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Brief von Raoul Hausmann an Grete Höch
  • Repro: Anja Elisabeth Witte
    • Raoul Hausmann (1886 - 1971)

  • TitelBrief von Raoul Hausmann an Grete Höch
  • Datierung11.4.1917
  • GattungBrief
  • SystematikKorrespondenz
  • MaterialPapier, handgeschrieben mit Tinte
  • Masse19 x 14,5 cm (Blattmaß)
  • Umfang1 Doppelblatt (4 Seiten)
  • KonvolutNachlass Hannah Höch
  • InventarnummerBG-Ar 14/98,9
  • CreditlineSchenkung aus Privatbesitz, 1998
  • AusgestelltNein
Transkription / Beschreibung
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"11. April 1917
Liebe, Gute, ich danke Dir für Deinen Brief. Nun habe ich Hannah noch einmal zu mir gezwungen, direkt zwingen müssen! Ich hatte ihr einen Brief geschrieben, ganz kurz, bat sie, mir zu verzeihen, aber auch den Grund meiner Erregung zu verstehen - sie solle zu mir kommen. Sie kam auch, war aber sehr hässlich, sagte, sie möchte sich dafür, dass sie gekommen sei, anspucken - nun, ich war lange gut zu ihr gewesen, da aber musste ich ihr sagen, dass sie nicht schrankenlos jeder Regung nachgeben dürfe - sie müsse fühlen, dass sie immer wieder mich auf die Probe stellte, versuchen wollte, wie weit meine Güte reich, dass sie Wesentliches falsch machte, sie aber fing da an, ich sähe immer alles falsch, sie hätte sich geprüft usw. - ganz kalt und böse. Da sprach ich dann, im Atelier auf und ab gehend, lange zu ihr, darüber, dass sie sehen müsste, dass sie mit ihrem schrankenlosen 'Verachten' 'Misstrauen' 'Sichersein' immer nur sich verschleierte, dass sie mich dahin haben wollte, an der Grenze meiner Ruhe angelangt, an ihr schuldig zu werden - dass bei ihr Wesentliches schon deshalb nicht richtig sein müsse, weil sie stets alle meine Güte umwandeln wolle - in Böses - sie dürfe nicht glauben, dass ein Mensch e̲n̲d̲l̲o̲s̲ gut sein könne, dürfe! Sie stolpere immer über ihr Vordergrund-Ich, ohne ihr tieferes Ich zu Worte kommen zu lassen - das Verantwortungsgefühl dem Andern gegenüber achte sie nicht. Ich sagte, ich sei kein Engel - aber trotzdem dürfte ich garnicht mal w̲o̲l̲l̲e̲n̲, alles an ihr hinzunehmen, gut zu finden, sie in ihrer 'Sicherheit', ihrem 'Recht' lassen - ich weiss nicht mehr alles. Aber sie kam dann. Und ist gut. - Aber das war das letztemal, dass ich das fertig brachte. Beim nächsten Mal werde ich, (wenn es schlimm wird,) doch zu ihr sagen müssen: wir wollen uns trennen - bis du mich wieder brauchst.
Wie geht es Dir? Ich versetze Dich durch meine Briefe in so grosse Unruhe - aber allein weiss ich garnicht mehr, was tun. Ich weiss, Du willst mir helfen, auch Hannah gegenüber, schweigen; darum darf ich Dir doch schreiben!
Hier was Neues. 7. April 17.
Der Mensch; wühlt, gräbt, analytisch, psychologisch; negiert, will erkennen: glaubt tiefer hinein, ganz hinunter; alles aufgelöst. Er fördert winzige Teile “Tatsachen“. Denkt, sucht, gräbt. Weiter. Übersicht geheimen Zusammenhang, Aneinandergleiten, Aufbauen, seiner geförderten 'Teilchen'. Übersieht Klang, Wirkung, Wucht. Staunt ungläubig. Ohne 'Verständnis', sieht: Neu! Will hassen; nicht 'seine' Arbeit, 'seine' Resultate - Hasst. Neu. Ward Geburt Unscheinbarem. Mensch, glaube! Liebe! Gruss R"