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Brief von Raoul Hausmann an Grete Höch
  • Repro: Anja Elisabeth Witte
    • Raoul Hausmann (1886 - 1971)

  • TitleBrief von Raoul Hausmann an Grete Höch
  • Date15.7.1918
  • CategoryBrief
  • ClassificationKorrespondenz
  • MaterialPapier, handgeschrieben mit Bleistift
  • Dimensions28,5 x 22,5 cm (Blattmaß)
  • Amount4 Blatt (4 Seiten)
  • FondsNachlass Hannah Höch
  • Inventory NumberBG-Ar 14/98,13
  • CreditlineSchenkung aus Privatbesitz, 1998
  • On DisplayNo
Transcription / Description
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"15. Juli 1918
Liebe Grete verzeihe, dass ich auf der Rückseite eines Manuscriptes schreibe, aber ich habe leider kein Papier zur Hand. - Willst Du mir einen ganz grossen Dienst erweisen? Du weisst, dass ich im März bis Mai 6 1/2 Wochen von Hannah getrennt war, und dass sie wiederkam, weil ich Manches eingesehen hatte. Leider aber nicht genug. Nun ist vor 12 Tagen wieder etwas passiert, und Hannah ist irgendwohin gefahren, wie Danilo heute durch sie erfuhr. Ich will dazu nur sagen, dass ich krank war, und nicht so beherrscht blieb, wie ich es wünschte. Darf ich Dir sagen: Hannah und ich sind dazu ausersehen, den schwersten Kampf, den um die Befreiung von Mann und Weib von den Kindheitscomplexen und der Proteststellung aus der Familienatmosphäre bis zu Ende als Erste durchzukämpfen, und zur Auflösung zu bringen. Bis jetzt habe ich Vieles erkannt, was Andre noch nicht gesehen haben, aber, wie Haruiah einmal schrieb, ich bin noch zu schwach, danach zu: leben. Heute sehe ich nun, gerade durch das Vorgefallene, dass bei mir selbst durch das viele theoretische Erkennen und durch die von Hannah gewonnene Einsicht Ihrerseits und Ihre grosse Reinheit, dass ICH weniger in Ordnung bin, als ich glaubte. Dass bei jft die Minderwertigkeitscomplexe fortwährend in Aktion sind, und dass ich aus einer daraus resultierenden Unruhe im persönlichen Zusammenleben Hannah fortwährend falsch aufgefasst habe. Hannah hat viel erduldet - aber sie weiss von mir selbst, dass ich krank, neurotisch bin. Daraus möchte sie mir doch helfen Sie sagte selbst verschiedentlich, sie hätte mir viel zu verdanken - heute sehe ich, dass mit der Zeit, weil sie gereift und sicher geworden ist, kh der Unsichere und Kranke bin, der gerade an ihrer Reinheit zerbrach. Das Elend, das sie mit mir erlebte, ist doch aber nicht sinnlos - es hat mich jetzt begreifen lassen, noch tiefer als im April-Mai, was ich bin und was ich Hannah tue, und meine ganze Proteststellung. Ich habe immer noch geglaubt, der Stärkere zu sein - in Wahrheit habe ich mir alle Vorwürfe zu machen, die ich Hannah machte. Hannah hat mir zuletzt einmal geschrieben: es wäre ihr innerstes Gesetz, dass sie nur mit mir Eines sein könne
- ein Drittes gäbe es nicht - und ich habe mich um der Beziehungen zu E. Schaeffer lange gewhrt, das zu glauben. Aber heute erkenne ich, dass Hannah ein so reines, jungfräuliches und starkes Weib ist, dass ich nicht sie zu fUhren habe, sondern dass ich mich von ihr führen zu lassen habe. Sie hat inzwischen E. 5. kennen gelernt und versteht die Frau sicher nicht ganz richtig - aber das ist hier nicht wichtig. Alles Böse kam nicht von dieser Frau, sondern daher, dass ich immer zu dieser Frau gestanden habe - stehen musste. Aber das hat mein Sein Hannah gegenüber getrübt - leider tat ich es, weil es wunderbar gewesen wäre, wenn Hannah unbeeinflusst zu dieser Frau in Beziehungen getreten wäre. Aber da war ihre Liebe zu mir ein Hindernis, und dass böse Dinge vorkamen, hat sie noch mehr gegen die Frau eingenommen. Diese Frau ist aber so gut und menschlich, dass sie jetzt selbst sagt, sie müsse sich ganz von mir freimachen - damit nichts zwischen Hannah und mir stände. Und nun wird sie auf 2 1/2 Monate verreisen und wir mir nicht einmal schreiben. - Hannah gegenüber aber habe ich eine Beichte abgelegt - die liegt in ihrer Wohnung, ich lasse sie inständig bitten, sie zu lesen: ich begreife, dass sie Angst vor mir hatte, weil ich mir die aus dem Zusammensein mit E. 5. stammenden Hemmungen und meine leicht erregbaren Minderwertigkeitsgefühle nicht eingestand - eben doch “Mann“ blieb und immer annahm, wenn Hannah mir sagte, ich wäre böse gewesen und sie hätte mich ertragen, dass dies von Hannah Einbildung sei. Jetzt habe ich mich aber ganz durchschaut - und heute bin ich so weit, dass ich sehe, ganz klar: nur Hannah ist ffl Frau für mich. Und dass ich noch viel zu lernen habe - aber in Demut versuchen will, alles zu tun. Und Hannah‘s Freiheit zu achten. - Geliebt habe ich sie immer - aber in der letzten Zeit hat sie mich so sehr beunruhigt, wie ich heute weiss, aus meiner mir verborgenen Unsicherheit heraus - dass ich meine Fehler und den ganzen in mir steckenden Schmutz auf sie warf. Jetzt aber wird das nie mehr geschehen können. Ich will ihr folgen - ganz unsentimental sage ich, dass sie, SIE allein so rein ist, dass ich nur für sie leben will. An ihrem inneren Gesetz frei und stark werden will. - Sei ein Mensch - und schreibe ihr - tu‘s auch für sie, sie soll und darf nicht an mir verzweifeln. Sei gut und glaube, dass Du damit etwas Wertvolles tust, - sage ihr, dass ich jetzt weiss, was für eine Schuld ich habe. Schreibe ihr vielleicht, das was Du für wichtig hältst, ab. Ich flehe Dich an, zu glaube, dass unsere Beziehungen nichts mehr nur Persönliches sind. Schreibe ruhig Büsingstrasse 16. Gib mir eine kleine Nachricht. Gruss Raoul"