so nennen? Weil wir hoffen, Sie photographieren nicht nur so einfach, was Ihnen über den Weg kommt, sondern Sie photographieren mit Überlegung, Auswahl und sicherem Blick. Der sichere Blick - ja, hier fängt die Schwierigkeit an. Mancher besitzt ihn von Geburt, andere besitzen ihn nicht, glauben aber, ihn zu besitzen; wieder andere sagen sich: was soll ich das erst lernen, das ist sicher was Langweiliges, wozu, warum, und so. Aber wir sagen Ihnen: der sichere Blick, die Fähigkeit, blitzschnell eine günstige Beleuchtung für ein Gesicht, einen Vorgang, die sofortige Erfassung der Grössenverhältnisse, des Bildraumes, des Ausschnittes, oder andrerseits die selbständige Anordnung von Personen oder Dingen bei einer künstlichen Lichtquelle, die gutgewählte Verteilung von Licht und Schatten; oder wieder die Originalität einer Bewegung, einer Form, kurz die treffende Einmaligkeit herauszufinden, die erst den Wert eines Photos ausmachen, jedenfalls ihn wesentlich steigern: diese Fähigkeit ist alles. Wer diese Fähigkeit besitzt, der hat ein Photo-Auge. Der Sinn und Wert einer Photographie liegt nicht in der Idee, der Vorstellung, nicht im „Motiv", sondern im Gesehenen. Also so: denken Sie nicht, das müsse ein schönes Bild ergeben, wenn Sie zum Geburtstag von Onkel Karl ihn hinsetzen, den einen Arm auf dem Tisch, den Kopf in die Hand gestützt, die andere auf der Hüfte, und dann macht Onkel Karl ein Doppelkinn, weil er doch so was von Bismaark hat, dazu blickt er finster drein. Photographieren Sie Onkel Karl lieber ganz schlicht und einfach, aber nicht in einer zurechtgerückten Pose - na Sie kennen ihn doch schon lange genug, er ist doch dreissig Jahre lang Ihr Onkel und es muss Ihnen nicht schwerfallen, seinen Charakter in einer ihm eigentümlichen Haltung, einer Bewegung, einem Ausdruck in den Augen, um den Mund, einer ihm allein gehörigen Kopfhaltung, im lässigen Liegen seiner Hände zu erfassen. Und bitte: ganz einfaches Licht! Sehen Sie, das ist kein Motiv, aber es wird ein gutes Bild werden. Denken Sie sich auch nicht, dass es gut aussieht, wenn Sie ein Stilleben aufnehmen, dass Sie da einen Damenschleier, einen Handschuh, ein Hühnerei, eine Brille von Grossmutter und eine halbaufgegessene Sprotte zusammenstellen - das ist vielleicht für einen Groschenheftroman ganz gut, aber kein gutes Photo.2 Mehr Sachlichkeit! Sehen Sie sich an, wie Pressephotographen arbeiten, wie viel Beobachtung, Schnelligkeit, Wahrnehmen der besten Anordnung des Gegenstandes im wechselnden Licht, im Raum da aufgewandt ist, um zum Ziel: gutes Photo, zu führen! Versuchen Sie das stets auch: nicht Vorstellungen, nicht „Motive", nichts Erzählendes ist photographisch gut und schön, wenn nicht das Eigentümliche der Formen eines Gesichtes, von Händen, von Tieren, von Bergen und Wasser gesehen ist: gut, scharf, richtig und sachlich gesehen ist. Das Auge sieht, das Photo-Auge sichtet und wählt das Gesehene. Kontraste können hier manchmal erwünscht sein: vielleicht wird man mal einen Bauer mit seinem Gespann beim Pflügen so aufnehmen, dass nur wenig Erde, nur klein der Mensch und die Tiere gezeigt werden vor einem schwerbewölkten Herbsthimmel: das kann gut und richtig sein, aber, es muss wirklich gesehen sein und nicht zum Prinzip werden. Weiche, verschwommene Photos sind für unseren Geschmack unschön: mal kann man ein Gesicht, eine Person im Profil dunkel, weich, halbdeutlich gegen einen hellen Hintergrund photographieren, das kann seine Reize und Berechtigung haben - aber es darf nicht Manier werden. Photographieren Sie mit Verstand, und Sie haben ein Stück Selbstdisziplin geleistet. Das Photo-Auge, das wir Ihnen wünschen, das wird entwickelt aus Beobachtung, aus Sicherheit und aus Ruhe: drei Dinge, die Niemand geringschätzen darf.«