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Brief von Raoul Hausmann an Grete Höch
  • Repro: Anja Elisabeth Witte
    • Raoul Hausmann (1886 - 1971)

  • TitelBrief von Raoul Hausmann an Grete Höch
  • Datierung31.1.1917
  • GattungBrief
  • SystematikKorrespondenz
  • MaterialPapier, handgeschrieben mit Tinte
  • Masse21 x 16,3 cm (Blattmaß)
  • Umfang3 Blatt (5 Seiten)
  • KonvolutNachlass Hannah Höch
  • InventarnummerBG-Ar 14/98,3
  • CreditlineSchenkung aus Privatbesitz, 1998
  • AusgestelltNein
Transkription / Beschreibung
Weitere Abbildungen

"31.1.1917
Du Liebe, ich schreibe Dir hier nur, dass Hannah keinen Brief von Dir erhalten zu haben scheint, sie erwähnte mir gegenüber nichts. Ich sende Dir hier auf ein paar Blättern a̲l̲l̲e̲s̲ was es über die Grundbeziehungen ernsthaftes gibt: von Otto Gross schrieb ich Dir ab 'der Konflikt des Eigenen und FremdenTT, das halte ich für so gut und klar, wie nichts anderes, und dann noch drei Stücke von mir, damit vergleiche noch einmal 'der Mensch ergreift Besitz von sich', besonders: schon im ältesten Indisch heisst es, und: die Frau schwieg von Anbeginn. - Eben darum, weil es seit 5000 Jahren nur Gewalt und einseitige Herrschaft gab, keine Einsicht vorhanden war, der Mensch ganz n̲e̲u̲ werden muss, nannte ich mein Manuscr. Der Mensch ergreift Besitz von sich. Mit der Einsicht in die Grundbeziehungen der Geschlechter geht Hand in Hand die Einsicht: Gott ist höchstens symbolisch :Vater:, er ist aber in Wahrheit i̲n̲ uns. Alle Symbolik ist aber h̲a̲l̲b̲ hier, darum Lüge. - Schreibe mir doch, ob ich Dir etwas helfen konnte. -
Mit der Frau Stern warte bitte noch. Hannah müsste mit einer ganz reifen, befreiten Frau (wie ich keine weiss) oder - mit Dir sprechen. Deinem Herzen habe ich vertraut, bevor ich Dich kannte. Von anderen Frauen aber würde Hannah, abgesehen davon, dass sie Ihnen nicht weit genug vertrauen würde, nur in den gesellschaftlich-bürgerlichen Widerständen bestärkt werden. Ich habe n̲i̲c̲h̲t̲s̲ persönlich gegen Frau Stern - aber sie cheint mir jetzt nicht die Rechte. Später ja. -
Heute hat mich Hannah wieder mal hinausgeworfen, Sie urteilt mich immer moralisch ab, ohne mich ausreden zu lassen oder mich verstehen zu wollen. Da erlaubte ich mir, sie an ihre Versprechen von Freitag, der letzten Versöhnung her, zu erinnern. Dass sie einmal versuchen wollte, nicht Abscheu gegen mich zu haben, wegen nichts, und sich zu überwinden, bei mir bleiben zu wollen, statt 'die Türen zu verschliessen'. Aber sie ist verächtlich gewesenund w̲i̲l̲l̲ auch nicht hören. Ich habe ihr jetzt kurz geschrieben, sie solle sich 14 Tage besinnen. Ich will Dich nun sehr bitten, Gute, unternehme vorläufig nichts - ich glaube ja kaum, dass es mit uns noch weiter geht, ich werde alles versuchen - aber unter Umständen muss ich es aushalten können, Hannah ein paar Monate allein zu lassen, damit sie erst mal wieder mit ruhigerem Kopf mich ansieht. Das wird mir weiss Gott nicht leicht werden, aber vielleicht muss man sie mal eine Weile sich selbst überlassen.
Wie stark bei ihr der quälerische Trieb ausgebildet ist, sollst Du daran sehen, dass ich Dir sage: zuerst, vor einem Jahr, habe ich aus Verzweiflung, weil ich am Zerreissen war mich selbst verletzt. Später [Später], wenn es mal ganz schlimm wurde und sie mich Stunden und T̲a̲g̲e̲ nicht hören w̲o̲l̲l̲t̲e̲, ein Stein war - habe ich sie manchmal geschlagen ich schäme
mich
aber
und das wirft sie mir jedesmal vor und benutzt es als Vorwand. Manchmal halte ich das Stunden und Tage aus, und dann gibt sie nach - sie versucht aber jedesmal, mich bis zum Äussersten zu reizen und zu beleidigen. -
Wirst Du mich nun verachten? Willst Du mich auch dann, wenn Hannah mich nicht mehr will, etwas Freund bleiben?
R."