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[Technische Bemerkung zur Kunst]
  • © Berlinische Galerie, Berlin / VG Wort, München
  • Repro: Anja Elisabeth Witte
    • Raoul Hausmann (1886 - 1971)

  • Title[Technische Bemerkung zur Kunst][Rückseite des Briefs von Raoul Hausmann an Grete Höch vom 15.7.1918]
  • Date17.6.1918
  • CategoryManuskripte
  • ClassificationTyposcript
  • MaterialPapier, maschinengeschrieben mit handschriftlichen Korrekturen in Tinte
  • Dimensions28,5 x 22 cm (Blattmaß)
  • Amount4 Blatt (4 Seiten)
  • FondsNachlass Hannah Höch
  • Inventory NumberBG-Ar 14/98,30
  • CreditlineSchenkung aus Privatbesitz, 1998
  • On DisplayNo
Transcription / Description
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Additional Reproductions

"M̶a̶t̶e̶r̶i̶a̶l̶i̶e̶n̶ ̶d̶e̶r̶ ̶n̶e̶u̶e̶n̶ ̶K̶u̶n̶s̶t̶
Technische Bemerkungen zur Kunst
K̶ö̶n̶n̶e̶n̶ ̶a̶l̶s̶ ̶u̶n̶g̶e̶h̶e̶u̶r̶e̶ ̶S̶e̶l̶b̶s̶t̶r̶e̶t̶t̶u̶n̶g̶ ̶u̶n̶d̶ ̶s̶e̶i̶n̶e̶ ̶V̶e̶r̶t̶e̶i̶d̶i̶g̶u̶n̶g̶:̶ ̶o̶b̶j̶e̶k̶t̶i̶v̶,̶ ̶e̶s̶t̶e̶t̶h̶i̶s̶c̶h̶ ̶d̶i̶e̶s̶e̶n̶ ̶p̶l̶u̶m̶p̶e̶n̶ ̶V̶e̶r̶s̶u̶c̶h̶ ̶u̶m̶ ̶d̶a̶s̶ ̶D̶a̶s̶e̶i̶n̶ ̶z̶u̶ ̶k̶ä̶m̶p̶f̶e̶n̶ ̶e̶r̶w̶a̶r̶t̶e̶n̶ ̶S̶i̶e̶ ̶n̶i̶c̶h̶t̶ ̶v̶o̶n̶ ̶u̶n̶s̶.̶ Können gilt nicht; die abgeleitete Konvention stütze wer 4a—es will: zunächst erscheint uns das Leben komplett ein ungeheuerer Lärm, Spannung in Zusammenbrüchen, nie eindeutig gerichteten Expressionen, ein (wenn auch) belangvolles Anschwellen tiefer Belanglosigkeiten zu Gestalt ohne ethische Saltos auf schmaler Grundlage: Part dada ist der Stand ausser den Konflikten protesthafter Schöpferanmassung; Kunst, die beziehungslose Lüge einer quasi inneren Notwendigkeit bis zum Klamauk aufzeigend, Kunst hat niemals einen tieferen Sinn als den Unsinn feierlich genommener Selbstbepiegelung reiner Toren mit Einspielen tragischer Komplexverschränkungen. Der Maler malt wie der Ochs brüllt - diese feierliche Unverfrorenheit festgefahrener Markeure mit Tiefsinn vermengt ergab wichtige Jagdreviere besonders deutscher Kunsthistoriker. Die weggeworfene Puppe des Kindes oder ein bunter Lappen sind notwendigere Expressionen als die irgend eines Esels der sich in Oelfarbe ewig in endliche gute Stuben verpflanzen will. Die unklar verschlungenen Komplexauflösungen der inneren Notwendigkeit als einer ethischen Entschuldigung, auf Leinwand projiziert - ein primitiver Versuch psycho-physischer Gesundbeterei. Aber Gesundbeterei, wie Psychoanalyse, sind objektive Medizin, statt subjektiver Balancierfähigkeit, in Widersprüchen zusammenbruchloser Auflösungen, deren wichtigste bleibt: Sexualität. Alle Aeusserungen sind sexuell - die ungeheuersten Differenzierungen; scheinbare Degeneration zeigt auch noch den Schwindel, der mit Kunst getrieben wird, als eine Verlügung mangelnden sexeullen Erlebens in ethische Selbstfluchtpositionen. Der Expressionissmus {!]‚ als von hier aus immer noch eindeutig erscheinend, wird nur dem Tier als dem sich komplexmässig und funktionell in diesen Selbstbeziehungen vollkommen Erlebenden, Auslebenden zugebilligt werden dürfen. Mensch ist simultan, Ungeheuer von eigen und fremd, jetzt, vorher, nachher und zugleich - platzender Buffalo-Bill von Apachenromantik grenzenlosester Realität - Realität des vortwälirend [!] Widersprüchigste Komplexe umfassendsten Erlebens. S̶e̶x̶u̶a̶l̶b̶e̶z̶i̶e̶h̶u̶n̶g̶e̶n̶.̶ In Form von Kinderschuhen als Telepathie, Theosophie, Okkultismus, Suggestion, Magnetismus, Schreck vor Verbrechen, Sicherung in Tradition, gegen Grenzen- auflösende Fähigkeit der Blutschande, der Homosexualität, der Polygamie und Polyandrie, der inneren Notwendigkeit der Kunst und so weiterer Komplexeinschränkungen, erlebt der Mensch keimhaft, schmavoll, aus der Not der Verdrängungen eine Tugend herausholend schon heute, wie unbewusste Versuche Weltkrieg oder l‘art pour l‘art - beweisen, die ungeheuere Möglichkeit der Aufgeschlossenheit seiner sexual psychischen Erlebensfähigkeit, die der ethischen Sprünge irgend welcher Künste nicht mehr bedarf. Versuche einer Steigerung der Sinnesorgane durch Wissenschaft und Kunst, die dennoch blosse Auflösungsgeste, Aggressionsumkehrung, gegen den Mensch gerichtet bleiben - wo die Kunst noch voraus vor der Wissenschaft eine bewusste Unmoral, Unobjektivität behält und als Haben buchen kamt Kubismus, Futurismus, Ausdrucksmaterial Visueller Intellektualität, mit der grossen Geste des Durchbruchs des Erlebens in die vierte Dimension, bleiben Versuche zu einer Komplexerweiterung der Wahrnehmung optischer Chemotropismen. Im ophischen Kubismus und Futurismus sind vielleicht die spontansten Erkenntnisse weit über okkultistische Od-Lehren hinaus gemacht worden - beinahe Naturalismus unserer bislang erst innerst funktionierenden simultanen Kontrastverschlungenheit. Der Expressionismus, Symbolik dieser Triebumkehrung - innerer Notwendigkeit - immer mehr in ästhetischer Weittiberwindung versinkend, ist heute ein einrubrizierter Begriff, Lebensnotwendigkeit gleich Kohlenkarte oder Schleichhandel flur Leute weit vom Schuss, dem Zwang zum Erleben. Das Material des expressionistischen Malers endigend in einer beinahe astralen Blödigkeit der Farb- und Linienwerte zur Ausdeutung sogenannter seelischer Klünge - wo noch nicht einmal der Rythmus [!] zulangt, abgehackt, ausfallenlassend, ausser allem beziehungsweisen Erleben stehend als ästhetische Romantik. Kubistischer Orphismus, Futurismus, die ihre Mittel, Farbe auf Leinwand, dann Pappe, künstliche Haare, Holz, Papier in wirkliche Durchdringungsbeziehung zu bringen vermochten, wurden zuletzt von ihrer eigenen wissenschaftlichen Objektivität gehemmt. L‘art Dada wird Ihnen eine ungeheuere Erfrischung, ein Anstoss zum wirklichen Erleben aller Beziehungen bieten. Dada: das ist die vollendete gültige Bosheit, neben der exakten Photographie einzig berechtigte bildliche Mitteilungsform und Balance im gemeinsamen Erleben - jeder der in sich seine eigenste Tendenz zur Erlösung bringt, ist Dadaist. An dada werden Sie Ihren wirklichen Zustand erkennen; wunderbare Konstelationen [!] in wirklichem Material, Draht, Glas, Pappe, Stoff organisch entsprechend Ihrer eigenen gradezu vollendeten Brüchigkeit, Ausgebeultheit. Nur hier gibt es erstmals keinerlei Verdrängungen, Angstobstinantionen, wir sind weit entfernt von der Symbolik, dem Totemismus; elektrische Klavier, Gasangriffe, hergestellte Beziehungen, Brüllender in Lazaretten, denen wir erst durch unsere wunderbaren widerspruhsvollen Organismen zu irgend einer Berechtigung, drehender Mittelachse, Grund zum Stehen oder Fallen verhelfen. Durch die Vorzüglichkeit der Schlagkraft unserer Materialverwertung als letzter Kunst einer in Bewegung begriffenen, fortschreitenden Selbstdarstellung mit aufgeben der traditionellen Sicherungen der umgebenden Umherstehenden, als einverleibter Atmosphaire.
7.April 1918 Hausmann"