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[Man müsste zeigen, wie der „Konstruktivismus"]. [Vermutlich Berlin oder Kampen/Sylt]
  • © Berlinische Galerie, Berlin / VG Wort, München
  • Repro: Anja Elisabeth Witte
    • Raoul Hausmann (1886 - 1971)

  • Title[Man müsste zeigen, wie der „Konstruktivismus"]. [Vermutlich Berlin oder Kampen/Sylt]
  • Date[vermutlich 1927]
  • CategoryManuskripte
  • ClassificationManuskript
  • MaterialPapier, handgeschrieben, Tinte, Bleistift
  • Amount3 Blatt
  • FondsTeilnachlass Raoul Hausmann
  • Inventory NumberBG-RHA 1617
  • CreditlineErworben aus Mitteln der Senatsverwaltung für Kulturelle Angelegenheiten, Berlin, und Spendenmitteln, 1991
  • On DisplayNo
Transcription / Description
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Additional Reproductions

Rückseiten von drei Manuskriptseiten des im Dezember 1926 begonnenen Romanentwurfs Nacht und Tag.

»Man müsste zeigen, wie der „Konstruktivismus", eigentlich ein Axiom des 19. Jahrhunderts, vertreten wird gerade durch Angehörige von Völkern, die abseits der technischen Entwicklung stehen. Entstanden in Russland während des Krieges, aufgenommen hauptsächlich von den Ungarn, ergab sich eine Parallelbewegung gerade in Holland, dem Land der Nüchternheit. Die Setzung des Quadrats als gewissermassen sociales, d.h. „geheiligtes" Symbol hat garnichts mit unserer Zeit zu tun, in der die Biologie die Unbegrenztheit sogar der Zelle nachweist und in der die Einsteinsche Relativitätstheorie sowie die Vaihingersche „Als-Ob" Philosophie auftaucht. Das Quadrat ist = Granit = Unveränderlichkeit. Die moderne Seele, deren Beziehungen zur Grossvaterseele des 18. Jahrhunderts Joel andeutet, ist alles andre als Granit. Das Quadrat, der „Konstruktivismus" ist die mit scheinbarem Eisen versteifte Überkompensation einiger stark neurasthenischer Gehirne, die noch im technischen Überheblichkeitsimperialismus des 19. Jahrhunderts wurzeln und total unzeitgemäss sind. Bauhaus, Mondrian, Tatlin, Malewitsch sind retrospektiv überbalancierte „Künstler" die schon vor der Tatsache, dass es kein konstruktivistisches Automobil geben kann, bedeutungslos werden.'' Konstruktivismus ist so wenig Konstruktion, wie etwa Phantastik Phantasie ist. Das soll nicht heissen, dass ein Haus, ein Raum nicht am praktischsten ein Kubus ist, aber ein Rad ist rund und nie viereckig. Ein Stuhl ist nicht seiner Form wegen da, es ist belangslos ob er „konstruktivistisch" ist er muss zum sitzen konstruiert sein. Der Menschliche Körper besteht aus vielfachen Loxodromen und garkeinen Quadraten. Er kommt zwar in einen Sarg, aber er würde nicht gern in ihm sitzen. Der „Konstruktivismus" ist ein Sarg. Ein Anzug, ein Kleid widerlegt den ausgeklügelten Formalismus des Konstruktivismus. Aber ein Haus, ein Tisch ein Stuhl sind genau so wenig ein Kunstwerk wie ein Anzug, ein Gehirn, ein Auto, sondern Gegenstände des praktischen Bedarfs, die bequem und körperliche Umstände ersparend sein müssen. Das Korsett ist der Vorläufer des „konstruktivistischen" Stuhls des Bauhauses oder des Rietveldschen Stuhls. Mit farbigen Rechtecken bepinselte Wände sind genauso „unorganisch" wie solche, die Tiepolo bemalt hat. Der ganze „Konstruktivismus" ist ein barbarisches Missverstehen der Ingenieursarbeit und höchstens als kunstgewerblicher Reklamestil (Jugendstil in Quadraten) zu betrachten. Jede technische Konstruktion muss sinnvoll sein - das Aneinanderreihen oder Ineianderschachteln von Quadraten ist sinnlos, funktionslos.«