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Die Kornscheuer
  • © Berlinische Galerie / Wolfgang Wittrock
  • Repro: Berlinische Galerie
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KORNSCHEUER
DIE KORNSCHEUER
„DIE KORNSCHEUER“. GESELLSCHAFT FÜR KUNSTVERTRIEB UND KUNSTVERLAG CONSTANTIN J. DAVID & CO.

Adresse: BERLIN, Preussen/Provinz Brandenburg (Berlin), Wilmersdorferstrasse 56 IV
Leiter: Constantin J. David
Bestand: 1920-1923
Charakteristik: Gesellschaft für Kunstvertrieb und Kunstverlag
„Die Kornscheuer, [Berlin-] Charlottenburg, Wilmersdorferstr. 55/56. Gegr. 1919. Wirtschaftliche Sicherstellung des Künstlers auf internationaler Basis, Förderung des Kreislaufes der Kunst. Generalleiter: J. David“ (Dresslers Kunsthandbuch.- Berlin 1923, S. 860)

Ausstellungen:
1921: Max Band, Oskar Fischer, Hannah Höch, Richard Janthur, Walt Laurent, Dora Schlehvoigt-Roth
1922: Oskar Fischer; Paul Gangolf, Paul Goesch, Erwin Hass, Franz Mutzenbecher

Verlag:
Die Kornscheuer. Monatsschrift für die Gesamtinteressen der Kunst. Jg. 1. 1920 - Jg. 2. 1921

Bemerkung:
„Die Kornscheuer“ war ein 1919 in 's-Gravenhage (Den Haag) gegründetes Ausstellungs- und Verlagsunternehmen das im Sinne einer Künstler-Selbsthilfe als eine frühe Art der Produzenten-Galerie angesehen werden kann. Zweighäuser wurden in Warschau, Moskau, Rom, New York und Berlin geplant oder eingerichtet.
Die erste Aktivität in Berlin war die von der Kornscheuer veranstaltete Ausstellung „Junge holländische Malerei“, die, unterstützt von Ludwig Justi, 1920 im „Kronprinzen-Palais“ stattfand und 1921 im Kunstverein Leipzig und in den -> HANSA WERKSTÄTTEN, Hamburg gezeigt wurde. Anlässlich dieser Wanderausstellung erschien 1920 das „Sonderheft Holland“ der Zeitschrift „Die Kornscheuer. Monatsschrift für die Gesamtinteressen der Kunst“ (die zwischen 1920 und 1921 im Verlag Hermann -> RECKENDORF erschienen ist). Herausgeber der Zeitschrift und Leiter der Berliner Kornscheuer war der Schriftsteller (und spätere Drehbuchautor und Regisseur) Constantin J. David (1886-1964).
Die Unternehmung war gross gedacht: Neben der Gründung der „Zweighäuser“ in zahlreichen Städten wurde für März 1921 eine „Internationale Konferenz der Kornscheuer“ in Paris angekündigt unter Beteiligung von Deutschland, Holland, Frankreich, England, Belgien, Rußland und Polen, angedacht war auch die Gründung eines „geistigen Völkerbundes“ sowie die materielle Sicherstellung der „Kornscheuern“ (Der Ararat. H. 3 v. März 1921, S. 120).
In der Zwischenzeit wurden Räumlichkeiten in Berlin-Charlottenburg, im vierten Stock des Hauses Wilmersdorferstrasse 56, gefunden und eingerichtet. Die Eintragung im Berliner Adressbuch lautete: „Die Kornscheuer“. Gesellschaft für Kunstvertrieb und Kunstverlag Constantin J. David & Co. Charlottenburg, Wilmersdorferstrasse 55 (Berliner Adressbuch 1921, S. 1526; 1922, S. 1620; 1923, S. 1611).
Die erste Ausstellung fand im Herbst 1921 statt, worüber Willi Wolfradt als einer der wenigen, berichtete: „Zur Herbstausstellung der ‚Kornscheuer’ steigt man vier Treppen hinauf, ist somit auf Charakter vorbereitet - und findet ihn. Man bemerkt persönliche Wahl, der übliche Typus der Zufalls- oder Cliquenkollektion ist vermieden. Junge Leute. Von Namen allenfalls R. Janthur. Weiter Walt Laurent, O. Fischer (bleibt mir unwesentlich, stückig und ohne Bilddramatik). Von M. Band rühmliche Zeichnungen. Unter Kunstgewerblichem buntbestickte Wandbehänge von Dora Schlehvoigt-Roth und bizarre Stoffmuster von Hanna[h] Höch.“ (Das Kunstblatt. H. 1 v. Januar 1922, S. 39)
Der Besuch der Ausstellung liess zu wünschen übrig und David wandte sich in einem Aufsatz an die Öffentlichkeit, wo er unter anderem über ‚Die Kornscheuer’ schrieb: „Wesentlich für den Sammler neuer und jüngster Kunst ist, ihn mit dem Künstler, wenn irgend möglich, persönlich bekannt zu machen. Die Kornscheuer plant daher, zu ihren Ausstellungen die Künstler persönlich heranzuziehen, um ihnen eine Gelegenheit zu geben, mit dem, allerdings geladenen, Sammler in Berührung zu kommen: […] Immerhin aber ist es möglich, bei geschickter Auswahl, den Grundstein zu einem solchen Künstler-Sammlerkreis zu legen, der dann weiter ausgebaut zu der von der Kornscheuer in Vorschlag gebrachten Zentralvertriebsstelle führen muß.“ (Const. I. David: Die Kunst des Sammelns.- in: Der Sammler. Nr. 8 v. 25. 2. 1922, S. 116-117)
Auf der Suche nach Künstlern für die Ausstellungen wandte sich David an Adolf Behne, der darüber am 23. 3. 1922 an Walter Dexel nach Jena schreibt: „Lieber Herr Dexel - Herr David (‚Kornscheuer’) fragte mich nach Malern, die auszustellen wichtig wäre. Ich nannte Ihren Namen. Ob Sie von diesem Angebot Gebrauch machen sollen-? Wenn sie die Möglichkeit haben, im ‚Sturm’ auszustellen, würde ich ein Unrecht begehen, Ihnen zur Kornscheuer zuzuraten. Zwar sind die Räume unvergleichlich schöner, doch war der Besuch der I. Ausstellung miserabel - weniger eine Folge der Lage - als der flatterhaften Energielosigkeit des D.- “ (Hommage à Dexel 1980, S. 87)
1922 hatte der aus Karlsruhe nach Berlin übersiedelte Oskar Fischer seine erste grössere Galerieausstellung in der „Kornscheuer“, über die Ludwig Hilbersheimer begeistert schrieb: „Der Maler Oskar Fischer ist eine der bemerkenswertesten der neuen Malergeneration, die seit dem Expresionismus sich immer mehr durchsetzt. Mit künstlerischer Freiheit beherrscht er seine Mittel, vor allem die Farbe […] Einer Phase kubischer Spekulation folgt bei ihm eine solche geometrischer Abstraktheit […] Seine letzten und bedeutendsten Arbeiten sind technische Phantasien. Sie sind durch das Streben nach Konstruktivität, nach äußerer Exaktheit und Präzision gekennzeichnet.“ (Ludwig Hilbersheimer: Fischer.- in: Sozialistische Monatshefte. Band 58, 1922, S. 243, zit. nach: Oskar Fischer 2007, S. 10-11)
Im Mai 1922 ist noch eine weitere Ausstellung bekannt, die Werke von Paul Gangolf, Paul Goesch, Erwin Hass und Franz Mutzenbecher zeigte (Erwähnung in: Das Kunstblatt. H. 5 v. Mai 1922, S. 228).
Weitere Ausstellungen können derzeit keine namhaft gemacht werden, jedoch eine weitere Aktivität, die Gründung einer Kunstschule.
Der wahrscheinlich einzige Lehrer war der zwischen 1921 und 1923 in Berlin lebende Alexander Archipenko, dessen Engagement sogar eine Kurzmeldung wert war: „Der russische Bildhauer Alexander Archipenko tritt am 1. September in den Lehrkörper der Kunstschule der Kornscheuer in Berlin.“ (Der Kunstwanderer. 1. Augustheft 1922, S. 532). Zwei Schüler können genannt werden: der russische Fotograf und Avantgardekünstler Sasha Stone und die dänische Malerin Franciska Clausen.
Als 1923 in Dresslers Kunsthandbuch der folgende Eintrag erschien: „Die Kornscheuer. Kunstschule für Skulptur, Malerei, Graphik und Architektur. Gegr. 1. September 1922.- Leitung: I. David und I. Jacobsen. Leitung für Skulptur, Malerei und Graphik: Alexander Archipenko“ (Dressler 1923, S. 169), war die Schule schon wieder geschlossen und Archipenko in die USA übersiedelt.

Nachweise:
Dressler 1923

Adressbuch für den Berliner Buchhandel
Hommage à Dexel (1890-1973). Beiträge zum 90. Geburtstag des Künstlers. Hrsg. v. Walter Vitt.- Starnberg 1980
Oskar Fischer Karlsruhe - Berlin 1892-1955. Ausstellung und Katalog Karl-Ludwig Hofmann.- Karlsruhe 2007
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