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Galerie Valentien
  • © Berlinische Galerie / Wolfgang Wittrock
  • Repro: Berlinische Galerie
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VALENTIEN
Dr. F. C. VALENTIEN
GALERIE VALENTIEN

Adresse: STUTTGART, Württemberg (Baden-Württemberg), Königstrasse 14
Inhaber: Dr. Fritz Cornelius Valentien
Bestand: 1933-heute
Charakteristik: Kunsthandlung, Kunstbuchhandlung
„Dr. F. C. Valentien, Stuttgart, Königsbau. Kunsthandlung u. Fachbuchhandlung für Kunst. u. Bauliteratur. Gegr. 1. IV. 1933.“ (Adressbuch des Deutschen Buchhandels 1936, S. 585); „Dr. F. C. Valentien, Stuttgart, Königsbau. Die Fachbuchhandlung für Kunst und Literatur. Kunstgewerbe. Kunstausstellung“ (Anzeige in: Philobiblon. H. 1, 1940, Umschlagseite 2)

Ausstellungen:
1933: Adolf Hölzel zum 80. Geburtstag; Oskar Schlemmer, Sepp Mahler; Fritz Heeg-Erasmus; József Csáky ; „Das beste Bild des Jahres. Eine Auslese schwäbischer Kunst“
1933/1934: Gabriele Münter (50 Gemälde 1908-1933)
1934: Otto Baum; Hermann Sohn
1935: Ewald Mataré
1936: Georg Kolbe; Fritz Heeg-Erasmus; Walter Wörn (Wandbildstudien)
1937: Oskar Schlemmer; Adolf Hölzel und seine Schüler; Gabriele Münter; Werner Scholz (Pastelle); 200 Aquarelle (dabei u. a. Gerth Biese, Fritz Dähn, Xaver Fuhr, Franz Heinrich Gref, Alfred Kubin, Otto Lange, Reinhold Nägele, Christian Rohlfs, Wilhelm Rupprecht)
1938: HAP Grieshaber

Bemerkung:
Der Ostfriese Dr. Fritz Cornelius Valentien (1902-1997) war, ehe er in Wien Kunstgeschichte studierte, Eisenhändler. Vor 1930 übersiedelte er nach Stuttgart und war zeitweise Mitarbeiter
im  KUNSTHAUS SCHALLER, wo er sowohl in der Kunsthandlung als auch in der Buchhandlung arbeitete. Am 1. April 1933 gründete er die „Galerie Valentien“, die unter „Dr. F. C. Valentien“ firmierte und deren Betriebsgegenstand mit „Kunsthandlung u. Fachbuchhandlung für Kunst. u. Bauliteratur“ angegeben war (Adressbuch des Deutschen Buchhandels 1936, S. 585). „Einen unglücklicheren Start als die Anfangsmonate des Jahres 1933 hätte sich der damals 31jährige […] nicht aussuchen können.“ (Wilhelm F. Arntz: Ein Ostfriese und ein Rheinländer in Schwaben.- in: Gruss 1982, S. 12-16; Zit. S. 13)
Vereinzelt dürfte Valentien aber bereits vorher in der Falkertstrasse (wohl Wohnadresse) mit Kunst gehandelt haben. So ist beispielsweise ein Angebot aus dem Jahr 1930 an Alexander Dorner, den Direktor des Kunstmuseums Hannover, beinhaltend Werke von Lyonel Feininger, George Grosz, Oskar Kokoschka, Emil Nolde und Otto Mueller und Georg Schrimpf, bekannt (Günther Wirth 1989, S. 254).
Eröffnet wurde die Galerie im „Königsbau“, einem 1860 eröffneten spätklassizistischen Riesengebäude, das ursprünglich als Konzert-, Ball- und Geschäftshaus als Abschluss des Schlossplatzes errichtet wurde. Die Geschäftsräume befanden sich auf der Rückseite des Gebäudes, in der Königsstrasse 14. Den Ausstellung des jungen Galeristen wurde attestiert, dass seine „Einzelausstellungen in hohem Maße Mut bekunden“. (Zit. nach Günther Wirth 1989, S. 254) Eine dieser Ausstellungen war Oskar Schlemmer gewidmet, dessen Personale im Frühjahr 1933 im Kunstverein abgehängt worden war. Für Schlemmer (und wohl auch für Valentien) war die Frage, ab man in diesem „Moment der Aufpeitschung etwas tun oder lassen soll. Wenn es ein ‚Fall’ werden sollte, dann möchte ich als Schauplatz gern meine Geburtsstadt wählen, den Ort meines Akademiestudiums, den ich trotz allem nicht verlernte zu lieben.“ (Oskar Schlemmer an Fritz C. Valentien, 18. 3. 1933, abgedruckt in: Oskar Schlemmer 1958, S. 306-307) Trotz aller Probleme und Behinderungen stellte Schlemmer auch 1937 nochmals bei Valentien aus, worüber er an den Berliner Kunsthändler  FERDINAND MÖLLER schrieb: „Sogar die Kunsthandlung Schaller [ SCHALLER, Stuttgart] hat sich wieder gemeldet. Ich muß aber der Galerie Valentien den Vorzug geben, da Herr Dr. Valentien, im Gegensatz zu Schaller, mir in den schwierigen letzten Jahren der Umstellung sehr tatkräftig geholfen hat. In Stuttgart habe ich immer noch einen erfreulichen Anhängerkreis, sodaß ich diese Chance nicht ausschlagen wollte.“ (Oskar Schlemmer an Ferdinand Möller, 30. 3. 1937, abgedruckt in: Eberhard Roters 1984, S. 283)
1933 stellte auch Sepp Mahler bei Valentien aus, welche Ausstellung polizeilich geschlossen wurde (Wohnsitz: Nirgendwo, S. 346). Mahler, er hatte einige Semester an der Akademie in Stuttgart studiert, war ein vazierender Künstler, der in Stuttgart 1929 bei der „1. Vagabunden Kunstausstellung“ im  KUNSTHAUS HIRRLINGER teilgenommen hatte und 1930 bei  SCHALLER sowie 1934 in der Berliner Galerie  GURLITT (mit)ausstellte (Wohnsitz: Nirgendwo 1992, S. 346). Zur Mahler-Ausstellung bei Valentien schrieb der NS-Kurier: „Herr Valentien hält den starken Ausdruck allein schon für eine Eigenschaft, welche die Existenz eines Bildwerkes rechtfertigt. Das ist aber ein Irrtum, genau so falsch, wie wenn ein Künstler meint, der untadelige Charakter eines Modells erhebe ein Porträtbildnis über jede Kritik. Nein, diese Meinungen gehen fehl […] Unsere Zeit fordert das Gesunde, weil sie es braucht. Wem die Kunstpflege anvertraut ist, der darf an dieser Forderung nicht vorbeigehen, sonst ist er falsch am Platze.“ (NS-Kurier. 13. 9.1933)
Trotz zahlreicher Anschüttungen durch die offizielle Kunstkritik erwarb sich Valentien besonderen Verdienst durch die Veranstaltung einer Ausstellung zum 80. Geburtstag von Adolf Hölzel, woran sich der Galerist 1961 erinnerte: „1933 war zum 80. Geburtstag im Kunstverein eine große Hölzel-Ausstellung geplant, die von den Nazis verboten wurde. Hölzel war damals sehr verbittert und freute sich, als ich, in kleinem Umfang zwar, die Ausstellung bei mir veranstaltete. […] Die Folgen waren für mich nicht sehr angenehm: die Nazipressen erhielten die strikte Anweisung, alle meine Kunstveranstaltungen abfällig zu besprechen.“ (Brief Fritz C. Valentien an Wolfgang Venzmer in: Wolfgang Venzmer 1982, S. 203). Anlässlich des Geburtstages veröffentliche Valentien auch einen Artikel in „Die Weltkunst“, bei der er gelegentlich mitarbeitete (F. C. Valentien: Hölzel und die abstrakte Kunst.- in: Die Weltkunst. Nr. 27 v. 2. Juli 1933, S. 2). Trotz dieser Probleme wurde Hölzel 1937 nochmals gezeigt, diesmal auch mit Werken seiner Schüler.
Mit der Dezember-Ausstellung unter dem Titel „Das beste Bild des Jahres. Eine Auslese schwäbischer Kunst“ eckte Valentien wieder mit der offiziellen Kunstberichtserstattung an. Unter dem Untertitel „Methoden unzeitgemäßer Kunstpflege“ schreibt Carl Albert Drewitz: „Die Galerie Valentien hat uns des öfteren schon Anlaß gegeben, unter kritischen Gesichtspunkten die Kunstpolitik ihres Leiters zu betrachten. Die Weihnachtsausstellung […] gibt uns von neuem Gelegenheit, die Methoden dieses Kunstinstituts zu brandmarken. [… Als] Einwand gegen diese Ausstellung in ihrer Gesamtheit möchten wir vorbringen, daß trotz wiederholter richtungsweisender Aeußerungen maßgeblicher Stellen in der bildenden Kunst, trotz klarer Herausarbeitung ihrer Aufgaben, die wir wiederholt umschrieben haben, F. C. Valentien immer noch Erzeugnisse einer Kunst auszustellen beliebt, die nicht im Sinne des Kulturaufbaues gelegen sind. Wir hegen die Vermutung, daß der Leiter der Galerie Valentien durch die Verkopplung guter vorbildlicher Arbeiten mit solchen abzulehnender Tendenzen den letzteren einen Lebensraum schaffen möchte, der ihnen im Interesse der Kultur nicht mehr gehören darf.“ NS-Kurier, Dezember 1933, gez.: Drewitz; Faksimile in: Gruss 1982, S. 24)
1936 stellte Walter Wörn Wandbildstudien aus (Walter Wörn 1991) und Valentien versuchte durch einen Vortrag von Alois J. Schardt zum Thema „Natur und Kunst in der Malerei des ausgehenden 19. und 20. Jahrhunderts“ Verständnis für die Kunst zu vertiefen. 1937 stellte Gabriele Münter zum letzten Mal in Deutschland aus.
Am 21. Mai 1938 wurde unter dem Titel „Arabische Volksbücher, griechische Volksmalerei“ eine Ausstellung der Griechenland- und Orientreisen von HAP Grieshaber eröffnet.
„Es waren über 100 Bilder, Zeichnungen, Holzschnitte und Bücher des Untergrunds, die Dr. Valentien in seinen großen Räumen damals ausgestellt hat. Walter Renz hatte geholfen: gerahmt, gehängt.“ (HAP Grieshaber: Dank verjährt nicht.- in: Dabei. Blätter der Kulturgemeinschaft des DGB. H. 3, 1971, S. 23-24) „Was die wenigen Neugieringen bei Valentien sahen, Wandbilder in ägyptischen Dörfern oder einen ‚Eierladen in Athen’, Figuren und Plakate des griechischen Schattentheaters […] Obwohl in der Ausstellung an arabischen und griechischen Schrifttafeln nicht gespart worden war, kamen dem Abgesandten des Propagandaministeriums, dem Professor Gretsch vom Landesgewerbemuseum, denn auch Bedenken, ob das alles nicht ‚verjudet’ sei. Das wurde ihm, wie Grieshaber sich später erinnerte, guten Gewissens bestätigt, ‚die Araber seinen ja die Semiten’. (Malgré tout 1984, S. 1-2) Zur Ausstellung eingeladen wurden auch die Mitglieder der im Mai in Stuttgart tagenden „Gesellschaft der Bibliophilen“, jedoch schien kein besonderes Interesse bestanden zu haben. „Es kamen auch meist nur Künstler wie Willi Baumeister oder Otto Baum“ (Malgré tout 1984, S. 17). Verkauft wurde nicht eine einzige Arbeit. „Niemand kann sagen, er habe im Dritten Reich auch nur einen Holzschnitt von mir gekauft! Aber schön ist die Ausstellung doch gewesen! Ich habe es Dr. Valentien nicht vergessen und Dank verjährt ja nicht.“ (HAP Grieshaber: Dank verjährt nicht.- in: Dabei. Blätter der Kulturgemeinschaft des DGB. H. 3, 1971, S. 24)
Sowohl Grieshaber als auch Wörn waren auch nach dem Krieg in der Galerie Valentien vertreten und ausgestellt. Die Wörn-Ausstellung aus dem Jahr 1936 wurde dank der Witwe des Künstlers 1991 in rekonstruierter Fassung nochmals gezeigt (Walter Wörn 1991).
Als „Fachbuchhandlung für Kunst- und Bauliteratur“ (Adressbuch des Deutschen Buchhandels 1936, S. 585) respektive als „Fachbuchhandlung für Kunst und Literatur. Kunstgewerbe. Kunstausstellung“ (Anzeige in: Philobiblon. H. 1, 1940, Umschlagseite 2) hatte Valentien neben dem Kunsthandel noch ein zweites Standbein, das ihm über die schweren Zeiten helfen sollte. Daneben betrieb er, wenn auch in kleinerem Umfang, Handel mit „entarteter“ Kunst (Andreas Hüneke 1987, S. 104), handelte aber auch mit Kunst des 19. Jahrhunderts wie beispielsweise mit Werken von Alois Greil und Leopold Kerpel (Sechster Bericht 2005).
1944 wurde die Galerie durch Bomben zerstört, jedoch in der Nachkriegszeit nach einem Intermezzo an der Adresse Herdweg 75 wieder im Königsbau etabliert, wo sie bis 1996 tätig war. Es erfolgte die Übersiedlung in eine 1911 von Paul Bonatz erbaute Villa in der Gellertstrasse 6, wo bereits seit 1975 auch Ausstellungen durchgeführt wurden. Inhaber der auf Künstler der Klassischen Moderne sowie zeitgenössische Kunst spezialisierten Galerie ist der 1933 geborene Sohn des Gründers, Dr. Freerk C. Valentien, der nach einer Auktion „aus unseren Lagerbeständen“ (19. 9. 2009) 2010 nach Stuttgart-Gänsheide übersiedelte.

Nachweise:
Adressbuch des Deutschen Buchhandels

Oskar Schlemmer: Briefe und Tagebücher. Hrsg. v. Tut Schlemmer.- München 1958
Wolfgang Venzmer: Adolf Hölzel. Leben und Werk.- Stuttgart 1982
Gruss an Fritz C. Valentien. Fritz C. Valentien zum 80. Geburtstag 23. April 1982.- Stuttgart 1982
Eberhard Roters: Galerie Ferdinand Möller. Die Geschichte einer Galerie für Moderne Kunst in Deutschland 1917-1956.- Berlin 1984
Malgré tout. Grieshaber mit seinen Freunden. Bearbeitet von Ludwig Greve.- Marbach 1984
Günther Wirth: Verbotene Kunst. Verfolgte Künstler im Deutschen Südwesten 1933-1945.- Stuttgart 1987
Andreas Hüneke: „Dubiose Händler operieren im Dunst der Macht“. Vom Handel mit „entarteter“ Kunst.- in: Alfred Flechtheim. Sammler, Kunsthändler, Verleger.- Düsseldorf 1987, S. 101-105
Walter Wörn. Die Frühzeit bis zum Jahr 1936. Rekonstruktion einer Ausstellung aus dem Jahre 1936.- Stuttgart 1991
Wohnsitz: Nirgendwo. Vom Leben und vom Überleben auf der Straße. Hrsg. vom Künstlerhaus Bethanien.- Berlin 1992
Kunststadt Stuttgart. Eine Studie, erstellt von Studenten des Kunsthistorischen Institutes der Universität Stuttgart unter der Leitung von Prof. Dr. Beat Wyss.- Stuttgart: Kunsthistorisches Institut 2000
Sechster Bericht des amtsführenden Stadtrates für Kultur und Wissenschaft über die gemäß dem Gemeinderatsbeschluss vom 29. April 1999 erfolgte Übereignung von Kunst- und Kulturgegenständen aus den Sammlungen der Museen der Stadt Wien sowie der Wiener Stadt- und Landesbibliothek.- Wien 2005